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„Ich danke Ihnen, Frau Präsident, für Ihr gütiges Inter⸗ esse,“ antwortete er sehr kalt,„fürchte aber Niemand und nichts für meine Laufbahn, so lange ich strikt den Weg meiner Pflicht und Schuldigkeit gehe.“
„Sie sprechen eine stolze Sprache, Baron,“ sagte sie nach⸗ lässig. „Ich habe Ihnen nur geantwortet, Frau Präsident,“ erwiderte er und empfahl sich vor ihrer Wohnung.
(Fortsetzung folgt.)
Schloß Warren.
Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.)
Einige Athemzüge frischer Luft, dann wandte sich der Brave zur Fortsetzung seines muthigen Werkes. Galt es doch, auch die Wärterin des Kindes zu retten, welche bewußtlos auf dem heißen Fußboden des Zimmers lag, wo sie vom Rauch betäubt nieder— gestürzt sein mochte, als sie sich und ihren Pflegling flüchten wollte.
Zum zweiten Mal kehrte der Graf zum Fenster zurück;— ein jauchzendes„Hurrah“, lohnte seinen Erfolg.— Bald hatte er das letzte Hinderniß überwunden und nach Luft ringend, stand er mit seiner unbehülflichen Bürde auf der obersten Sprosse der Leiter.— f
Ueber ihm prasselten die Flammen, und ein Funkenregen wirbelte auf ihn hernieder.
„Werft sie herab, Herr!“— schrie man ihm zu—„der Dachstuhl sinkt.“
Er schüttelte verneinend das Haupt; wie konnte er das halb— todte Weib fallen lassen?— Langsam und vorsichtig begann er hinabzuklimmen. Da— ein schreckliches Krachen und Bersten — ein hundertfacher Schrei der Menge— glühende Balken stürzen— unter der doppelten Last wankt brechend die morsche Leiter— und blutend liegt Graf Warren unter rauchenden Trümmern.———
Ruhelos wanderte Helene von Haldern in ihrem kleinen behaglichen Zimmer auf und nieder. Ein unerklärliches Angst— gefühl lastete auf ihrem Herzen.
War es die Schwüle der Stubenluft?— Sie öffnete das Fenster, aber auch draußen sand sie drückende Hitze.
War es die Stille der Nacht? Sie lauschte hinaus, aber kein erlösendes Geräusch drang zu ihren Ohren. 7
Ihr Blick fiel auf die schlummernde Irma und sie betrachtete das kindliche Gesichtchen ihrer zukünftigen Schwägerin, welches der Schlaf mit zartem Roth überzogen hatte. Freundliche Zu— kunftsbilder mußten im Traum den Geist der Schläferin um— gaukeln, denn auf ihren rothen, halbgeöffneten Lippen schwebte ein leises, glückliches Lächeln. Allein auch dieser Anblick wollte die trüben Gedanken nicht aus Helenens Seele verscheuchen.
Wie konnte Irma nur schlafen, während ihr Verlobter in der Nähe jener Feuersbrunst weilte, deren unheimlicher Schein noch immer den Himmel röthete?— Wie leicht konnte Udo ein Mißgeschick treffen, ihn, der jede Gefahr mißachtete, wenn es galt, Unglückliche zu unterstützen oder Verlorene zu retten.
Helene gedachte ihrer eigenen traurigen Schicksale und des hochherzigen Beistandes ihres Bruders. Wie eigenthümlich war es doch, daß sie erst im Unglück das weiche, große Kinderherz erkannt hatte, welches sie vorher in dem stolz und gleichgültig blickenden Mann nicht vermuthet, und welches dennoch so warm zu empfinden und so zart zu helfen und zu trösten wußte.
Als junges Mädchen hatte sie einst das Band zwischen sich und ihrer Familie zerrissen, indem sie gegen das Verbot ihres Vaters dem Manne ihrer Liebe gefolgt war.— Der Fluch des Vaters ereilte sie schnell.— Aus dem Elternhaus verstoßen, von dem Gatten, einem gewissenlosen Verschwender, verlassen, sah sie sich mit ihren Kindern der bittersten Noth preisgegeben und schon wollte sie verzweifeln, als ihr Udo, der sie nicht aus den Augen verloren, noch rechtzeitig die rettende Hand entgegen— streckte. Trotz der Drohung des starrköpfigen Vaters, auch ihn zu enterben, hatte er die Schwester liebevoll getröstet, mit Rath und That unterstützt und ihr nach dem Tode des Vaters die verschlossene Thüre der Heimath wieder geöffnet.
