Ausgabe 
22.4.1888
 
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können ihm jeden Augenblick die verrätherischen Briefe über geben werden.

Sprichst Du im Fieber, meine Tochter?

Du hältest mir das Messer nicht an den Hals setzen sollen,

Mutter, rief Frau Wellner außer sich.Du zeigtest mir kalt und höhnend die Armuth, das Elend, das uns binnen Kurzem erwartete; da that ich den Schritt, den ich nicht thun durfte, denn ein Anderer hat die Liebe, die ich seit meinem achtzehnten Jahre im Herzen trage. Du wußtest es, Mutter, und Du hast mich in die Ehe mit dem alten Manne hinein gejagt. Nun trage die Folgen. Sie können nicht ausbleiben, heute oder morgen wird der Präsident die Briefe in Händen haben, die Graf Josika von mir besitzt, und dann ist es ja doch mit dieser Ehe, Deinem Machwerke, aus. Solch ein Abenteurer hebt auch Briefe auf! rief Frau von Bessow mit verächtlichem Achselzucken.Die Leidenschaft führt Dich auch zu einem falschen Raisonnement. Warum sollte sich der Graf an Dir rächen wollen? Du hast ihm den Präsidenten nicht vorgezogen; der Mensch war ja im Engadin verduftet, ohne Abschied zu nehmen. Ich wüßte nicht, wie ein Mann es drastischer zu verstehen geben könnte, daß er keine Ansprüche auf ein Mädchen macht.

Mama! schrie die junge Frau auf und sah mit heißen zornigen Augen ihre Mutter an;warum versuchst Du, mir kalt und höhnend die Erinnerung entblättert vor die Füße zu werfen? So wisse denn, daß Deine klug berechnete Auslegung nicht Stand hält, Graf Josika ist hier, ich habe ihn heute deutlich im Hochwald vor mir gesehen!

Frau von Bessow's Gesicht wurde grau vor Schrecken, ihre zitternden Lippen brachten kaum hervor:der Unglücksmensch hier?

Ja, er ist hier! antwortete Edith und weidete sich mit Befriedigung an der Rathlosigkeit der alten Frau.

Man muß ihm zuvorkommen, man muß ein Begegnen mit dem Präsidenten zu verhüten suchen, rief Frau von Bessow außer sich.

Edith lachte höhnisch auf.Nun laß die Dinge kommen, wie sie kommen müssen, sagte sie mit finsterer Ruhe.Was kann ich dafür, daß Du dem Präsidenten mitgetheilt hast, ich hätte Graf Josika den Abschied gegeben. Meine Briefe, die der Graf meinem Gatten wohl einhändigen wird, werden ihm ganz andere Dinge erzählen. Müde stützte sie den Kopf in die Hand und erwiderte nichts mehr. Frau von Bessow verließ endlich niedergedrückt das Zimmer. Edith trat an's Fenster und sah in den Garten hinaus, wo sich die weißen Leiber einiger Statuen aus dem Dunkel hell abhoben. Sie schreckte bisweilen zusammen und glaubte aus den Baumgruppen eine Gestalt hervortreten zu sehen, vor der ihr graute, und die ihr hochschlagendes Herz stür misch herbeisehnte. i 5 i

Am folgenden Morgen war sie sehr bleich und von dem übersprudelnden, gedankenlosen Sichgehenlassen war nichts zu entdecken. Sie überwachte sich mit peinlicher Aufmerksamkeit, und als sie in gewählter Morgentoilette, das Häubchen mit dem zartesten Rosenroth auf dem vollen, lichtbraunen Haar, dem Präsidenten mit eigenen Händen den Kaffee servirte, war er gerührt von ihrem stillen Kummer und küßte ihr die schönen weißen Hände. f

Vielleicht ein bischen Sommerfrische für die zarten Wangen? fragte er und zog sie zärtlich auf seine Knie.Nimm' Dir Jella mit, ich habe leider vor Ende August keine Zeit, Mama und ich, wir bleiben hier und halten Haus; wird uns hier und da die Zeit lang, so singen wir Duette, und er lachte ge zwungen auf. f

Die arme Mama! Sie singt so leidenschaftlich gerne! sagte Edith und strich tändelnd das dünne Haar von des Präsidenten Stirne;so mag künftighin Rolfs das Opfer bringen, wenn es überhaupt ein Opfer für ihn ist.

O ja, dieser ist sehr bereit, Opfer zu bringen, fiel ihr der Präsident ärgerlich in's Wort.Begreifst Du denn nicht, nach welcher Seite sich des Barons Spekulation wendet?

Jella? Nicht wahr? Es scheint mir auch, als interessire er sich für sie, versetzte sie fast gleichgültig.

Ich will nicht hiervon sprechen hören, Edith, sagte er mit

gerunzelter Stirn;Jella ist noch ein Kind, Du hast sie lieb gewonnen, aber sie wird noch einige Jahre bei uns bleiben.

