Ausgabe 
22.7.1888
 
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Es geht schon wieder besser! versetzte diese.Der Herr Medizinalrath Süßmilch hat ein Wunder an mir gethan!

Und wie geht es dem schönen Fräulein Else? Doch da

darf man nicht fragen, blüht wie eine Rose, hoffentlich ohne Dornen für die Herzen der jungen Herren. Um des Himmels willen richten Sie mir mit Ihren schönen Augen kein Unheil an und seien Sie nicht zu grausam! Natürlich deutete Else die zweideutigen Worte zu ihren Gunsten und fand in dem liebenswürdigen Empfang nur eine Bestätigung ihrer Hoffnungen, die Erfüllung ihrer Wünsche. Unmöglich konnte der Bankdirektor so mit ihr sprechen, so heiter mit ihr scherzen, wenn er nicht die Neigung seines Sohnes billigte.

Um so mehr wunderte sie sich, daß der Assessor sich nicht sehen ließ; endlich entdeckte sie ihn in einer entfernten Ecke des

großen Saales, wie ihr schien, in eifriger Unterhaltung mit einer bekannten Sängerin. Er hatte sie gewiß noch nicht er blickt oder wurde von der Künstlerin festgehalten, so daß er nicht sogleich zu ihr kommen konnte.

Jetzt erhob er sich, aber er eilte nicht zu ihr, sondern reichte der Sängerin seinen Arm, um sie zu dem in der Mitte des Saales stehenden Bechstein'schen Flügel zu führen. Bald ließ sie ein Lied von Schubert ertönen, wozu er sie auf dem Klavier begleitete.

So schön auch die berühmte Primadonna sang, so lebhaft auch die Zuhörer applaudirten, so sehr langweilte sich Else, weil sie während des Gesanges den Assessor nicht sprechen konnte. Nur um sie zu ärgern, um ihre Ungeduld auf die härteste Probe zu stellen, wollte die verwünschte Singerei nicht aufhören.

Herrlich! Da capo! tönte es von allen Seiten.

Nur noch den Erlkönig! bat der galante Bankdirektor.

Mit Vergnügen! versetzte die unermüdliche Künstlerin.

Endlich verstummte der Gesang unter einem wahren Beifalls sturm und zu Else's Freude war das Kind in den Armen seines Vaters todt. Sie athmete auf, aber im nächsten Augen blicke setzte sich ein gefeierter Klaviervirtuose an den Flügel, schüttelte die langen Mähnen seines Hauptes und fuhr mit seinen Spinnenfingern über die Tasten des Klaviers, als ob er von der Tarantel gestochen worden wäre.

Länger als eine halbe Stunde paukte der Schüler von Liszt darauf los, daß der Saal dröhnte und ihm der Schweiß nur so von der Stirne floß. Je ärger er es trieb, desto entzückter war die Gesellschaft mit Ausnahme von Else, welche den armen Virtuosen dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst. Es war wirk lich nicht mehr zum Aushalten, die Qual nicht zu ertragen.

Erst nachdem der große Virtuose wie erschöpft von epilep tischen Krämpfen in seinen Stuhl zurückgesunken war und die Zuhörer sich die Hände wund geklatscht hatten, durfte Else hoffen, den Assessor zu sehen und zu sprechen.

Ohne unhöflich zu sein, konnte er sie nicht länger vermeiden und ihr ausweichen, was er am liebsten gethan hätte. Mit zögernden Schritten und niedergeschlagenen Blicken kam er näher wie ein armer Sünder, von dem Gefühl seiner Schuld bedrückt und um eine schickliche Ausrede verlegen.

Verzeihen Sie, stotterte er, sich vor ihr verneigend,daß ich Sie nicht früher begrüßt habe, aber ich war verhindert; meine Pflicht als Sohn des Hauses, Fräulein Zenetti, die ich begleiten mußte, der berühmte Professor Hammer, die Gesellschaft

Sie sind hinlänglich entschuldigt, versetzte Else freundlich, aber wollen Sie mir nicht sagen

Statt aber ihr den gewünschten Bescheid seiner Eltern mit zutheilen, sprach der Assessor mit fieberhaftem Eifer und großer Bewunderung von den musikalischen Leistungen der beiden Künstler, von der letzten Aufführung der Walküre, von Siegfried und Siegelinde, von seiner Begeisterung für Wagner, kurz von allem Möglichen, nur nicht von seiner Liebe und von der Angelegen heit, die sie am meisten interessirte und ihr besonders am Herzen lag.

Obgleich Else vor Ungeduld fast verging, wagte sie nicht, seine ästhetischen Reden zu unterbrechen und eine direkte Frage an ihn zu richten, weil sie sich dadurch etwas zu vergeben fürchtete und noch immer hoffte, daß er von selbst anfangen und die er⸗ wartete Erklärung machen würde, welche er dagegen um jeden Preis absichtlich zu vermeiden suchte.

