c c
fühlen, halb Zahnschmerz, halb Angst, Platz nahmen.
26..
Daneben stand ein eleganter kleiner Schrank mit vielen kleinen Schieb— laden und ein Tisch, mit allerlei Geräthen, Lampen, Gläsern, Fläschchen besetzt. Weiterhin im Hintergrund stand ein kleiner Divan, eine Thüre führte in den Korridor hinaus.
Nicht weit davon war die Thüre eines Wandschranks von ziemlicher Breite zu sehen. An diesen trat der Fremde, öffnete dieselbe und blickte hinein. Der Wandschrank war angefüllt mit einer Menge, wie es schien ganz unnützer, kaum des Auf— hebens werther Dinge, namentlich war ein großer Stapel von alten Zeitungen zu sehen, welche unordentlich aufgeschichtet dalagen. Der Fremde klopfte, auf eben so eigenartige Weise, wie vorhin
wartete auf Antwort. Diese erhielt er in gleicher Weise, dann drückte er auf eine Feder, welche ganz oben an der Seite des Wandschranks angebracht war, und schloß die Thüre wieder. Nach einigen Sekunden bewegte sich diese wieder und öffnete sich, indem sie aber zugleich den ganzen Wandschrank mit sich nahm. Dadurch wurde ein enger Gang sichtbar, der Fremde
im Heer und in der Flotte. Ja, wir können sagel, alle Klassen
des Volks, alle Gebildeten sehen auf uns mit Sympathie, und
deutlich zu sehen.
trat rasch hinein und brachte den Schrank wieder an seine alte mehreren andern Beamten, welche für diese Grausamkeiten ver—
Stelle. Noch einige Schritte weiter und er trat in ein kleines, matt erleuchtetes Gemach. An einem Tische inmitten des Zimmers saßen zwei Männer,
mit der Durchsicht von Briefen, Schriftstücken und Zeitungen be
schäftigt. Außer einigen Stühlen, einem sehr einfachen Schrank und dem Tisch war das Zimmer ganz leer. Das einzige Fenster desselben war mit einem schwarzen Tuch dicht verhängt, was das Aussehen des Zimmers noch mehr verdüsterte.
Beim Eintritt des Dritten waren die beiden Insassen des— selben aufgestanden und reichten ihm erfreut die Hände. Der Eine war ein großer, breitschultriger Mann mit langem Voll— bart, einer goldenen Brille vor den Augen, regelmäßigen Zügen und schon zur Hälfte kahlem Haupt. Er hatte das Aussehen eines Lehrers oder Arztes.
Der Zweite war kein Anderer, als Wladimir Nikolajewitsch Karpow, der Freund Maxims.
„Willkommen, Freund Scheljabow, willkommen in Peters— burg,“ rief der Aeltere.—„Ich freue mich, daß Du glücklich eingetroffen.“
Sie umarmten sich stürmisch und küßten sich nach russischer Sitte die Wangen. Auch mit Karzow begrüßte sich Scheljabow ebenso herzlich, worauf alle drei Männer am Tische Platz nahmen.
„Wir waren schon besorgt um Dich,“ bemerkte Karpow, „denn wir mußten Dich' schon vor einer Stunde erwarten.“
„Ich wurde aufgehalten auf dem Newsky-Prospekt durch das
Gedränge, auf das ich gar nicht gerechnet hatte,“ erwiderte
Scheljabow.
„Wir hatten besonderen Grund, um Dich in Sorge zu sein,“ sagte der Aeltere,„denn wir hatten erfahren, daß die Polizei die Ankunft eines Abgesandten des Zentral-Komite's erwartete, und waren dessen nicht sicher, ob unsere Warnung in Moskau rechtzeitig eingetroffen.“
„Gewiß, Freund Terenkow, sie ist noch zu rechter Zeit ge— kommen,“ erwiderte Scheljabow,„und ich habe meine Maßregeln getroffen. Ueberdies bin ich begleitet von vier der Unsrigen, welche alle ebenso gekleidet sind, wie ich, und meine Größe und Gestalt haben, so daß wir die Spione jedenfalls, wenn nöthig, in Verwirrung bringen können.“
„Gut,“ bemerkte Karpow,„aber dies widerspricht doch unsern Grundsätzen, wonach Jeder, der für unsere heilige Sache kämpft, Niemand kennen soll, als einen Vorgesetzten und einen Neben— mann, während jeder Deiner Begleiter also die drei Anderen und außerdem Dich kennt.“
„Nein,“ erwiderte Scheljabow,„Jeder kennt nur mich und
weiß nichts von den Andern. Sie sind indessen alle auf ihrem Posten. gesehen und beauftragt, in ihre daß ich ihre Hülfe nöthig hätte.“
„Vortrefflich,“ bemerkte Terenkow,„und nun, Freund, erzähle, welche neuen Nachrichten Du hast und welche Befehle Du briugst.“
„Es steht vorzüglich, Brüder,“ erwiderte Scheljabow mit leuchtenden Augen.„Ueberall im Reich wächst die Zahl unserer Anhänger, nicht nur unter der studirenden Jugend, sondern auch
O
—
uartiere zu gehen für den Fall,
Ich habe sie soeben alle auf dem Newsky-Prospekt
die Zahl der Streiter für die heilige Sache der Freiheit ver— mehrt sich mit jedem Tage, mit jeder Stunde.“
„Auch hier in Petersburg,“ bemerkte Terenkow,„ist dies Es giebt auch hier genug russische Herzen, welche ihr Leben für das Wohl des Vaterlandes zu opfern bereit sind.“ a
„In Genf,“ fuhr Scheljabow fort,„ist Krapotkin unermüdlich thätig durch Wort und That, um weitere Geldmittel herbei zu schaffen, welche jetzt reichlich fließen.
