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Notenbuch zur Erde polterte und die Umstehenden erschreckt aus⸗ einander fuhren. Ohne aufzublicken flüchtete sie aus dem Zimmer, in dem beschämenden Bewußtsein, sich in jeder Beziehung lächerlich gemacht zu haben. Mit fliegendem Athem stürmte sie die Treppe hinauf, an der bestürzt zurückweichenden Lina vorüber in ihren kleinen Salon, dessen Thüre sie doppelt hinter sich verriegelte. Laut weinend ließ sie sich auf das zierliche Ruhebett fallen— o, wie sie sich unglücklich, gedemüthigt, verlassen fühlte unter all' diesen hochmüthig oder spöttisch auf sie herabblickenden Leuten, deren Denken und Fühlen, deren Sprache und deren Manieren von den ihren so grundverschieden waren.
Gisbert— er mochte es wohl gut gemeint haben und sie hatte ihn auch gerne leiden mögen; dennoch überwog der Zorn jedes wärmere Gefühl für ihn in ihrem Herzen und was sie in den letzten Tagen wohl dunkel empfunden, was sie sich jedoch nie hatte eingestehen wollen, das stand mit einem Male fest und klar vor ihrer Seele.— Sie liebte Gisbert nicht, hatte ihn nie geliebt! Des Vaters Drängen, eigene Eitelkeit, und der Wunsch, reich, vornehm und gefeiert zu werden, hatten sie in dieses Haus geführt; nicht der unwiderstehliche Drang ihres Herzens.— O nein, ihr Herz—! Etwas Seltsames, Unbegreifliches kam über sie; sie hörte plötzlich auf zu weinen und blickte starren Auges durch das geöffnete Fenster in den sonnigen Nachmittag hinaus. Vor ihrem geistigen Auge aber erstand ein Bild, das mit dem gewaltigen Häusermeer nichts zu thun hatte. Grüne Wiesen und braune Aecker— ein mit lebender Hecke eingefriedigter, großer Obstgarten, wo eben jetzt die letzten überreifen Pflaumen welk an den Zweigen hingen und nur noch hie und da ein vergessener Apfel rothwangig aus dem Grase aufblickte. Hinter dem Obst⸗ garten ein freundliches Wohnhaus, an das sich Scheunen und Stallungen schlossen, und auf der grünen Holzbank unter dem mächtigen Nußbaume ein stattlicher, sonnengebräunter Mann mit braunem Vollbarte und, ach, so treuen, ehrlich blickenden Augen.
Ein Schrei entfuhr Käthens Munde, und sie streckte beide Hände aus, als ob sie etwas Liebes erfassen und an sich ziehen wolle— dann schlug sie dieselben vor ihr erglühendes Gesicht.
Der Schleier war ihr plötzlich von den Augen gefallen; sie wußte nun, wohin ihr Sehnen immer gestanden, was ihr gefehlt in der letzten Zeit und warum ihr Herz leer und unbefriedigt geblieben. O, und nun wußte sie auch, was an jenem Abende in Heinrichs Seele vorgegangen, als sie, in eitlem Triumph— gefühl, ihm von ihrer glänzenden Zukunft an Gisberts Seite erzählt, nun verstand sie Blick und Ton, mit dem er ihre Mit— theilungen entgegen genommen. Sie wußte es nun, daß Heinrich sie immer geliebt und sie ihn wieder, und daß Eines nicht glücklich werden könne ohne das Andere.
Gott Lob, daß es noch nicht zu spät war, daß noch alles gut werden konnte! Nur mußte sie fort von hier, fort so schnell wie möglich— der Boden brannte ihr unter den Füßen. O, und nur jetzt keinem wieder begegnen müssen von all' denen, die ein Recht hatten, Erklärungen von ihr zu fordern, vor allem Gisbert, gegen den sie eine wirkliche Schuld auf sich geladen, wenn sie sich auch selbst nicht klar darüber gewesen, was sie ge— than. Fort wollte sie, noch in dieser Stunde fort.
Da ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen;— erschreckt fuhr sie empor, und nun pochte es lauter und Lina's Stimme bat um Einlaß. Erleichtert athmete Käthe auf— das Mädchen führte ein glücklicher Zufall her— schnell schloß sie die Thür auf.