Wird das stille Glück, das sie nun schon seit zwei Jahren in Warren genießt, immer Bestand haben, oder wird sie wieder in die schadenfrohe, lieblose Welt hinausziehen müssen, wenn Irma hier als Herrin schaltet und waltet?— Seufzend strich sie mit der schlanken Hand über die brennende Stirn und trat sinnend an das offene Fenster.
Da vernahm sie von der Straße herüber das Geräusch langsam rollender Räder. Schwankende Lichter blitzten, und durch das Portal des Schloßhofes näherte sich ein Wagen, zur Hälfte mit Stroh gefüllt und von Männern geleitet, welche die anschlagenden Hunde gedämpften Tones zur Ruhe verwiesen.
Helene preßte die Hände auf das ängstlich pochende Herz. Was war geschehen? Sie wollte hinauseilen, da entsann sie sich Irmas. Schnell trat sie zu ihr und berührte sie leise.
„Kind, wach auf, Udo wird bald hier sein! Soeben kommt ein Wagen, der nichts Gutes zu bringen scheint. Willst Du mit mir gehen?“
„Nein Helene, laß mich hier! Was wird es sein, kranke weinende Menschen oder sonst dergleichen. Du weißt, ich sehe so etwas nicht gern. Wenn Udo eintrifft, schicke ibn zu mir, ich finde es Unrecht, daß er mich so lange warten läßt.“
Helene hatte ihr stumm zugewinkt, dann war sie gegangen. Beschleunigten Schrittes war sie zur Freitreppe geeilt und thränenden Auges neben dem regungslosen Körper ihres Bruders niedergesunken, den man soeben vorsichtig von dem Wagen gehoben.
III. 5
Sechs trübe, bange Wochen sind für die Bewohner Warren's langsam dahingegangen.
Frau von Haldern erhebt sich von dem Stuhl am Fenster des verdunkelten Krankenzimmers, legt das Buch, aus welchem sie soeben vorgelesen, bei Seite und tritt leise an das Ruhelager hinter dem japanischen Bettschirm. ö
„Lieber Udo, Irma ist vorgefahren! Fühlst Du Dich stark genug, sie zu sehen?“
„O gewiß, gewiß!“ erwidert Jener erregt.„Bitte, laß sie kommen! Die Ungeduld— die Sehnsucht verzehrt mich.“
Helene lächelt wehmüthig.
Er bemerkt es und drückt ihr die Hand.„Sei nicht eifer⸗ süchtig, Schwester! Du wirst Deiner Sorge um mich noch lange nicht enthoben sein, selbst wenn Irma Dich täglich einige Stun⸗ den ablöst. Du bist eine unübertreffliche Krankenpflegerin, und ich kann Dich und Deine zarte Hülfe nicht entbehren.— Aber nun, bitte, schicke mir Irma!“
Helene streicht liebevoll über das braune Haar des Kranken: „Ich gehe ja schon, Du Schmeichler!“— Lächelnd winkt sie beim Verlassen des Zimmers einen freundlichen Gruß zu ihm hinüber, aber ein leiser Seufzer entflieht ihren Lippen, als sich die Vorhänge der Thür hinter ihr schließen und ihr im Neben⸗ zimmer das helle Sonnenlicht entgegen fluthet.
Sie ist seit der Unglücksnacht des Brandes in Wiesendorf bleicher geworden, und zu dem Ausdruck des seelischen Leidens in ihren Mienen haben sich die Spuren körperlicher Abspannung und Müdigkeit gesellt. Tag und Nacht hat sie am Schmerzenslager ihres Bruders gesessen, muthig während der wildesten Fieber⸗ phantasieen bei ihm ausgehalten und stets mit eigner Hand seine Wunden verbunden.
Niemand hat ihr bei diesem Samariterwerk geholfen; denn Irma war mit ihren empfindlichen Nerven zu wirklicher Unter⸗ stützung nicht geeignet, und der Arzt hatte gerathen, den mit dem Tode ringenden Kranken durch den Anblick seiner fassungs⸗ losen Braut nicht zu erregen.
Lange schwankte die Hoffnung auf Rettung.— Jetzt ist die Gefahr vorüber; aber die ärztliche Kunst hat es nicht vermocht, die Erinnerungszeichen der Unglücksnacht aus dem Antlitz des Grafen zu verlöschen. Große rothe Narben sind auf Stirn und Wange zurückgeblieben, und eine schwarze Binde deckt für immer das erblindete Auge.
Wie wird Irma diesen Anblick ertragen?— wird sie nicht Udo den Verlust seiner früheren Schönheit entgelten lassen?—
Mit diesem Gedanken betritt Helene ihr Zimmer. Sie fin?
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