Ausgabe 
22.7.1888
 
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ich sie im Theater mit dem Herrn von Schmielinski in einer

Tag dürfte der nächste Sonnabend

Der einzige geeignete sein, wo die Meinigen zu dem Jour fixe des Bankdirektors

Brausewetter eingeladen sind. Ich werde unter irgend einem passenden Vorwand zu Hause bleiben und Dich dort treffen.

Mit noch größerer Ungeduld als Sophie und der Doktor erwartete die lebenslustige Else den Jour fixe, der ihr die Er füllung ihrer sehnsüchtigen Wünsche und Hoffnungen, womöglich die Veröffentlichung ihrer Verlobung bringen sollte.

Zwar hatte sie seit jener Begegnung auf der Eisbahn den Assessor weder gesehen noch gesprochen, auch sonst kein Lebens- zeichen von ihm empfangen, aber sie zweifelte nicht daran, daß er die Einwilligung seiner Eltern erhalten und sie damit, wie sie in ihrer Vertrauensseligkeit als gewiß annahm, an dem be treffenden Abend überraschen würde.

In der That hatte der stets korrekte junge Mann sein gegebenes Wort gehalten und die gewünschte Unterredung mit seinem würdigen Vater gehabt, der jedoch mit einem kalten Wasserstrahl die plötzlich entstandene Liebe des Sohnes bedeutend abkühlte.

Ich verdenke Dir nicht, sagte der lebenskluge Bankdirektor, daß Du Dich in ein schönes Mädchen verliebst und ihr den Hof machst, aber ich kann nicht zugeben, daß Du Dich mit ihr verlobst und sie heirathen willst. Das wäre eine Thorheit, die ich Dir nicht zugetraut hätte.

Verzeih, lieber Papa, wenn ich Dich bitte, zu sagen, ob Du gegen sie oder ihre Familie ein denken hast?

Das wohl nicht; das Mädchen ist charmant und die Familie ganz respektabel. Der verstorbene Stadtrath war mein Freund, ein liebenswürdiger Gesellschafter, mit dem ich, als wir beide noch jünger waren, manchen vergnügten Abend verlebte. Schade nur, daß er ein schlechter Wirth war und den Seinigen so gut wie nichts hinterlassen hat.

Aber die Tante soll ein bedeutendes Vermögen besitzen, das, wie ich hörte, einmal die Stadträthin mit ihren Kindern erben wird.

Möglich oder ich nicht viel. Die fünfzig alt.

Sie kann doch nicht ewig leben.

Frauen haben eine zähe Natur und Wittwen lassen sich nicht berechnen. Die Amtsräthin sieht mir gar nicht darnach aus, als ob sie bald sterben, eher als ob sie noch einmal hei rathen wollte. Sie läßt sich gerne den Hof machen und scheint mir nichts weniger als unempfindlich zu sein. Dieser Tage habe

mir aufrichtig ernstes Be

auch nicht! Auf solche Zukunftsmusik gebe Amtsräthin ist in ihren besten Jahren, kaum

mit einem gerissenen Burschen und Schuldenmacher ersten Ranges, der unsere Bank anpumpen will, aber natürlich von mir keinen Heller bekommen wird. Das scheint mir verdächtig.

Wahrscheinlich eine zufällige Bekanntschaft und ohne alle Gefahr.

Ich traue dem Frieden nicht, da ich diesen Herrn von Schmielinski kenne und ihn jeder Schandthat für fähig halte. Außerdem habe ich mich bei dem Justizrath Kugler erkundigt und von ihm erfahren, daß es mit dem Testament des ver storbenen Amtsraths seinen Haken haben soll. Ein Hauptmann von Hanstein hat dasselbe angefochten; er ist zwar vorläufig mit seinen Ansprüchen abgewiesen worden, aber der Prozeß kann jeden Augenblick wieder aufgenommen werden, wenn es ihm gelingt, die noch fehlenden Beweise beizubringen.

Das hab' ich freilich nicht gewußt, erwiderte der Assessor nachdenklich.

Du siehst, mein lieber Junge, fuhr der Bankdirektor fort, daß man nicht vorsichtig genug sein kann und sich niemals über⸗ eilen darf, damit man nicht gründlich reinfällt. Jedenfalls wirst Du gut thun, die Pfeifen einzuziehen und Dich nicht weiter mit der jungen Dame einzulassen, als es der Anstand und die Höf lichkeit fordern.

Aber was soll ich ihr sagen, wenn sie zu unserem fixe kommt?

So wenig als möglich! Nur keine Erklärungen, keine Ge⸗ ständnisse; nichts, was Dich verpflichten oder gar kompromit⸗

Loge gesehen,

Jour

tiren kann.

