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verfolgen, ihrer Habsucht fröhnen, so oft sie Gelegenheit finden, überhaupt über Alle, welche die Gewalt ihres Amtes oder ihres Reichthums mißbrauchen, um das Recht zu beugen und den Schwächeren zu unterdrücken? Dadurch würden wir den Dank des ganzen Volkes, die Sympathie der ganzen gebildeten Welt gewinnen, und bald wären nicht mehr wir das gehetzte Wild! Wir würden eine große, mächtige Partei sein, deren Einfluß über das ganze Reich reichen würde. Wir würden das schmutzige Ungeziefer verscheuchen und vertilgen, das jetzt am Lebensnerv des Volks nagt und in frischer Kraft würde der russische Riese emporwachsen, der zur Weltherrschaft bestimmt ist.“
Karpow sah, daß seine Worte Eindruck machten und fuhr mit neuem Eifer fort:
„Der Kaiser hat die Leibeigenschaft aufgehoben, hat vierzig Millionen Sklaven aus der Knechtschaft befreit, welche ihn da— für abgöttisch verehren und niemals begreifen werden, daß es zum Heile des Vaterlandes nöthig sei, ihn zu tödten. Der Kaiser wird auch nicht davor zurückscheuen, das ganze Volk aus der Knechtschaft des Absolutismus zu befreien, denn er ist der Alleinherrschaft müde. Zeigt Euch als mächtige, zuverlässige Partei und Ihr werdet ihm als Stütze willkommen sein, er wird gern Eure Hilfe annehmen, um an der Wiedergeburt der Nation mitzuarbeiten. Den Kaiser tödten, ist das, woran wir am wenigsten denken dürfen, was der guten Sache am allergefähr— lichsten ist, und ihre Feinde triumphiren macht.“
Bleich vor Aufregung setzte sich Karpow.
Unbeschreiblich war der Eindruck dieser Worte auf Schel— jabow. Auf seinem Gesichte erschien erst der Ausdruck des Er— staunens, dann des Zorns, endlich der wilden Energie des An— führers, der sich Gehorsam erzwingen will, und der kalten Wuth des Fanatikers.
„Nur ein Schwächling kann so reden,“ zischte er.„Von Tyrannen willst Du die Freiheit erwarten? So erwarte doch vom Satan die Ausrottung der Hölle! Wer ist verantwortlich für alle die Gräuel, welche gegen die Unsrigen, selbst gegen zarte Mädchen verübt wurden, für alle die Seufzer und Flüche, die aus der Tiefe der Bergwerke von Nertschinsk zum Himmel steigen? würde, jene Unglücklichen dem Leben, der Menschheit wieder— zugeben? Tod den Tyrannen! Das ist unsere Losung! Das ist der erste Schritt, um der Menschheit neue Bahnen zu weisen, und was uns in den Weg tritt, muß fallen. Bist Du zaghaft geworden, oder— feig?!“
„An meinem Muth soll Niemand zweifeln,“ fuhr Karpow auf,„ich habe ihn bewiesen, lange bevor Du in unsere Reihen tratest. Meine Vaterlandsliebe verbietet mir, dabei mitzuwirken, daß das Werk vernichtet werde, für das schon so Viele gelitten haben. Ich wiederhole es: der Kaisermord ist der Untergang unserer Sache— ist Wahnsinn!“ ö f„Genug der Worte!“ zischte Scheljabow.„Auf dem Kongreß von Lipetz ist der Tod des Kaisers beschlossen worden. Es ist ein Befehl, den ich überbringe! Hörst Du? Ein Befehl! Du kennst unsere Gesetze!“ fügte er drohend hinzu.„Führst Du ihn nicht aus, dann ein Anderer.“
„Ich weiß,“ erwiderte Karpow ruhig.„Gerne mache ich einem Andern Platz. Ich werde Petersburg verlassen, vielleicht auf immer. Ein Onkel von mir wünscht, daß ich ihm zu Hilfe komme, um seine Güter an der Wolga im Saratow'schen Gou—
vernement zu bewirthschaften. Ich werde meinen Abschied nehmen,
denn der Staats-Dienst ist mir zuwider geworden.“
Er schien die Drohung Scheljabow's nicht verstanden zu haben.
Scheljabow wechselte einen langen, ausdrucksvollen Blick mit Terenkow.
„Gut,“ sagte er dann,„schließen wir für heute unsere Be— sprechung. Vielleicht wird Karpow noch anderen Sinnes bis morgen.“
„Niemals,“ erwiderte dieser entschieden und bereitete sich zum Gehen. Er hatte bereits den geheimen Gang betreten, während die beiden Andern noch im Zimmer zurückblieben.
„Was verdient ein Abtrünniger, ein Verräther nach unserem Gesetz?“ flüsterte Scheljabow.