„Lina, Sie müssen mir helfen, wollen Sie?“ redete sie hastig auf das verdutzte Mädchen ein.—„Ich— ich— muß nämlich plötzlich abreisen, ich will den nächsten Zug benutzen und Sie sollen mir eilig eine Droschke besorgen. Meine Sachen können
mir nachgeschickt werden— ich— ich möchte Niemanden stören — und will ein Briefchen zurücklassen, das Sie später wohl an Frau Volkmar geben.— Und hier, nehmen Sie,“ sie drückte
der Ueberraschten ein Goldstück in die Hand,„wenn man Sie schelten sollte, so sagen Sie nur, wenn Sie mir keinen Wagen geholt hätten, würde ich zu Fuß gegangen sein, denn gehen „will und werde ich!“
Schon hatte sie Feder und Papier ergriffen und ohne sich nur Zeit zum Nachdenken zu gönnen, warf sie ein paar Worte
der Entschuldigung hin, mit dem Versprechen, von ihres Vaters Hause aus sofort ausführlich die Gründe klarlegen zu wollen, welche sie zu dieser eiligen, heimlichen Abreise bewogen. Dann griff sie nach Mantel und Hut, ordnete etliche Kleinig⸗ keiten in ihre Handtasche und huschte, ängstlich um sich schauend, den Korridor entlang und die Treppe hinunter. Niemand be⸗ gegnete ihr und als sie unter dem großen Einfahrtsthore anlangte, fuhr auch eben die Droschke vor, welche Lina ihr in aller Eile von dem nächsten Halteplatz herbeigeholt. Und nun wollte doch eine Regung der Wehmuth die Flüchtige überkommen, da sie, schon im Wagen sitzend, dem mit theilnehmenden Blicken sie be⸗ trachtenden Mädchen zum Abschiede die Hand bot. So kurz erst war es her, daß sie ihren Fuß zuerst in jene Halle gesetzt, daraus sie jetzt heimlich entwich, und doch überwogen die Erfahrungen und Erlebnisse dieses kurzen Zeitraumes bei weitem die ihres ganzen früheren Lebens. Doch nur einen kurzen Moment; dann kehrte mit der Angst, noch im letzten Augenblicke zurückgehalten zu werden, auch ihre entschlossene Haltung zurück. „Leben Sie wohl, Lina, und haben Sie Dank für jede Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen! Geben Sie, bitte, meinen Brief der Senatorin und grüßen Sie auch Fräulein Elisabeth noch vielmal von mir. Leben Sie wohl!“ Die Pferde zogen an, der Wagen rollte davon. Frau Volkmar durfte mit dem Erfolge ihres klugen Planes vollkommen zufrieden sein; hatte das kleine Bürgermädchen doch genau das gethan, was die stolze Patrizierin von ihm erhofft und erwartet: es hatte aus eignem Antriebe der Ehre einer Verbindung mit dem Erben des Volkmar'schen Namens und Reichthums entsagt.
(Schluß folgt.)
Nöschen's Vallabend. Von M. Lenz.
„Nein, aber wie langsam Du heute bist, Röse!— Du brauchst ja eine wahre Ewigkeit, um mir das bischen Taille zuzunesteln!“
„Verzeih', Milla, die Oesen sind gar so klein, und dazu bin ich in steter Angst, daß die Nähte platzen möchten, wenn ich so rasch zusammenziehe.— Ob Du auch wirst athmen können in dem schrecklich engen Panzer, Milla?“
„Das lass' Du nur meine Sorge sein, Kind! Ein Wuchs wie der meinige erfordert zwar keiner künstlichen Nachhülfe, aber ein bischen geschnürt gehört trotzdem zur Sache! Zieh' nur tüchtig, ich werde den Athem anhalten und mich recht dünn machen!“ 1
„Die Ellenbogen noch etwas mehr zurück, bitte, liebe Milla!“ So, gottlob fertig!— Sie sitzt, gottlob, sie sitzt!“ f 1 Hebe einmal die Lampe hoch, damit ich besser sehen kann,
öse!“
Die schöne Ludmilla Almens drehte sich vor dem Spiegel um und um, und was das Glas gehorsam zurückstrahlte, war eine tadellose Figur, umschlossen und umflossen von einer mit kostbaren Spitzen überrieselten Ballrobe von lichtgrüner Seide.
Ja, sie saß, und wie saß sie, diese knappe Taille! Milla's kaltes, regelmäßiges Gesicht nahm unwillkürlich einen triumphirenden Ausdruck an. Sie war zufrieden mit sich selbst und ihrer Schneiderin.
„Gut, so weit wären wir, nun kommen die Blumen an die Reihe:— Herrliche Seerosen, nicht wahr, Kind? Und ganz wunderooll mit Schilf gewunden, was sehr apart aussieht. So, dieser Zweig kommt an die Brust; ach, du lieber Himmel, nicht so tief, mehr auf die Schulter!— Höher— noch etwas höher! — Ei, warum nicht lieber gleich auf den Rücken! Du fällt immer in's Extrem, Röse! Hast Du denn gar kein Verständniß für Chic, Mädchen? Meine Modenjournale liegen überall offen herum; da hättest Du Dir doch längst die nöthigen Begriffe über die Blumenarrangements einer modernen Balltoilette bei⸗ bringen können, aber freilich, wenn man weder Talent Geschmack hat“——
„Wenn ich vielleicht erst selber einmal auf einem Ball ge⸗ wesen bin und all' die schönen Toiletten gesehen habe, werde ich gewiß besser wissen“— a
„Du?— auf einem Ball?“— Es lag ein Gemisch von


