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Es war dies, wie sie wußte, das Fräulein Sanftleben, die Tochter des reichen Konsuls und überseeischen Exporteurs, der mit dem Bankdirektor in langjähriger Geschäftsverbindung stand.
Unbeschreiblich war daher die schmerzliche Ueberraschung Else's, als der Assessor, ohne sie nur anzusehen, an ihr vorüberging und der reichen Gans, wie Fräulein Sanftleben allgemein hieß, seinen Arm reichte, um sie zu Tische zu führen, wie es sein Vater befohlen.
Länger konnte sie nicht an seiner Untreue zweifeln, daß er sie hintergangen und nur ein Spiel mit ihr getrieben. Bei diesem Anblick zog sich ihr Herz krampfhaft zusammen, nur mit Mühe vermochte ste sich aufrecht zu halten und ihre gerechte Em pörung zu beherrschen.
Am liebsten hätte sie sogleich die Gesell— schaft verlassen, aber sie konnte nicht fort— gehen, ohne Aufsehen zu erregen. Sie mußte sich zusammennehmen, ihren Schmerz bezwin gen, ein heiteres Ge sicht machen und sogar lächeln, da jetzt der Fa— brikbesitzer Holzstamm auf sie zukam, um sie zu engagiren.
„Darf ich bitten, mein gnädiges Fräu— lein!“
„Mit vielem Ver— gnügen.“
„Schätze mich glück— lich, daß ich einmal wieder die Ehre habe.“
„Sie sind zu gütig.“
Nach und nach be— ruhigte sich auch Else und unterhielt sich so gut mit ihrem Tisch nachbar, als es unter solchen Verhältnissen möglich war. Nur um dem ihr gegenüber sitzenden Assessor ihre Gleichgiltigkeit zu zei gen, heuchelte sie eine hinreißende Heiterkeit, die anfänglich erkün— stelt, bald aber natür— lich erschien.
Mit wirklicher, kei— neswegs gemachter Fröhlichkeit scherzte und lachte sie mit Herrn Holzstamm, den sie durch ihre Liebens— würdigkeit entzückte, während der Assessor sich bei seiner beschränkten Nachbarin zu Tode langweilte und Else, wie diese mit Vergnügen bemerkte, mit seinen halb verlangenden, halb vorwurfsvollen Blicken unablässig verfolgte.
„Darf ich Sie bitten,“ sagte der Fabrikant, indem er sein Glas erhob,„mit mir anzustoßen. Auf Ihr Wohl, mein Fräulein!“
„Auf das Ihrige, Herr Holzstamm!“
„Was wir lieben! Der General Knusemin soll leben!“
„Den kenn' ich nicht und ich will auch von ihm nichts wissen.“
„Aber weshalb nicht, mein Fräulein?
„Weil er,“ versetzte sie so laut über den Tisch, daß der Assessor jedes Wort hören mußte,„ein wortbrüchiger Schuft, ein mein— eidiger Verraͤther sein soll, der, wie man sagt, die armen Madchen betrügt und nur dem Geld nachläuft.“
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Vormund und Mündel. Nach dem Bilde von Al. Markelbach.
„So schlimm ist er wohl nicht. Es giebt noch wahre, treue und uneigennützige Liebe in der Welt; das können Sie mir auf Ehre glauben.“
„Ihnen glaube ich auch gern,“ erwiderte sie, ihn mit ihren glänzenden Augen freundlich ansehend.„Sie sind ein ehrlicher Mann.“
„Das freut mich. Also stoßen wir an: die treue, wahre, uneigennützige Liebe soll leben!“
„Sie lebe hoch!“
Während dieser Unterhaltung saß der Assessor wie auf Nadeln, roth vor Aerger und Scham, wüthend auf sich, auf seinen Vater und auf seine unschul⸗ dige Nachbarin, neidisch auf den augenscheinlich begünstigten Fabri— kanten, verliebter als je in die schöne Else, welche ihm noch nie so reizend und ver— lockend erschienen war als in diesem Augen— blick.
Seine sichtliche Ver— stimmung und Ver⸗ legenheit steigerte nur noch ihre gute Laune und verscheuchte die letzten trüben Gedan— ken. Je heiterer sie eben war, desto trau— riger wurde er, desto mehr bedauerte er seine unmännliche Schwäche und sein unverzeih— liches Benehmen.
Leichtherzig und gut— müthig, war Else doch auch verständig und klug genug, um nach solchen Erfahrungen ihre Täuschung ein⸗ zusehen und die Wahr— heitzu erkennen. Wenn auch Herr Holzstamm ihrem Ideale nicht ganz entsprach und an ele- gautem Aeußern und Reichthum dem Assessor nachstehen mußte, so erschien er ihr unter solchen Verhältnissen weit achtungswerther, zuverlässiger und in jeder Beziehung männ— licher als jener.
Wie sie wußte, galt er zwar für keine glaͤn⸗ zende, aber für eine gute Partie und genoß in den besseren Kreisen einen ausgezeichneten Ruf wegen seiner allgemein bekannten Tüchtigkeit und ehrenwerthen Gesinnung.
Gerade in diesem Augenblick war auch sie geneigter, seine guten Eigenschaften anzuerkennen und seinen Bewerbungen Gehör zu schenken, da die Erfahrung ihr die Augen geöffnet und sie jetzt besser den Werth eines ehrlichen Mannes schätzen gelernt hatte.
Zwar dachte sie vorläufig nicht an ein ernstes Verhältniß mit dem Fabrikanten, aber seine Huldigungen in Gegenwart des Assessors schmeichelten ihrer Eitelkeit, erhöhten ihren Triumph und boten ihr einen gewünschten Ersatz für die Zukunft, weshalb sie sich dieselben gern gefallen ließ.
Als Else vom Souper sich erhob, war sie bereits so sehr getröstet, daß sie mit Herrn Holzstamm den ersten Walzer tanzte, sich mit ihm vorzüglich amüsirte, vollends sein Herz eroberte


