zu den
Ouerhessischen Uuchrichten.
Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
ieee den 22 Januar.
Nirgends in der Welt tritt die Poesie des Winters so herrlich zu Tage, wie auf dem unvergleichlichen Newsky-Prospekt. Es
ist ein neues Leben, eine verdoppelte Lebenslust. Man wird wie
betäubt von dem Treiben, von dem tollen Jagen der Hunderte von Schlitten auf der glatten,(blanken Bahn, welche in der Sonne funkelt. Nirgendwo sonst in der Welt fährt man in so beängstigend raschem Tempo, wie hier, und der Fremde wundert sich darüber, daß nicht in der nächsten Viertelstunde die Hälfte der Fahrzeuge zertrümmert an der Erde liegt.
Der Russe lebt auf im Winterfrost. Hier fühlt er sich be— haglich und in seinem Element. Er besingt sogar„Moros“, den Frost, in seinen Volksliedern. Die Kälte reizt das Blut zum Widerstand, bringt es in Bewegung, in Wallung. Die Wangen röthen sich, die Augen glänzen und ein Wohlgefühl durchströmt den Körper. Haar und Bart umkleiden sich mit Reif, wie vom Alter ergraut und durch den Kontrast entsteht das seltsame Bild eines jugendlichen Greises oder eines greisen Jünglings.
Die nordische Februarsonne beleuchtetet mit mattem, fahlen Schein die mit Schnee bedeckten Häuser und Straßen. Man glaubt sich um fünfzig Millionen Jahre in die ferne Zukunft vorgerückt, wo die Sonne schon anfängt, an Glanz und Wärme abzunehmen, wo die Eiszeit wiederkommt und langsam gegen Süden, gegen den Aequator vorrückt, während die Menschheit noch unbeirrt, wie heutzutage, den Kampf um's Dasein, den Tanz um's goldene Kalb fortsetzt.
Jetzt entsteht plötzlich eine gewisse Unruhe in dem Menschen— strom. Derselbe staute sich an einer der Nebenstraßen, welche in den Newsky münden. Eine unabsehbar lange Reihe von Polizisten längs des Newsky-Prospekts wurde plötzlich sichtbar, wie aus der Erde gewachsen. Sie waren wohl zuvor schon in der Menge vertheilt gewesen und jetzt auf ein Zeichen hervor— getreten. Einer derselben trat mitten auf den Kreuzweg, erhob den Arm und winkte die Straße hinauf und dann ebenso hinab. In demselben Augenblick schien alles Leben zu erstarren. Die unabsehbare Reihe von Schlitten aller Art wich nach beiden Seiten, um eine breite Gasse offen zu lassen und stand dann still.„Gossudar idjot,“ der Kaiser fährt vorbei, hieß es, und erwartungsvoll stand die Menge still. Alle nahmen die Hüte oder Mützen ab. a
Gleich darauf kam ein Schlitten, mit zwei prachtvollen Rappen bespannt, in brillanten Trab die Straße herab, in welchem der Kaiser mit einem Flügel-Adjutanten saß, sonst ohne alle Be— gleitung oder Eskorte. Der Kaiser sah sehr gesund und heiter aus und erwiderte freundlich die Grüße des Volks.
Es war nur ein Moment, die ganze Scene verlief sehr
Vor dem Sturm.
Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)
rasch, aber es dauerte noch eine Weile, bis Alles wieder in Bewegung kam. Der Vorgang hatte ein schwer zu beschreibendes düsteres Aussehen. Jeder schien erleichtert aufzuathmen, nachdem der Kaiser glücklich vorübergefahren und Niemand hielt sich mit Fragen auf, denn es war nicht gut, hier zu viel Neugierde merken zu lassen.
Der Unbekannte war indessen in eine Nebenstraße links ein— gebogen, und ging dieselbe mit gemäßigten Schritten entlang.
Die Straße war wenig belebt, und lag schon im tiefen Dunkel
der Abenddämmerung. Es war eine jener düsteren, wenig ein— ladenden Straßen von geringer Breite, aber zu beiden Seiten mit hohen Häusern besetzt, welche wenig Luft und Licht ein— ließen. Nachdem er diese Straße einige Zeit verfolgt hatte, blieb er stehen und sah sich plötzlich um. Niemand war zu er— blicken, so weit das schwache Licht der Dämmerung noch reichte.
Der Fremde- bog nun wieder in eine Quergasse ein, welche mit dem Newsky-Prospekt gleich lief und ihn auf eine große, ziemlich belebte Hauptstraße führte. Nachdem er sich auch hier flüchtig nach rückwärts und seitwärts umgesehen hatte, ging er rasch vorwärts, als ob ihm die Kälte des Abends empfindlich geworden sei. Nach ziemlich kurzem Marsch bog er plötzlich in den Thorweg eines anscheinend sehr großen Hauses von ziemlich elegantem Aussehen ein, schritt rasch an dem Dwornik, dem Portier, vorüber, welcher sich bemühte, ihm in's Gesicht zu sehen, und stieg eilig die Treppe hinan. Im zweiten Stock hielt er vor einer Thüre, an welcher sich eine Tafel befand mit der Aufschrift:
„Alexander Fedorowitsch Zahnarzt. Hier werden künstliche Zähne schmerzlos eingesetzt.“
Es war schon zu finster auf dem Treppenraum, um dies lesen zu können. Der Fremde schien jedoch dessen nicht zu be— dürfen, denn ohne zu zögern, klopfte er mehrmals auf eigenthüm⸗ liche Weise an. Darauf horchte er gespannt. Bald hörte man als Antwort ein ebenso eigenartiges Klopfen, die Thür öffnete sich, der Unbekannte trat ein und ließ sie hinter sich wieder in's Schloß fallen. Niemand war zu sehen, jedoch ohne sich darüber zu wundern, durchschritt er das Wartezimmer der Patienten, dann das Empfangszimmer des Arztes. Dieses war mit ziem— licher Eleganz ausgestattet und sah ganz wie das Atelier eines vielbesuchten Zahnarztes aus. Es war ein ziemlich großes Zimmer mit zwei Fenstern. An der einen Wand beim Fenster stand ein Schreibtisch, daneben ein Bücherschrank. Fast in der Mitte des Zimmers, nahe am Fenster, war ein großer Lehn⸗ sessel zu sehen, auf welchem die Patienten mit gemischten Ge—
eikolitsch,
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