Ausgabe 
22.4.1888
 
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einzugehen, mit denen sie Frau von Bessow bekannt machte. Die Eifrigsten waren jedenfalls die beiden Alten, trotzdem die Präsidentin immer gerne die dankbarsten Lieder sich und Assessor Rolfs zutheilte. Jella's schöne klangvolle Altstimme half überall aus und die Klavierbegleitung war ihr ganz übertragen worden. Rolfs sang ein Duett mit der jungen Frau, was lag denn nur heute in ihrer Stimme? Sie war stark bewegt, leiden⸗ schaftlich vibrirend. Er sah sie befremdend an, und es traf ihn ein ärgerlicher unruhiger Blick, den er sich schlechterdings nicht erklären konnte. Hatte er sie irgendwie beleidigt? Es war sonst nicht ihre Gewohnheit, sich mit Worten und Blicken zu rächen.

Ich bin ermüdet, Baron, sagte sie laut, wie entschuldigend gegen die Gesellschaft, und nachdem einige Erfrischungen herum⸗ gereicht worden waren und der Präsident schon das Notenheft hoch in der Hand hielt und gütig lächelnd nach seiner Frau umschaute, flüsterte sie ihm zu:Sei so gut und singe das Duett mit Mama, ich bin eben garnicht aufgelegt. Mama, komm' und tritt für mich ein, rief sie Frau von Bessow zu, die bereit⸗ willig herbei eilte. Der Präsident biß sich auf die Lippen, zurücktreten durste er nicht und sich zum Gespött der Gesellschaft machen, indem er mit seiner Schwiegermutter sang, deren Stimme absolut klanglos war, das war zu viel von ihm verlangt. Rolfs sah Jella's tiefes Erröthen, was war zu thun? Frau von Bessow fing eben schon an. Es war freilich ein trauriger, klangloser Gesang, der Präsident verlor das Gleichgewicht, und es war nur dem muthigen Eingreifen der Baronin zu verdanken, daß das Duett endlich zum Abschluß kam. Die Gesellschaft sah sich verlegen an und wußte nicht, ob sie Beifall klatschen durfte. Da aber gab die Präsidentin das Signal und rief ihr Bravo und die Andern stimmten ein. Dem Präsidenten stand der Schweiß auf der Stirne, er legte das Notenheft aus den zitternden Händen auf das Piano und sah verwirrt, wie sich die Augen seiner Tochter groß und mitleidsvoll auf ihn richteten.Du hast nicht gut begleitet, Jella, sagte er;da läßt sich schwer singen.

Sie senkte den dunkeln Kopf und nickte blos zustimmend.

Fräulein Jella, werden Sie heute nicht mit mir singen? flüsterte ihr Rolfs zu, der ihr die Notenblätter gewendet hatte.

Ich habe genug Gesang für heute, antwortete sie und erhob sich rasch.

Wir Beide singen noch zum Schluß, Baron, rief die Präsidentin eifrig und stimmte schon den Ton an.

So mag der Herr Assessor begleiten; Jella's Begleitung ist so mangelhaft, daß dabei schlechterdings nicht zu singen ist, sagte der Präsident mit geröthetem Gesicht und so laut, daß es Jeder hören mußte.

Frau Wellner sah befremdet auf ihren Mann und dann auf Jella:Aber Jella's Spiel ist ausgezeichnet und läßt an Korrekt⸗ heit nichts zu wünschen übrig, entgegnete sie kopfschüttelnd.

Papa hat recht, fiel Jella mit einem versöhnenden Lächeln ein;und ich bitte sehr um Entschuldigung.

Wellner setzte seine freundliche Miene auf, während seine Frau mit dem Assessor sang.Ist sie nicht heute Abend zum Küssen schön? flüsterte ihm Frau von Bessow zu;sie kann kühn mit unserer reizenden Jella rivalisiren. Der Präsident nickte befriedigt; aber die Falte auf seiner Stirn war nicht geglättet. Endlich, endlich war der musikalische Abend so weit über⸗ standen und Rolfs durfte vielleicht hoffen, das Mädchen einen Augenblick zu sprechen, das ihm über Alles theuer geworden

war. Da stand sie am geöffneten Fenster und schaute in die Sommernacht hinaus, in die dichtbelaubten Bäume, durch die das Mondlicht sich zu ihr stahl. Ihre Augen glänzten wunderbar, als sie Rolfs neben sich erblickte.Sehen Sie, da draußen ist

Musik und Poesie die Fülle, und wir sperren uns in die heißen Zimmer ein und mühen uns mit sogenaunter Musik ab. Lauschen Sie nur in die Sommernacht hinein, da hören Sie göttliche Weisen voll tiefen Friedens.

Ja, ich höre das hohe Lied ohne Anfang und ohne Ende,

ausströmt: im Aufsprossen der Blüthen, in ihrem süßen Duft, im geheimnißvollen Wirken ihres allmächtigen Schaffens. Jella, wie habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt ich liebe Sie, Jella, sprechen Sie das Urtheil über mich, ich habe kaum einen Anhaltspunkt, auf den ich meine Ansprüche stützen

das hohe Lied der Liebe, das die Natur mit jedem Athemzug

könnte. Er fühlte, daß ihn der Augenblick hingerissen, er war außer sich und blickte sie bleich und flehend an.