„Was Petersburg betrifft, so hat das Zentral-Komite mit
bei der Eingangsthüre an der Hinterwand des Schranks und Abschen von der grausamen Behandlung der Gefangenen in der
Peter-Pauls-Festung gehört. Ist es möglich, daß die Unsrigen, selbst Mädchen, dort Monate lang in feuchten Kasematten gefangen gehalten werden bei einer abscheulichen Nahrung und unmensch— licher Behandlung, so daß Viele nach einigen Monaten dem Selbstmord oder dem Wahusinn anheim fallen? Hier muß ein Exempel statuirt werden. Es ist beschlossen, vorläufig den Ober— Polizeimeister, General Trepow, mit dem Tode zu bestrafen, und
antwortlich zu machen sind, eine letzte Verwarnung zu ertheilen. Auch der Gendarmerie-General Mesenzow, welcher die bereits erhaltene Verwarnung nicht beachtet hat, wird nächstens seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit dem Leben büßen. Die Vorbereitungen hierzu werde ich persönlich beaufsichtigen. Einer Eurer Besten hier wird mich dabei unterstützen.“
„Wer ist das?“ fragten Karpow und Terenkow gleichzeitig.
„Nun, es ist Semenow, der im Ministerium des Innern dient.“
„Semenow!“ sagte Terenkow mit gedehntem Tone.„Ich wünschte, Du ließest ihn aus dem Spiel. Ich traue ihm nicht mehr, seitdem das Quartier in der Gorahavaja-Straße von der Polizei überfallen worden ist.“
„Nun, welche Beweise liegen vor gegen Semenow?“ fragte Scheljabow.
„Beweise noch nicht,“ erwiderte Terenkow,„aber jenes Quar— tier, in welchem zuweilen einige der Unsrigen Zuflucht fanden, wenn sie von der Polizei verfolgt wurden, war das einzige, welches Semenow kannte. Und seit der Zeit kann er mir nicht mehr in die Augen sehen. Sein Wesen gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht,“ bestätigte Karpow,„aber wenn er falsches Spiel treibt, werde ich ihn sicher überführen.“
„Nun, mag sein, daß es besser ist, ich halte ihn mir ferne,“ entgegnete Scheljabow ruhig.„Und nun, Brüder, noch das Wichtigste, das große Werk, das unser Aller Mitwirkung bedarf. Ihr kennt Noch dieses Frühjahr muß es vollbracht sein, bevor noch der Czar seine Reise nach dem Süden antritt. Und Euch Petersburger wird die Ehre zu Theil, vom Zentral-Komite mit der Ausführung beauftragt zu werden.“
„Endlich!“ rief Terenkow.„Endlich doch eine That! Zu lange schon sind wir nur das gehetzte Wild gewesen. Wollt ihr die Tyrannei vertilgen, so vertilgt erst die Tyrannen! Hier meine Hand, zählt unbedingt auf mich!“
Scheljabow nahm erfreut die dargebotene Hand Terenkow's. Mit leuchtenden Blicken erwiderte er:
„Du sprichst, wie ich es von Dir erwartete! Und ich werde Euch zur Seite stehen. Ich bleibe hier, um das große Werk mit auszuführen und theile mit Euch die Gefahr.“
Bleich und schweigend hörte Karpow zu und sein Gesicht nahm den Ausdruck schwerer Sorge au. Befremdet sah Schel— jabow nach ihm hin und zog die Augenbrauen zusammen. Endlich erhob sich Karpow und sprach mit fester, klarer Stimme:
„Freunde, bedenkt, was Ihr thut! Was erreicht Ihr, wenn Ihr den Kaiser tödtet? Bedenkt, er ist fast der Einzige in Ruß⸗ land, der nicht bestochen werden kann, der nicht nach Aemtern und Ehren strebt, er ist verehrt und geliebt von dem ganzen Volk. Ein Attentat auf ihn, mag es gelingen oder nicht, macht
ES.
uns die ganze Masse des Volks zu Feinden, es vernichtet unsere
Stellung, unsern Einfluß, unsere Arbeit für alle Zeiten. Warum seht Ihr nicht lieber darin Eure Aufgabe, die Willkür, die Be⸗ stechlichkeit, die Niederträchtigkeit und Raubsucht der Beamten, überhaupt Aller zu bestrafen, warum errichtet Ihr nicht lieber ein Fehmgericht über die Polizeibeamten, welche die Unschuld
—


