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zu den
Oberhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 22. April.
Ein dunkler Schatten.
Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)
1
Durch den breiten, von dichtbelaubten Bäumen überwölbten Waldweg bewegte sich langsam eine Kavalkade in gemüthlichem Geplauder. Unter den jungen Herren befanden sich nur zwei Damen: die Präsidentin und ihre Stieftochter. Von dem vor— hergegangenen stürmischen Wettritt glühten noch Jella's Wangen. Der Sieg war ihr zugefallen, der feurige Rappe, den man ihr auf ihren Wunsch aus ihres Großvaters Nachlaß geschickt, trug sie fliegend über breite Gräben, über jedes Hinderniß, und die Besiegten blickten bewundernd auf die herrliche Amazone. Ein Bild von Gesundheit und jugendlicher Kraft, ritt sie, den ge— schmeidigen Körper leicht vorgebeugt, unter den jungen Herren, die sich in Ausdrücken der Begeisterung erschöpften, und lächelte nur mit dem feinen, stillen Lächeln, das ihr eigen war. Jeder trübe Schatten war aus ihrem Leben verschwunden und am Abend jeden Tages, den die Stiefmutter in erfinderischer Laune zu einem genußreichen zu gestalten verstand, flüsterten Jella's feine frische Lippen: wie ist es schön zu leben!
„Hören Sie, Baron, artig sind Sie nicht,“ sagte Frau Wellner zu Assessor Rolfs, der an ihrer Seite ritt.„Sie lassen eine Dame allein die Unterhaltung führen, wo weilt denn nur eigentlich Ihr Geist?“
„Gnädige Frau,“ rief er und zog rasch die Zügel an;„unser Wettritt hat mir ein bischen den Athem benommen; Sie haben nur zugeschaut, es war halsbrechend.“
„Sie werden diesem Ihrem Schicksal nicht entgehen, wenn die Eitelkeit die jungen Herren antreibt, sich von Jella verlocken zu lassen,“ erwiderte sie lachend.„Das steckt im Blut bei ihr, sie ist ganz das Kind dieser flavischen Rasse, die, wild und schäumend im Innern, das Talent hat, jeden Ausbruch der Er— regung zu verbergen. Ich erschrecke manchmal davor, wie es jäh in ihren Augen aufflammt, und sie mich einen Moment darnach so ruhig und stille anblickt. Das sind die Naturen, die ganz aus Liebe und Haß zusammengesetzt sind,— wenn ich ein Mann wäre, ich weiß nicht, ob ich von Jella geliebt sein möchte.“
Sie warf einen verstohlenen Blick auf Rolfs und bemerkte auf seinem Gesicht einen Ausdruck der Verwirrung.
„Ich glaube, Sie irren sich in Fräulein Jella,“ entgegnete er oberflächlich;„den Eindruck einer tiefangelegten Natur macht sie; aber wer möchte je Haß suchen in diesem sonnigen Angesicht, in diesen Augen, die so fröhlich und friedlich auf Gottes schöner Erde ruhen!“
„Was sollte sie denn jetzt in ihrer Welt, die ihr zu Füßen liegt, hassen?“ fragte die Präsidentin erregt.„Es ist mein Bestreben,
ihr das Dasein lieb und werth zu machen, die Jugendjahre sind nur gar zu kurz,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu.
„Baron,“ fing sie nach einer kleinen Pause mit dem ihr eigenen neckischen Gesichtsausdruck an;„warum machen Sie mich nicht zu Ihrer Vertrauten?“
„Sie, um's Himmels willen, gnädige Frau!“ rief er mit komischem Schrecken.„Wie viele Vertraute würden Sie mir denn im Handumdrehen beilegen?“
Sie lachte in fröhlichem Uebermuth auf.„O, die vorsichtigen klugen Norddeutschen!“ rief sie;„sie sind in ihr ewiges Miß— trauen eingehüllt und dabei so naiv, daß sie garnicht ahnen, wie man ihr Inneres durchschaut, als läge es in einem Glas— kasten. So mache ich Sie zu meinem Vertrauten, Baron; Sie lieben Jella Wellner.“
Das Pferd von Rolfs machte einen Seitensprung, so gewaltsam zog er den Zügel an; sein Gesicht war plötzlich ganz bleich geworden.„Gnädige Frau,“ stotterte er,„Sie haben originelle Einfälle. Welche Veranlassung habe ich gegeben—“
„Ihre Augen, Ihre Gesichtsfarbe verrathen Sie, diese sind
ehrlicher und offener als Ihr Mund,“ fiel sie ihm ins Wort.
Die Gesellschaft bog in einen Seitenweg ein und Rolfs blieb hinter Frau Wellner zurück. Sie wendete zerstreut den Kopf nach rechts, wo mächtige Eichbäume ihre Zweige über grünen Rasen breiteten. Sie fuhr erbleichend in ihrem Sattel auf und starrte unter die große Eiche.
„Gnädige Frau,“ rief einer der Herren und war an ihrer Seite.„Hat Sie der Strolch da unter dem Baume erschreckt? Er schläft ja ganz friedlich, Pistolen und andere Waffen hat er nicht bei sich. Sehen Sie nur, er ist wach geworden und reibt sich die Augen, ein ganz harmloser Wanderer.“
Frau Wellner setzte ihr Pferd in Trab und die Gesellschaft folgte ihr. Der Reisende aber machte ein verdrießliches Gesicht, zog den Plaid um sich und schlief wieder ein.
Am Abend wurde mustizirt und nur die Iutimen waren ein⸗ geladen im Hause des Präsidenten. Jella im einfachen weißen Kleide von indischem Mull war entzückend schön, und Rolfs konnte die bewundernden Blicke nicht von ihr abwenden, trotz der Präsidentin. Freilich war er sicher, daß sie ihn nicht beobachtete, etwas Plan⸗ mäßiges lag nicht in ihrem Charakter, wie überhaupt nicht die Absicht, jemand zu schaden. Heute Abend aber glühten ihre Wangen, es brannte ein unruhiges, düsteres Feuer in ihren Augen, sie war offenbar nervös erregt. Jella nahm mit Lust und Vergnügen an den musikalischen Produktionen Theil, es amüsirte sie, eifrig zwischen der Baronin und ihrem Vater zu singen und gelehrig auf alle Vorschriften der italienischen Schule