Noch konnte und wollte sie nicht glauben, daß er sie täuschte, daß er die Begegnung auf der Eisbahn, seine Geständnisse, seine Schwüre, sein Versprechen, mit den Eltern zu reden, vergessen habe, so unbegreiflich ihr auch sein sonderbares Benehmen, so räthselhaft ihr auch sein unerklärliches Schweigen erscheinen mußte.

Auch der Assessor befand sich in der peinlichsten Verlegenheit, welche noch durch das unbehagliche Gefühl einer unwürdigen Handlung erhöht wurde, da er keineswegs ganz unempfindlich für Ehre und ebenso wenig gleichgiltig gegen die Reize der schönen Else war, die er unbedingt allen anderen Damen vorgezogen haben würde, wenn es die Verhältnisse gestattet hätten.

Während er noch so unschlüssig schwankte und in Gefahr schwebte, der holden Versucherin zu erliegen und der Stimme seines Herzens, trotz der Drohungen seines Vaters, zu folgen, beobachtete dieser aus der Entfernung seinen Sohn mit scharfen Augen, beunruhigt durch die lange Unterredung des Assessors mit Else und entschlossen, durch seine Intervention der gefürch teten Erklärung zuvorzukommen. f

Es thut mir leid, sagte er, näher tretend, mit seinem stereotyp süßlichen Lächeln,Sie zu stören und meinen Sohn einer so angenehmen Gesellschaft zu berauben; aber Mama wünscht Dich wegen der Tischordnung zu sprechen und einige nothwendige Arrangements mit Dir zu treffen. Sie müssen daher, mein liebes Fräulein, schon verzeihen, wenn ich Ihnen Alfred entführe.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff der würdige Bank direktor den Arm des Assessors und zog ihn mit sich fort, un bekümmert um die Gefühle seines Sohnes, der nur mit Wider- streben ihm folgte, aber nicht den Muth hatte, sich gegen die väterliche Autorität aufzulehnen.

Du hast doch, fragte Herr Brausewetter leise,keine Dumm heiten gemacht und mit dem Mädchen wieder angebunden?

Ich habe nur von ganz gleichgiltigen Dingen mit ihr ge sprochen, versetzte der Assessor unmuthig,obgleich ich Dir ge stehen muß, daß ich

Die Geständnisse kannst Du Dir ersparen. Ich betrachte die Geschichte als abgemacht und will nichts mehr davon hören. Du wirst Fräulein Sanftleben zu Tisch führen und Dich um das Mädchen nicht weiter kümmern. Hast Du mich verstanden?

Obgleich Else durch alle diese Vorgänge verstimmt war und trotz ihrer optimistischen Leichtherzigkeit nicht mehr die Veröffent⸗ lichung ihrer Verlobung an dem heutigen Abend erwartete, gab sie doch nicht so leicht ihren Glauben an die Liebe und Treue des Assessors auf.

Nicht ihn, sondern seine hartherzigen Eltern klagte sie an und gab ihnen die Schuld, daß sie dem guten Sohn die Ein willigung versagten, was ihr zwar sehr unangenehm war, aber keineswegs ihr Zutrauen erschütterte, da sie fest überzeugt war, daß es seiner Beharrlichkeit gelingen werde, alle diese Hinder nisse zu überwinden.

Ebenso wenig zweifelte sie daran, daß er sobald als möglich zurückkehren, sie engagiren und mit ihr zu Tisch gehen werde, wo sie dann ungestört miteinander sprechen und die nöthigen Verabredungen wegen der Zukunft treffen konnten.

Voll Zuversicht saß sie ruhig da und harrte auf den ersehnten Augenblick, auf das Zeichen zum Souper, die Sekunden und Minuten zählend. Als aber die Zeit verging, die Gesellschaft mit vergnügtem Gesicht sich geräuschvoll erhob, die Flügelthüren zum Speisesaal sich weit aufthaten, die Frau Bankdirektor am Arm eines angesehenen Deputirten wie eine Truthenne stolz voranschritt, der Bankdirektor seine Hand einer langen, mageren Geheimen Finanzräthin reichte und der Assessor noch immer nicht sichtbar war, konnte sich Else einer bangen Ahnung nicht erwehren.

Was hat das zu bedeuten? fragte sie sich bestürzt.Warum kommt er nicht, weshalb läßt er mich so lange warten? Sollte es möglich sein, daß er mich täuscht, mich betrügt? Das wäre schändlich, erbärmlich.

Ihre Aufregung stieg immer höher, je länger er zögerte, und ihre Ungeduld wuchs in demselben Maße, wie eine Dame nach der andern engagirt wurde und der Kreis um sie immer kleiner wurde.

Nicht weit von ihr entfernt saß ein junges Mädchen, dessen plumpe Figur, dicke Arme und Finger wie kleine Würste, indolente Mienen und phlegmatisches Wesen ihr auffielen und ihre Spott lust herausforderten. i