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Beilage
zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
IV.
Göogleich der gute Doktor Wiese seit jenem verhängnißvollen Diner zu seinem großen Bedauern nicht mehr in das Haus der Stadträthin Sänger kam, so fehlte es ihm doch nicht an aller Gelegenheit, seine geliebte Sophie dann und wann zu sehen oder wenigstens mit ihr schriftlich zu verkehren, wozu ihm Freund Ludwig bereitwillig die Hand bot.
Beide Liebenden gelobten sich von Neuem ewige Liebe und Treue, fest entschlossen, allen Hindernissen zu trotzen, alle Schwierigkeiten zu überwinden und unter keiner Bedingung von einander zu lassen, voll Hoffnung und Vertrauen auf eine glück⸗ liche Zukunft.
„Ich habe schon wieder,“ berichtete der Doktor,„eine neue gute Hausarztstelle bei dem Fabrikbesitzer Meinhardt bekommen.“
„Eine sehr angesehene Familie,“ bemerkte Sophie,„welche große Bekanntschaften hat und Dir viel nützen kann. Mit der ältesten Tochter, die den Amtsrichter Lange geheirathet hat, bin ich in die Schule gegangen.“
„Auch habe ich die beste Aussicht, nächstens Genossenschafts⸗ arzt zu werden mit einem Gehalt von vierhundert Thalern.“ „Das wäre ein großes Glück für Dich.“
„Warum sagst Du nicht für uns: Wenn ich die Stelle erhalte,
können wir heirathen.“
„Wenn die Mutter ihre Einwilligung giebt und die Tante nichts dagegen hat.“
„Das Weib,“ erwiderte er unmuthig,„ist unser Aller Unglück.“
„Leider muß ich Dir Recht geben,“ entgegnete sie sanft, „aber wir dürfen nicht vergessen, daß sie unsere Tante ist und wir ihr viele Rücksichten schuldig sind.“
„Ich sehe nur, daß sie Euer ganzes Haus ruinirt und demoralisirt. Seit sie bei Euch lebt, ist Deine Mutter wie umgewandelt, aus einer guten und bescheidenen Frau eine an— spruchsvolle, selbstsüchtige Modedame geworden, die dem elenden Mammon das Wohl ihrer Kinder opfert. Ludwig ist auf dem besten Wege, ganz zu verbummeln und wird, wenn er sich nicht zusammennimmt, ohne Widerrede im Staatsexamen durchfallen. Auch kann ich Dir nicht verschweigen, daß Deine Schwester Else durch ihren Leichtsinn und ihre Koketterie ihrem Rufe schadet und Gefahr läuft, sich zu kompromittiren. Kurz, ich fürchte, daß die Geschichte mit der Erbschaft noch einmal ein böses Ende nimmt. Glaube mir: es liegt wie ein Fluch auf dem Gelde, das nicht durch ehrliche Arbeit erworben wird.“
„Das ist wahr,“ versetzte sie traurig,„aber was können wir dagegen thun?“
„Wir müssen unbeirrt den rechten Weg gehen, der Versuchung
b Gießen, den 22. Juli.
1888.
Die Erbschaft der Tante.
Novelle von Max Ring. (Fortsetzung.)
widerstehen und uns nicht von dem Reiz des Goldes und der allgemeinen Genußsucht verführen lassen. Nicht auf dem un⸗ sicheren Grunde einer zweifelhaften Erbschaft und der Gnade Deiner Tante, sondern auf dem festen Fundament treuer Liebe und unermüdlicher Thätigkeit wollen wir das Gebäude eines bescheidenen Glückes errichten, im Vertrauen auf den Beistand und den Segen des Himmels.“
„Und was soll aus der Mutter und meinen Geschwistern werden?“ fragte sie bekümmert..
„Hoffen wir, daß auch sie, durch die Erfahrung belehrt, ihren Irrthum mit der Zeit einsehen und von dem Wahn geheilt werden, so bitter auch ihre Enttäuschung sein wird. Derartige Krisen sind nothwendig und heilsam, wenn der Mensch gesunden soll. Wir aber wollen die Deinigen nicht verlassen und ihnen beistehen, so weit dies in unserer Macht liegt.“
In so liebevoller Weise suchte Doktor Wiese die Besorgte zu trösten und sie wegen ihrer Angehörigen zu beruhigen, trotz⸗ dem sie ihn schwer beleidigt und gekränkt hatten. Doch nur zu schnell mußte Sophie den treuen Mann verlassen, da es unter⸗ dessen spät geworden war und sie im Falle einer Entdeckung ihrer heimlichen Zusammenkünfte neue Unannehmlichkeiten mit ihrer Mutter fürchtete.
„Willst Du schon gehen?“ fragte er betrübt. sehen wir uns wieder?“
„Das kann ich nicht bestimmen. Du weißt, daß ich beobachtet werde und mich nur vom Hause wegstehle, wenn die Meinigen in's Theater oder in Gesellschaft gehen. Nur mit Mühe hab' ich mich heute losgemacht, indem ich heftige Kopfschmerzen vor⸗ schützte. Die Lüge ist mir schwer gefallen, und ich muß Dir gestehen, daß ich mich schäme, zu so später Stunde mit Dir auf der Straße zusammen zu kommen, so sehr ich mich auch danach sehne, Dich ungestört zu sehen und zu sprechen.“
„Daran hab' ich schon oft gedacht und auf einen Ausweg gesonnen, der, wie ich glaube, Dir gefallen wird.“
„Willst Du mir nicht sagen—“
„Die Sache ist ganz einfach die: Als ich neulich den Haupt⸗ mann von Hanstein besuchte und Fräulein Adele Deine Grüße überbrachte, sagte sie mir, wie sehr sie Dich noch immer liebt und wie sie nichts sehnlicher wünscht, als daß Du sie einmal besuchst, da sie selbst, so lange die Tante bei Euch wohnt, nicht zu Dir kommen kann. Natürlich versprach ich ihren Auftrag auszurichten und Dir zuzureden. Unter diesen Umständen kann es auch nicht auffallen, wenn Du Hanstein's besuchst und ich Dich bei ihnen dann und wann sehe. Es fragt sich nur, ob Du damit einverstanden bist und wann Du abkommen kannst?“
„Und wann