„Den Tod,“ antwortete Terenkow dumpf.
Wer anders, als er, dem es nur ein Wort kosten
27 D.
Sie löschten die Lampe und alle drei Männer verließen schweigend das Zimmer und das Haus.
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Am andern Morgen fand man bei der Armenischen Kirche den Leichnam Karpow's. Eine tiefe Stichwunde vom Rücken her durchbohrte das Herz. Auf seiner Brust lag ein Zettel mit der Aufschrift:„Tod dem Abtrünnigen!“
V. Wiedererwacht.
Maxim erwachte wie aus einem tiefen Schlaf. Es war ihm so eigenthümlich zu Muth, er fühlte keinen Schmerz, konnte sich an nichts erinnern, aber eine schwere Mattigkeit lag auf allen seinen Gliedern, so daß er keiner Bewegung fähig war.
Er suchte seine Gedanken zu ordnen. Wo war er denn? Offenbar zu Hause. Aber wie war er denn nach Hause ge— kommen? Er war doch auf dem Balle bei Welikanow gewesen, dann auf dem Heimweg über den Newsky-Prospekt gegangen in dem prachtvollen Mondschein. Dann hatte er mit einem jungen Mädchen gesprochen, dann— was dann? Wo war denn das Mädchen plötzlich hingekommen?
Wieder verwirrten sich seine Gedanken. Warum schrie sie plötzlich auf? Wird das junge Mädchen dort am Fenster auch schreien? Eine Wolke senkte sich auf seinen Geist herab— er schloß die Augen.
Als er sie nach langer Zeit wieder öffnete, sah er Wera nicht mehr am Fenster sitzen, sondern zu seinen Füßen am Bett stehen. Sie sah ihn an mit einem himmlischen, glücklichen Lächeln, das ihm tief zu Herzen drang und erhob langsam den Zeigefinger auf ihre Lippen.
Er fühlte eine wundervolle Ruhe und Zufriedenheit. Noch eine Stunde lag er so halb wach, halb mit verwirrten Gedanken. Doch endlich ordneten sich diese, er erinnerte sich an Alles bis zu dem entsetzten Aufschrei des Mädchens— jedoch nicht weiter. Er wollte endlich erfahren, was mit ihm vorgegangen.
„Fräulein,“ sagte er langsam,„bitte sagen Sie mir—
„Mutter, Mutter, er ist erwacht!“ flüsterte das junge Mädchen.
Allein die Mutter hörte nicht, sie hatte das Zimmer längst verlassen, um den Arzt herbeizurufen, und auch auf einen Augen⸗ blick ihre Wohnung zu besichtigen.
„Bitte, sagen Sie mir,“ fuhr Maxim leise fort,„wie bin ich hierher gekommen, und— und wer sind Sie denn, daß Sie sich meiner annehmen?“
„Beruhigen Sie sich,“ erwiderte Wera ängstlich,„wir sind
Freunde. Sie sollen Alles erfahren, Alles, aber haben Sie noch Geduld— morgen—“. Maxim suchte sich vergeblich aufzurichten. Er war noch zu matt, bald verfiel er wieder in Halbschlummer. Wer war denn das Mädchen? Wo hatte er es doch gesehen? Bei Welikanow? Nein, aber es muß ganz vor Kurzem gewesen sein.
Der Arzt erschien und fand Maxim außer aller Gefahr. Die jugendliche Lebenskraft siegte bald über den gefährlichen Angriff und überstand die harte Probe mit wunderbarem Erfolg.
Nach wenigen Stunden hatte er sich vollkommen erholt. Der Arzt erzählte ihm den Hergang, und Wera fügte in beredten Worten den Ausdruck ihres heißen Dankes bei.
Am andern Tage nahmen Mutter und Tochter Abschied von ihrem Pflegling, welcher das Versprechen gab, sie am folgenden Tage zu besuchen.
Maxim blieb allein zurück, in tiefes Nachdenken versunken. Wer ist dieses Mädchen mit dem harten glänzenden Blick und mit dem wundervoll milden bezaubernden Lächeln, mit dem ein— fachen, fast armseligen Aeußeren und doch mit der gewandten Redefertigkeit einer vollendeten Weltdame? Den Namen hatte er wohl vernommen, aber was kann der Name sagen? Kann er Wesen, Werth und Charakter seines Trägers erklären? Kann er uns dessen Gesinnung und Denkungsweise offenbaren? Nein, der Name ist ein leerer Schall. Aber wer kennt nicht jene leise Stimme, die so oft beim ersten Begegnen mit einem fremden Wesen ein rasches Urtheil spricht, zu dessen Gunsten oder Un— gunsten, das meist richtig ist und meist entscheidend für unsere
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