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erinnerung—„aber ich glaube, es war— es war Frau Volkmar und Herrn Gisbert wohl nicht recht, daß ich so geweint, doch,“ schloß sie zaghaft,„ich konnte mir nun einmal nicht helfen.“
Ein verständnißvolles Lächeln zuckte um den Mund des Stubenmädchens; sie hatte längst bemerkt, wie die Sachen zwischen Gisbert und der jungen Fremden lagen, und sie hatte auch lange genug in einem herrschaftlichen Hause gedient, um Unterscheidungen machen zu können. Sehr gut würde das Bürgermädchen es schon nicht haben neben der stolzen Edith!
„Ei Fräuleinchen, das haben Sie sich so zu Herzen genommen, daß Sie heute noch trüb und blaß davon aussehen! Sehen Sie, daraus würd' ich mir nun schon garnichts machen, und ich würde meinem Wilhelm schon was anderes sagen, wenn er daherkäm' und wollt' mir's Weinen oder Lachen verbieten. Freilich,“ lenkte die im Eifer zu weit Gegangene ein wenig verlegen ein,„das ist bei den vornehmen Herrschaften ja alles ganz anders, da hat unsereins keinen Verstand davon. Die haben sich oft so wunderlich und reden so schön und so fein, aber ob sie sich so von Herzen lieb haben wie wir geringe Leut', das ist doch noch die Frag'.“
„Das ist doch noch die Frag'!“ hallte es in Käthens Innerm wieder, als sie sich eine Stunde später in ihrem besten Putze in den Salon verfügte, da man ja heute Gäste erwartete.
Sie hatte auf Linas Anrathen noch ein wenig geruht, ein Glas Portwein und das von Lina servirte Sardellenschnittchen hatten ihre Lebensgeister wieder angeregt, und wie sie jetzt in den Salon trat, war ihrem schönen Gesichte weder Unwohlsein noch Mißstimmung mehr anzusehen. Sie sah in der That allerliebst aus, wenn auch nicht ganz den Anforderungen der Tagesmode entsprechend, welche sich ja oft nur in schwer zu erfassenden Einzelheiten kund giebt. Gisbert, der seine Angebetete an diesem Tage noch nicht gesehen, sonnte sich in ihrer frischen Schönheit, und selbst Frau Volkmar konnte sich bei ihrem Anblicke eines beifälligen Lächelns nicht enthalten.
In diesem Augenblicke hatte das schlichte Dorfmädchen das volle Bewußtsein seiner Schönheit; Käthe hatte durch ihr Aeußeres siegen wollen nach der gestrigen Niederlage, und sie that es auch; trotzdem war ihr weher ums Herz, als man bei so strahlenden Augen und lächelndem Munde füglich hätte vermuthen können. Was war es denn nur, was sie plötzlich das Glück ihrer Zukunft an Gisberts Seite, die Pracht ihrer Umgebung, das ganze Treiben um sie her, in so ganz anderm Lichte erblicken ließ? Gisbert liebte sie, daran war kein Zweifel, und doch konnte sie den Ausdruck nicht vergessen, der gestern Abend in diesen selben Augen gelegen, mit denen er sie jetzt so entzückt betrachtete. Konnte das denn die rechte wahre Liebe sein, die da so viel nach der guten Meinung der Andern fragte— und hatte sie ihn so lieb, daß sie seinetwegen——“
Erschreckt fuhr sie zusammen: eine Hand hatte sich auf ihren Arm gelegt, und die stets liebenswürdige Elisabeth redete sie scherzend auf ihr Zerstreutsein an und suchte sie mit in die all— gemeine Unterhaltung zu ziehen. Zugleich aber meldete der Diener die ersten Gäste, einen ältern Verwandten der Hausfrau mit seiner bessern Hälfte, einer muntern, gemüthlich aussehenden Dame, die an Gesprächigkeit ihrem jovialen Eheherrn nichts nachgab. Allmählich fanden sich auch die übrigen Eingeladenen zusammen, unter denen natürlich auch der Lieutnant von Minkwitz und Adrian von Kemper nicht fehlten. Ersterer, welcher bei Tische seinen Platz neben der ältesten Tochter des Hauses hatte, schien heute durch irgend etwas geistig in Anspruch genommen, denn mehrfach geschah das Unerhörte, daß er eine Bemerkung seiner Nachbarin gänzlich überhörte, er, der sonst stets an ihren Blicken gehangen. Auf Ediths hoher weißer Stirn lagerte denn auch eine recht finstere Wolke; sie wußte genau, was diesem ihrem bevorzugten Bewerber heute so viel zu denken gab, daß es seine Unterhaltung mit ihr beeinträchtigte. Oskar von Minkwitz beobachtete unausgesetzt die räthselhafte, junge Fremde, welche vermöge ihrer lieblichen Schönheit auch einem Fürstenhofe zur Zierde gereicht haben würde, und welche doch so wenig in diesen Kreis zu passen schien, der sich doch aus zum größten Theile bürgerlichen Elementen zusammensetzte. Freilich aus solchen, in denen solider Reichthum, gediegene Bildung, innere Zusammen— gehörigkeit und äußere Machtstellung sich schon seit Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt hatten und welche nicht blos
selbst sich dem Adel vollkommen gleich schätzten, sondern von diesem auch als gleich gestellt betrachtet wurden. Was aber bedeutete jenes, wenn auch noch so schöne, in diesen Kreis nicht hineinpassende Mädchen, über dessen Herkunft ein gewisses Dunkel schwebte und dessen Anwesenheit in diesem Hause schon zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung gegeben? Sollte diese kleinbürgerliche Erscheinung wirklich berufen sein, einst den Ehren⸗ platz an eben dieser Tafel einzunehmen? Dann— ein bedauernder Blick streifte das schöne, vor innerer Erregung geröthete Antlitz seiner Nachbarin— dann freilich würde für ihn hier kein Platz mehr sein. Verwandt sein mit Gevatter Krämer und Handschuh⸗ macher— brrr! Das war mehr als ihm füglich zugemuthet werden konnte. Und eben jetzt— ein spöttischer Blick flog zu dem armen Kinde hinüber und von diesem wieder zu Gisbert — da saß dies Mädchen aus der Fremde und mühte sich in äußerster Verlegenheit ab, ein auf ihrem Teller befindliches Stück Hummer mitsamt der appetitlich rothen Schale in kleine, mund⸗
gerechte Stücke zu zerlegen;— die Mavyonnaise hatte sie gleich
über das Ganze gegossen.