Eine fatale Geschichte! murmelte der Assessor mit einer leichten Anwandlung von Gewissensbissen.Ich gestehe Dir, daß mir das Mädchen gefällt; sie thut mir wirklich leid. 1

Darum brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Sie wird sich trösten und einen anderen nehmen. Heutzutage stirbt man nicht mehr am gebrochenen Herzen und unsere jungen Damen sind viel zu vernünftig, um sich zu Tode zu grämen. Das ist nicht mehr Mode. f

Ich fürchte nur, daß sie mir eine unangenehme Szene mach und dadurch meinem Rufe schaden kann.

Um allen Erörterungen aus dem Wege zu gehen, würde ich an Deiner Stelle jede Annäherung vermeiden, mich so fern als möglich von ihr halten und eine andere Dame zu Tisch führen, vielleicht Fräulein Sanftleben.

Die langweilige häßliche Gans.

Eine so fette Gans, versetzte der Bankdirektor mit cynischem Lächeln,ist auch nicht zu verachten, sie ist reich und höchst gutmüthig. Uebrigens will ich Dich zu nichts zwingen und Dir 1 die Freiheit lassen, mit jeder anderen Dame zu Tisch zu gehen, nur nicht mit Fräulein Sänger. Ich bin gewiß kein tyrannischer Vater, aber das sag' ich Dir, wenn Du das Mädchen heirathest, bekommst Du von mir keinen Groschen. 5

Da der Assessor nicht nur ein guter Sohn, sondern auch ein sehr vernünftiger junger Mann war, so wagte er nicht langer seinem würdigen Vater zu widersprechen, um so weniger, da er wußte, daß bei dem Bankdirektor in Geldsachen die Gemüthlich⸗ keit aufhörte. 5

Gut! sagte er nach kurzem Ueberlegen. lein Sauftleben engagiren. 9

Unbekannt mit diesen Verhältnissen und geheimen Verhand⸗ lungen fuhr die schöne Else mit ihren Angehörigen zu dem so sehnlich erwarteten Jour fixe, strahlend von Lust und Seligkeit, entzückt von ihrer eleganten Toilette, einem neuen Ballkleide, das ihr die Tante geschenkt hatte, und auf das sie nicht wenig stolz war. 8

Ihr leichtes Herz klopfte vor süßer Aufregung und angenehmer Unruhe, als sie die breite, mit Palmen und blühenden Gewächsen geschmückte Marmortreppe hinaufschwebte. Zwei reich galonirte Diener empfingen die Gäste und nahmen ihnen die Garderobe ab. Das Alles athmete hier einen Reichthum, eine Vornehmheit und einen Luxus, der besonders Else gewaltig imponirte. 0 14

Im Geiste sah sie sich bereits als Tochter des reichen Hauses, als Gattin des liebenswürdigen Assessors in diesen prächtigen Räumen schalten, im Genuß all dieser Herrlichkeiten, im Besiß aller Vortheile, die ein so großes Vermögen zu gewähren vermag, umgeben von jedem möglichen Komfort des Lebens, frei von. allen Sorgen um ihre Zukunft. f 0

Von solchen Gedanken und Empfindungen erfüllt, trat, Else in den glänzend erleuchteten, stilvoll dekorirten Saal, geblendet von der Pracht der echt orientalischen Teppiche, der mit Gold gestickten Sammtportieren, der kostbaren Möbel, der großen venetianischen Spiegel, der werthvollen Bilder und Statuen, der ganzen luxuriösen Einrichtung, die nur allzu überladen war und den feinen Geschmack vermissen ließ.

In den eleganten Räumen bewegte sich eine bunte Gesell⸗ schaft, verschiedene Börsengrößen, angesehene Industrielle, einige Abgeordnete, höhere Beamte, Offiziere, Gelehrte und Künstler, Maler, Musiker, Sänger und bekannte Schauspieler mit ihren Frauen und Töchtern, welche den Jour fixe des reichen Bank⸗ direktors besuchten, und die ausgezeichnete Verpflegung, die trefflichen Weine des gastfreien Wirthes zu würdigen wußten oder auch mit ihm in geschäftlicher Verbindung standen.

Für jeden seiner Gäste hatte Herr Brausewetter ein freund⸗ liches Wort, ein verbindliches Lächeln; hier drückte er einem Deputirten die Hand, dort sagte er einer älteren Dame eine Artigkeit oder scherzte mit den jungen Mädchen, während die Frau Bankdirektor mit der ihr eigenen steifen Grandezza die Gaͤste empfing. a

Wie mich das freut, sagte der Bankdirektor, die Amts⸗ räthin und Stadträthin begrüßend,Sie bei mir zu sehen, um 1 so mehr, da ich gehört habe, daß die Fran Amtsräthin einige Tage unwohl waren. 2

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Ich werde Fräu⸗ 1