Ausgabe 
22.7.1888
 
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238?

Zur Zeit höre ich freilich ihren Namen zum ersten Mal, bemerkte Lützel.

Kousine der Frau Steinwald, brummte der Wirth zum Stadtwappen, während er gleichgültig einen seiner fetten Dau men um den andern drehte.

Kousine, und was für eine! Ja, Sie können das aller dings nicht wissen, Wolf, es ist die Tochter von einem jüngeren Bruder des alten Lauscher und von diesem bei Lebzeiten, nach dem sie elternlos geworden war, aus Gnade und Barmherzig keit in Südhorn aufgenommen.

Na, na! Neben der Barmherzigkeit soll das Geld der Marie ja auch das Seine gethan haben.

Als ob's dem alten Lauscher Jemand hätte verdenken können, wenn er sich ein bischen dafür bezahlt machte, daß er sich so wenig an die Herkunft der Bruderstochter gescheert hat und sie nun gehalten wird wie ein Kind im Hause. So etwas nenne ich einen Akt der Barmherzigkeit. Du lieber Gott, am Ende kann das arme Wurm ja auch nicht dafür, daß seine Mutter von Haus aus eine Wäscherin war

Die ihr Mann aber nach und nach zur reichen Frau machte, replizirte Graf wieder brummend.

Eine ganz gewöhnliche Wäscherin, das läßt sich durch kein Geld noch Gut einfach aus der Welt schaffen, und so'n Ding von einem Mädchen hat ganz gewiß kein Recht, die Patzige herauszubeißen. Freilich, an ihrer Frau Kousine hat sie ja das beste Beispiel.

An Hedwig Steinwald? Wie meinen Sie das? rief Wolf. Aehnlich wie er heute Morgen den Freund gefragt hatte.

Frau Erika tupfte mit dem Zeigefinger der Rechten auf den Tisch.

Richtig, die kennen Sie am Ende selbst; der Alte bezog ja wohl öfter Holz aus den fürstlichen Waldungeu, damals, als Sie hier bei Ihrem seligen Vater beschäftigt waren.

Wolf nickte. Das Gespräch schien ihn zu interesstren.

Ich glaube, Du zeichnest ein wenig hart, Mama, warf Erika wieder ein;mich hat Frau Steinwald eigentlich immer mehr gedauert.

Mädchenideen! Mag sein, daß ihr Mann ihr zuweilen den

Kopf zurechtsetzt, wenn es noth thut.

Wolf rückte unbehaglich auf seinem Stuhle hin und her.

Hedwig Lauscher Hedwig Steinwald, sagen Sie, sollte

Frau Grafs Mund verzog sich zu einem schmerzlichen Bedauern.

Wissen Sie, Herr Wolf, man redet so Allerlei, und wenn man auch nicht Alles für bare Münze nimmt etwas Wahres bleibt immer daran, darauf können Sie sich verlassen; denn wenn ihr eigener Mann Andeutungen macht Mir thut der Mann leid.

Mir die Frau, sagte Erika obstinat.Doch was ist Ihnen, Herr Wolf? Sie wollen doch noch nicht fort?

Lützel war allerdings aufgestanden und suchte nach seinem Hute.

Ich fürchte schon zu lange geblieben zu sein

Nein, nein, Herr Wolf, Sie dürfen noch nicht Ein so lieber Gast, und die paar Minuten zum Plaudern, das reimt sich nun einmal nicht. Erst trinken Sie ein Gläschen Wein mit uns. Graf, Du kümmerst Dich auch um nichts! Ich will nur lieber selbst gehen

Mann und Frau verschwanden beinahe gleichzeitig, die beiden jungen Leute in peinlichem Schweigen zurücklassend: Wolf, welchem das eben Gehörte noch in den Ohren klang und der nicht recht wußte, sollte er bleiben oder gehen Erika, weil sie als junges Mädchen im Allgemeinen und als zartbesaitete Frauenseele im Speziellen die Verpflichtung hatte, mit ihren Gefühlsäußerungen stark zurückzuhalten. Die Bezeichnungjunges Madchen paßte zwar nicht mehr vollkommen für sie; denn sie zählte genau einen erlebten Lenz weniger als Wolf, aber das machte ganz und gar nichts, einmal hatte sie sich in der That ausgezeichnet konservirt und verstanden, durch den guten Ge schmack ihrer immer etwas aparten Toilette, welche ihren tadel losen Wuchs allemal zur gebührenden Geltung brachte, den Reiz der Jugend frisch zu erhalten, und dann fühlte sie ihr Herz noch reichlich jung. Ach, so jung! Wenigstens in diesem Augenblicke, als sie die langbewimperten Augen wieder einmal lässig auf⸗

findet.

schlug und träumerisch durch die Fensterscheiben wie in eine vi⸗ sionäre Herrlichkeit hinaussah.*

Auch Wolf sah hinaus. Er hatte ja beim besten Willen nichts Anderes zu thun. So kam es, daß er sich gleichfalls dem Fenster näherte, an welchem Erika stand. Schließlich brach er aber doch das Schweigen.