Ihr Blick senkte sich und eine hohe Röthe stieg in ihrem Gesichte auf; aber mit einer entschiedenen Bewegung reichte sie ihm die Hand.Sind Sie mir gut, geliebte Jella? jauchzte er auf. Schritte ihres Vaters sich ihr zuwendeten.

Herr Assessor, trag des Schlummerliedes bitten, sagte er mit dem kurzen, befehlenden Ton, den er anzuschlagen pflegte. gehorchte ihr augenblicklich.

Der Präsident runzelte die Stirn, als er vor seiner Tochter stand. Ich möchte nicht, daß Du Veranlassung zu müßigem Gerede

giebst, sagte er.Wenn auch der Herr Assessor zu den musi⸗ kalischeu Abenden zugelassen ist, so möchte ich es vermieden wissen, daß er sich Dir gegenüber gewisse Freiheiten erlaubt.

Ist Assessor von Rolfs nicht ein ehrenwerther Charakter, ein überall geschätzter Mann? fragte Jella ruhig.

Er ist ein verarmter Edelmann, der sich an die Juristerei als letzten Rettungsanker geklammert, damit sie ihn durch's

Leben schleppe; vor

anderen Zweck im Leben haben, ihrem Namen wieder einen guten Klang zu geben.

Jella zuckte empor und sah den Mann, der so höhnend in

den ersten Moment ihres Glückes eingriff, fest und finster an. Nun, das sind Dinge, von denen junge Mädchen nichts ver⸗ stehen, um so besser für sie, sprach er in einem ganz ver⸗

änderten, oberflächlichen Ton; dann aber fügte er mit dem glatten

Lächeln hinzu:Warum bist Du unter das väterliche Dach zurück⸗ gekehrt, Töchterchen? Deine Mama ist nun rein vernarrt in Dich; sie liebt Dich so eifersüchtig, daß ich mit meinen alten Ansprüchen ganz im Hintergrund bleiben muß; wenn sich dieser arme Assessor einbildet, er könne Dich uns so bald entführen, so soll er seinen Präsidenten kennen lernen.

Wenn ich aber Herrn von Rolfs liebte? fragte Jella mit fliegendem Athem.

Ja, wenn Du ihn liebtest. Liebe; er ist der erste junge Mann, sich unablässig um Deine Gunst bemüht hat; das schmeichelt bekanntlich jungen Mädchen. Was solltest Du denn an Rolfs lieben, Du närrisches Kind? Etwa seinen lyrischen Teuor, oder seinen Ausdruck à la Lord Byron? Wir kennen das, dies zieht nicht mehr heutzutage in unserer prosaischen Welt.

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Sie flüsterte ein hastiges Ja und sah verwirrt, wie die 1

die Frau Baronin möchte Sie um den Vor⸗

den Herren des Landgerichts gegenüber 9 0 Der Assessor verstand diese Weisung und

solchen Juristen habe ich im Ganzen wenig Respekt, entgegnete er heftig;wenigstens möchte ich nicht meinen Schwiegersohn unter den verarmten Edelleuten wählen, die keinen als mit anderer Leute Geld

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Eine flüchtige Laune ist keine der Dir begegnet ist, und

Er hatte seiner Tochter den Arm gereicht und sie zur Gesell⸗ f 5

schaft zurückgeführt. Sie ließ das dunkele, bleiche Köpfchen hängen, wie traurig, immer weiter von ihr, Mann, der immer so fremd, so erkältend auf sie einwirkte. Niemals schimmerte ein Funken von Zuneigung durch das Eis, mit dem er sich umgeben ihr gegenüber, o nein, ihre Stief⸗ mutter liebte sie nicht so eiferfüchtig, daß der Vater ganz hätte zurücktreten müssen. Es war ein recht freundschaftlicher Verkehr zwischen ihnen, und Jella wußte es der jungen Frau Dank, daß sie ihr einen solch freundlichen Empfang bereitet; aber

von einer ernsten, tiefen Zuneigung zwischen Beiden war nicht

die Rede.

Als Rolfs sich von Jella verabschiedete und ihr die Hand

drückte, da sah sie ihm einen Augenblick lang in die Augen, die traurig fragend auf sie gerichtet waren, und sie erwiderte warm seinen Händedruck.

Heute Abend machte der Präsident den zwei im Salon zurückgebliebenen Damen nur eine kühle Verbeugung und zog sich zurück.

Was soll das bedeuten? fragte Frau von Bessow befremdet.

Heute nichts, wie eine kindische Empfindlichkeit, antwortete Frau Wellner und öffnete das Fenster, die kühle Nachtluft hereinströmen zu lassen.Heute beunruhigt mich des 9 denten Schmollen noch nicht, aber morgen, übermorgen wer ich sein Gesicht mit ängstlicher Miene überwachen müssen; es

wie betrübend. Ihr Vater entfernte sich sie konnte ihn kaum mehr lieben, den