Edith öffnete groß die Augen.Was hast Du denn so plötzlich gegen den Baron? fragte sie erstaunt.

Nichts, gar nichts, oder ja, sehr viel; der Bursche erlaubt sich, nachlässig im Dienst zu sein, seit er glaubt, hier festen Fuß gefaßt zu haben; ich will ihm den Standpunkt klar machen, sagte der Präsident mit seiner strengsten Amtsmiene.

Du wirst nicht hart verfahren mit dem guten, gefälligen Menschen, der immer zu unseren Diensten war, bat sie schmeichelnd.

Die Damen des Hauses scheinen ihm sehr gewogen zu sein, bemerkte der Präsident spöttisch.

Er begegnete dem müden, gleichgültigen Blick seiner Frau. Berathet heute, wohin Ihr zu gehen gedenkt, Direktor Bode geht in diesen Tagen mit seiner Frau in den Schwarzwald; willst Du Dich ihnen anschließen?

Sie bewegte verneinend den Kopf.Ich gehe nicht ohne Dich, sagte sie zögernd;ich werde warten, bis Du frei bist. Er nahm ihren hübschen Kopf in beide Hände und küßte sie zärtlich.

Es kam viel Besuch an diesem Tage, den die Präsidentin ganz zu Hause zubrachte. Auch Frau Direktor Bode kam und drückte ein so stürmisches Verlangen aus, Jella mit sich in den Schwarzwald zu nehmen, daß das junge Mädchen zu der Reise bestimmt worden war, ehe es nur wußte wie. Ihr Vater war damit ein verstanden, ihre Mutter auch, und eiligst wurde ihre Toilette hergerichtet.

Rolfs war noch einmal seit dem Musikabend in das Haus des Präsidenten gekommen, fand aber die Dame des Hauses zerstreut und einsilbig, und da an demselben Nachmittag ihm der Präsident auf dem Gericht eine scharfe Bemerkung über eine Arbeit machte, beschloß er, einstweilen seine Besuche einzustellen. Es war ja nur zu klar, daß der Präsident seinen Bewerbungen um Jella entgegenzutreten beabsichtigte. Er konnte sie vor ihrer Abreise nicht mehr sehen, alle seine geschickt angelegten Pläne scheiterten; die wenigen Tage, die Jella noch blieben, beschäf tigten sie vollauf im Hause. Da, als sie ganz mißgestimmt mit ihrer Mutter in dem Wartesaal erschien und sich fragte, wie es nur möglich sei, daß sie in die Reise, die ihr unangenehm war, eingewilligt, erblickte sie die hohe, elegante Gestalt des Assessors, dessen Augen sie unruhig suchten. Ihr Gesicht hellte sich auf und ein freudiges Erröthen färbte ihre Wangen.

Endlich, flüsterte sie ihm zu, als er ihr die Haud drückte.

Das eine Wörtchen beglückte ihn unbeschreiblich.Sie gehen, Jella? fragte er hastig,darf ich noch glauben, noch hoffen?

Ich gehe, ich weiß nicht warum. Ich bin im heillosesten Zerwürfniß mit mir, daß ich mich habe überrumpeln lassen.

Auf baldiges, fröhliches Wiedersehen.

Wo steckst Du denn, Jella, Direktor Bode's sind schon auf dem Perron, man steigt eben ein, rief Frau Wellner und kam hastig herbei.Ah, Sie, Baron, reisen Sie auch?

Er grüßte nur und nahm Jella's Handgepäck und ging rasch an ihrer Seite dem Zuge zu. Noch ein Händedruck, noch ein Blick aus den dunklen, leuchtenden Augen und der Zug brauste davon. Rolfs fühlte sich bis in das Innerste seines Herzens hinein durchwärmt und beglückt und die Frau Präsidentin, die an seiner Seite den Rückweg antrat, war ganz gegen ihre Ge wohnheit nachdenkend und schweigsam.

Wissen Sie vielleicht die Ursache, warum Jella sich dieser Vergnügungsreise schließlich widersetzte? fragte sie mit ihrem pikanten, herausfordernden Lächeln.Sie wissen nichts? Ich möchte es Jella nie und unter keinen Umständen rathen, sich dem Willen ihres Vaters zu widersetzen, der Herr Präsident läßt nicht mit sich spaßen.

Sie erscheinen mir in einem ganz neuen Lichte, gnädige Frau, antwortete Rolfs;ich hätte geschworen, daß Sie, wie der vulgäre Ausdruck es benamset:mit dem Scheunenthor winken, gar nicht verständen.

Wir verstehen uns erstaunlich gut, Baron, und ich hege den aufrichtigsten Wunsch, daß Sie jeden Konflikt mit meinem Manne vermeiden mögen, der auf eine verhängnißvolle Weise in Ihre Laufbahn eingreifen könnte.

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