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Er aber, der Kalte, Herzlose, fuhr andern Tags in ihrem väterlichen Wagen richtig nach Südhorn.
Allerdings in fragwürdiger Stimmung. Vergebens hatte er den Grund zu Pförtner's sarkastisch⸗herben Bemerkungen über Steinwalds aus des Freundes Aeußerungen herauszufühlen ver— sucht; einer direkten Frage war dieser ja mit einem mysteriösen Scherz ausgewichen:„Ich wüßte nicht, was Dich abhalten sollte, mal ein bischen zu riskiren, hast ja augenblicklich die allerbeste Zeit dazu.“
Wolf gedachte auch der Worte seiner Jugendgespielin Erika. Sollte Hedwig Steinwald in der That unglücklich sein, ihre Tage dahinleben ungeliebt, an der Seite eines ungeliebten Gatten? Hedwig! War sie's nicht eigentlich, die ihn nach Süd— horn hinzog mit wundersamer Gewalt, in welcher Neugier und warme Theilnahme vielleicht versetzt waren mit einem Rest— alter Liebe? Wie lange war's doch her? Zehn Jahre und dar— über. Sein Vater, der fürstliche Kammerrath, lebte noch, und der alte Lauscher vertrieb in seiner nicht unbedeutenden Handlung manches Quantum Nutzholz aus den fürstlichen Waldungen. Da war Wolf denn manchmal in väterlichem Auftrage nach Wald— beck gefahren, hatte dabei Hedwig kennen gelernt, war vertrauter mit ihr geworden, und zuletzt— wie unpraktisch, wie unsinnig doch mitunter ein paar junge Leute denken und handeln können! Zumal wenn sie verliebt sind!
„Meine Tochter? Und meine Erlaubniß dazu? I, mit Ver⸗ gnügen, selbstverständlich! Da ich selbst Standesbeamter bin, kann ich mich ja gleich an's Kopuliren geben. Ausgezeichnete Idee, dagegen kann kein Mensch'was haben!“
Da war denn unserem Wolf zwar bewußt geworden, daß er allerdings nichts war als eine Art Adjunkt seines Vaters, in dessen Posten er allenfalls späterhin einmal aufrücken konnte, aber der scharfe Hohn schnitt doch wie ein Messer in sein zwanzig⸗ jähriges Herz. Er war nie wieder nach Waldbeck zurückgekehrt. Mit vieler Mühe überredete er seinen Vater, ihn seiner Neigung nach auf ein Polytechnikum zu schicken, von wo er nur einmal im Jahre heimkam, bis er eines Tages des Alten Augen zu— drücken mußte— vor acht Jahren, gerade wenige Wochen, nach— dem Hedwig dem vermögenden, glatten, kavaliermäßigen Fritz Steinwald angetraut worden war. Da. hielt ihn nichts mehr in der Gegend von Kirchberg, in der Welt draußen aber hatte er Erfolg gehabt. Jetzt eben wollte er eine zweimonatliche Muße bei seinem alten Freunde Pförtner verleben.
Und nun war er auf dem Wege zu Steinwald und— dessen
Gattin! Ihm ward doch warm im Gedenken vergangener Tage,
er hätte dem flachshaarigen Töne Drunkemöller, der auf dem Bock des Einspänners sein Liedchen pfiff, kurzweg aufgeben mögen umzukehren. Aber er that es nicht. Unendlich willens⸗ träg, unklaren Denkens ließ er den Wagen weiterrollen. Vorbei an graustoppeligen Feldern, über welche der Wind hinstrich, am Rande eines Waldes, durch dessen lichte, braungoldene Herbstlich— keit seit lange schon beständig das leise Rascheln fallenden Blatt- werks lispelte. Dort drüben zur Linken lugte es heller zwischen Buchenstämmen und kahlerem Unterholz hervor, dort war eine Wiese, an deren Saum er einst mit Hedwig Lauscher zusammen gesessen und ihr gesagt hatte— nicht viel, aber genug, um zwei junge Herzen für eine kurze Spanne Zeit glücklich zu machen. Dann zur Rechten prallte die klare Oktobersonne am Fuße einer durch mächtige Kastanienkronen gesäumten Waldhöhe von des Schlosses weißflimmernden Mauern zurück und spiegelte sich im klaren Wasser des weiten Sees, den des jetzigen Fürsten noch landesherrlich regierender Ahn einst kunstvoll angelegt hatte zu einer Zeit, da noch Hörigkeit und Frohndienste solch Riesenwerk durch Herrenwort entstehen ließen. Von Weitem leuchteten ein paar helle Punkte über die stillblinkende, glatte Fläche herüber, das waren die Schwäne, die er als Knabe oft mit Erika Graf zusammen gefüttert hatte, dort von jener Kettenbrücke herab, die sich fern über eine Enge des Wassers spannte. Jenseits der Brücke bespülte eine schmale Bucht des Sees schon die Gemar— kung der Südhörner Gemeinde bis an Steinwalds Besitzthum. Wolf kannte das Terrain genau, Kindheits- und Jugenderinne— rungen traten immer faßbarer vor sein Auge.
Da rasselte schon der Wagen an einer Kötterwohnung vorbei.
„Fernand Bretters,“ erklärte Töne mit einer trägen Neigung seiner Peitsche auf das Häuschen zu.
Wolf nickte.
„Dem Alten geht's ja noch?“
Töne Drunkemöller schnalzte einmal mit der Zunge.
„Hüh, Schimmel! Zäh wie Leder, Herr, trotz seiner lahmen Knochen. Hüh!'n Morgen, Vatter!“ rief der Bursche gleich darauf nach dem Anwesen hin. Drüben hatte ein kleiner hagerer Mann die Kappe von dem grauen Kopf gezogen und winkte herüber. Auch Wolf faßte grüßend an seinen Hut.