Wissen Sie, ob das Gerede der Leute einen greifbaren Hinter grund hat? fragte er. Seine Stimme klang dabei ein wenig rauh, als kämen die Worte nur unwillig über seine Lippen.

Welches Gerede?

Das über Steinwalds.

Sie schwieg 1

Ich meine Sie schienen Hedwig Frau Steinwald. weniger hart zu beurtheilen, und ich war Ihnen eigentlich 1 dankbar dafür. 0 5

Es giebt Dinge, über welche ein junges Mädchen kein Urtheil ziemt, entgegnete sie mit verständigem Niederschlag der. schönen Augen,aber ich habe Frau Steinwald immer nur bemit⸗ leidet. Ihr Blick hatte, wenn ich sie sah, stets etwas Trau⸗ riges, so

Sie haben ein gutes Herz, Fräulein Erika.

Haben Sie bisher daran gezweifelt, lächelte sie und stieß dabei einen leichten Seufzer aus.

Nein, antwortete er mit Wärme.Aber weiter, bitte!

Ich weiß wirklich gar nichts weiter zu berichten, Herr Wolf. Ich äußere ja auch nur so meine Gedanten; bei Frau Stein⸗ walds Anblick habe ich eben immer nur die Empfindung, sie sei so recht unglücklich, sie werde nicht nach Gebühr gewürdigt geliebt und ein langer tiefer Ahtemzug schwellte ihre Brust, so tief, daß Wolf Lützel ihn deutlich vernahmes muß etwas Gräßliches sein um das Bewußtsein, ungeliebt neben einem Manne einherzugehen. Ein flüchtiger, aber voller Blick traf Wolf.Ich weiß nicht, was mich dahin bringt, Ihnen solche Herzensregungen denn es sind doch gewissermaßen Herzensregungen zu offenbaren. Aber nicht wahr, Herr Wolf, Sie denken darum nicht schlechter von mir? Sie verzeihen einer alten Freundin schon ein freies Wort! 1

Als er jetzt in ihre Augen sah, standen sie wahrhastig voll Thränen, verlegen wandte er die seinen ab. Doch legte er mechanisch die Rechte in ihre halbausgestreckte Hand und mußte dabei unwillkürlich einen kleinen Schritt näherrücken, so nahe, daß er fühlte, wie ihre Schulter leicht die seine berührte.

Ungeliebt! Unverstanden!

Sie lispelte es mehr als sie es sprach und bedachte nicht, daß alles Denken des Mannes neben ihr sich um eine Andere drehte, deren Geschick ihm so nahe ging. Er schwieg. J

Ich könnte es dem armen Wesen nachfühlen, was es heißt o Wolf, wir wenigstens verstehen wir

Nein, es schien nicht. Wolf wenigstens hatte nicht verstanden, was sie da zuletzt sagte, wohl aber den losen Druck ihrer Hand, welche noch immer die seine umschlossen hielt, das zarte Beben in ihrer Stimme

Es ist doch Zeit für mich, sagte er, verwirrt nach Worten suchend. Diesmal fand er wirklich seinen Hut.Sie müssen mich bei Ihren Eltern entschuldigen, Fräulein Erika; ich wollte bis vier Uhr zurück sein, und nun ist es schon halb fünf.

Noch ein kurzesAdieu, und er war in der That gegangen.

Fräulein Erika! 1

Das der Lohn für die ihm seit den Kinderjahren bewahrte Treue, die Vergeltung für ihre Offenheit, welche ihm die ge heimsten Regungen ihres überströmenden Herzens aufgedeckt hatte! Zwar war ihr, seit man sieFräulein Exika titulirte, das heißt seit präter propter fünfzehn Jahren, kein heirathsfähiger Kirch⸗ berger mit der indiskreten Frage genaht:Fräulein Erika, wollen Sie mich glücklich machen? Aber die Liebe zum Einen wird dadurch nicht geschwächt, daß sie keinen Anderen als Ziel Und nun war er da, am Horizonte des Städtchens auf⸗ gestiegen wie ein Komet, und der ganze Stammtisch im Stadt⸗ wappen sang sein Lob. Und nun:Fräulein Erika!

Und die unverstandene Seele stieg hinauf in ihr jungfräuliches Gemach, setzte sich dort in den heimlichsten Winkel und zerbiß ihr halbes Taschentuch. 5

CVVVCVVVVVVVVVVVVVVVVVVVyVcU!.!