Auf Gisberts Stirne perlten helle Tropfen. Hätte er nur wenigstens neben Käthe gesessen, daß er ihr ein verstohlenes Wort hätte zuflüstern können, doch Frau Volkmar hatte die heimlich Verlobten wohlweislich getrennt.
Käthe hatte ihren Platz zwischen einem noch sehr jugendlichen Neffen Frau Volkmars und dem bereits erwähnten, jovialen, ältern Herrn angewiesen erhalten, und wenn Letzerer auch mit lächelndem Staunen die fruchtlosen Bemühungen des hübschen Kindes bemerkt hatte, fühlte er sich doch nicht berufen, der jungen Dame Unterricht im Hummeressen zu geben.
Inzwischen war Käthe aber selbst auf die vernünftige Idee verfallen, bei ihren Tischnachbarn in die Lehre zu gehen; ein verstohlener Blick nach rechts und links, dann handhabte sie das ihr noch fremde Gericht in der Weise wie die Andern dies thaten, vorher aber fing sie noch einen überaus unmuthigen Blick Gisberts auf, in dessen Zügen deutlich die Pein zu lesen war, welche ihre Ungeschicklichkeit ihm verursachte. War es denn ihre Schuld, daß, in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, ihr die Ma⸗ nieren der eleganten Welt und so vieles, was damit zusammen⸗ hing, fremd geblieben war? Hatte Gisbert sie nicht in ihres Vaters Hause gekannt, bevor er sie hierher gebracht!
Der leise Groll, der schon seit den letzten Tagen immerfort in ihr gegährt, wallte höher auf und zugleich auch ein anderes Gefühl, dem sie keinen Namen zu geben vermochte, und das doch ihr Herz mit eigenthümlich beklemmender Freude erfüllte. Was war es doch nur, das ihr jetzt trotz Aerger und Beschämung dies Gefühl geborgener Sicherheit, tief innern Friedens verlieh, daß sie mit lächelndem Munde der Aufforderung ihres jevialen Nachbars nachkam und ihm in feurigem Rheinweine Bescheid that!?
„Sie sind fremd in hiesiger Stadt, Fräulein Steffens! Darf man sich erkundigen, wo Ihre Wiege gestanden?“ versuchte der würdige Justizrath zwischen Hummer und Fasanenbraten ein Gespräch anzuknüpfen.
„O, die stand, oder sie steht vielmehr noch in der Boden- kammer unseres Hauses, aus dessen Fenstern man gerade auf den Rhein blickt,“ versetzte Käthe munter.„Aber jetzt liegen alle meine Puppen und meine übrigen Spielsachen darin, womit Papa und Heinrich mich immer so freigebig beschenkt.“ l
„Heinrich— das ist dann wohl ein älterer Bruder?“ in⸗ quirirte der alte Herr weiter..
„O bewahre!“ lachte Käthe auf,„einen Bruder habe ich garnicht, Heinrich ist nur ein guter, lieber Freund, dessen Gut nicht weit vom Lindenhause abliegt, wo mein Vater wohnt.“
„Und das Lindenhaus liegt also am Rheine— bei—*
„Bei B.“ nickte Käthe zutraulich,„es heißt so wegen der schönen Linde, welche vor der Thüre steht und in deren Schalten die Gäste am liebsten zu sitzen pflegen.“
„Hm“— machte ihr Nachbar bedächtig— er wußte nun genau, woran er in Bezug auf das schöne Mädchen war— „hm, eine recht interessante Stadt, dieses B. Bin leider nur flüchtig dort gewesen, hat mir aber außerordentlich gefallen. Ei, da werden Sie die Söhne der alma mater wohl häufig genug im Lindenhause gehabt haben!“ fuhr er mit einem Seitenblick auf Gisbert neckisch fort.
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