„Wette, der hat Euch auch erkannt, Herr. So'n Lützelsches Gesicht vergißt sich nicht so bald, dafür haben wir doch den Kammerrath, Ihren Vater selig, hier in zu gutem Andenken; und Ihre Frau Mutter erst.— Bin selber wohl zu jung, daß ich sie noch gekannt hätte, aber meine Alte hat mir davon erzahlt.“
Der Bursche war offenbar redseliger als sonst die Leute hier zu Lande, nur als Wolf hartnäckig schwieg, hielt er wie ge— kränkt inne. 5(Fortsetzung folgt.)
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Schlefische Hochzeitsgebräuche zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1614 wurde— nach dem Berichte des Chronisten Matthäus Ruthard— die Hochzeit des Bürgermeistersohnes Ramsler zu Bunzlau gefeiert. Brautjungfer bei derselben war Fräulein Magdalena von Brau— chitsch. Sie trug in ihrem mit Kunst gelockten Haare einen wunderbar zusammengesetzten Blumengarten, in dem sich 252 ganz nach der Natur gefärbte Blumen befanden. In den Ohren hingen Kronenleuchter und um den Hals große goldene Ketten mit Schleifen, die mit Diamanten geziert waren. Der mit Goldflittern benähte und eine Elle hohe Spitzen— kragen war gestärkt und hüllte den Kopf fest ein. Der Brokatrock war rosa und befand sich über einem Reifrock, seine Schleppe, deren unterer Rand mit Spitzen besetzt war, mochte zehn Schuhe lang sein(Zwei Ge⸗ wänder), die Strümpfe waren von weißer Seide mit goldenen Zwickeln. Dazu kamen ausgeschnittene, rothseidene Schuhe, deren Schnäbel fast einen Fuß lang waren. Die spitzigen Absätze waren hoch und weiß.— Die Jungfer⸗Hochzeiterin hatte einen weniger großen Rosengarten mit blauen Mausöhrlein(Vergißmeinnicht) auf dem Kopfe, auf den der Pfarrer bei der Trauung den Brautkranz von grünem Rosmarin, der mit zwei goldenen Aehren durchwunden war, setzte. Ohrringe und Hals⸗ kette waren groß und lang, aus reinem Golde mit Diamanten und Perlen. Der hohe, steife Kragen bestand aus goldenen Spitzen, der rothe Brustlatz war mit goldenen Blumen gestickt. Das Kleid war von weißem Brokat, das Geschwänze(die Schleppe) ein und ein halb Gewänds lang. Strümpfe und Schuhe waren wie bei der Brautjungfer.
Der Kopf des Bräutigams steckte in einer Knotenperrücke, um den Hals schlang sich ein weißes Spitzentuch, das unter dem Kinn von einem Brillantknopf zusammengehalten wurde, und dessen Zipfel bis auf den Magen fielen. Das fast offene Wams reichte bis auf die halben Schenkel und war von weißseidenem Brokat, mit Goldblumen gestickt. Die Bein⸗
kleider besaßen goldene Kniegürtel und Schnallen. Die Strümpfe waren
weiß, die schwarzen Schnabelschuhe ohne Absätze. Die Schaube(vertrat unseren Rock) war von zwiebelfarbigem Brokat mit goldenen Knöpfen. Der runde Hut war hoch, spitzig und mit bunten Bändern verziert.
Man ging zur Kirche. Beim Eintritt in dieselbe wurde das Braut⸗ paar von Trompetengeschmetter und Paukengetön empfangen. Es setzte sich auf Stühle vor dem Altar, das Hochzeitsgefolge um sie.
Nach der Trauung kam der Hochzeitsschmaus, der aus fünfundzwanzig Schüsseln bestand, wozu hundertdreiundzwanzig Töpfe Wein(à 6 Quart) getrunken wurden. Bevor man sich zu Tische setzte, wurden die Hände gewaschen, wozu vier Trompeter aufspielten. Nach dem eigentlichen Schmause fand abermals Waschung statt, dann erschien auf den frisch gedeckten Tischen das Gebackene, Kuchen, Konfect und spanische Weine. Um acht Uhr ging es zum Rathhaussaale, zum Tanz, der mit Permission des Rathes bis Mitternacht dauerte.
Voran tanzte der Vater der Jungfer Hochzeiterin, Jacob von Brauchitsch. Von Tänzen werden verzeichnet: Dreh-, Capriolen⸗, Tauben⸗, Schmoller- und Zwölfmonatstanz, wie die Menuet. Um zwölf Uhr wurde das Brautpaar zur Schlafkammer geführt, wo der Vater des Bräutigams der Braut die goldgestickten Strumpfbänder abnahm. Darauf setzte ihr die Frau Bürgermeisterin die Schlafhaube auf und löste ihr den Gürtel. Die Hochzeitsjungfer gab ihr dann den letzten Jungfrauen- und den ersten Frauenkuß. Währenddessen wurde in dem Speisesaale von den Hochzeits- gästen noch Jungfernwein gezecht.
Am anderen Morgen um zehn Uhr machten die Hochzeitsgäste dem Ehepaar den Anstandsbesuch. Um zwölf Uhr ging es zur Tafel von zwölf Schusseln, dann wurde in das Freie spaziert und ländliche Spiele getrieben, wobei Essen und Trinken nicht vergessen wurden. Gegen Abend trennte sich die Gesellschaft heiter und in guter Laune. W
Der Gastwirth Dick zum krummen Ellenbogen, dem seit kurzer Zeit viele silberne Löffel gestohlen waren, ließ, um künftighin sogleich dem Diebe auf die Spur kommen zu können, auf alle seine Löffel die Worte
eingraben: „Gestohlen von dem Gastwirth Dick.“ M.


