Ausgabe 
21.10.1888
 
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Helka's Thränen waren versiegt, ihr Gesichtchen erhellte sich wieder, und von Neuem bedeckte sie die Schwester mit zärtlichen Küssen. Josepha umarmte sie herzlich.

Du bist schon groß und verständig genug, so daß ich Dich auf Dein Ziel hinweisen kann, zu dessen Erreichung ich Dir mit allen meinen Kräften behilflich sein will. Du bist befähigt, Alles zu erlernen, besonders dasjenige, was Dir Nutzen bringen könnte. Wenn Du nur ausharrst, wenn Du es nur durchführst! Denke übrigens nicht, daß das Ziel ein so leichtes ist!

Ich weiß es, entgegnete Helka und sprang vom Schooße der Schwester herunter, um ihren Koffer zu schließen.

Die Unterhaltung verstummte. Josepha suchte ihr Hütchen auf und küßte der Schwester die Stirn.

Ich werde mich jetzt von Frau Mirewicz verabschieden, sagte sie.Du kannst unterdessen, wie gewöhnlich, dem Onkel die Zeitung vorlesen. Er soll ja nicht denken, daß wir uns irgendwie gekränkt fühlen. Hat er uns auch manchmal Un⸗ annehmlichkeiten bereitet, so sind wir ihm doch immerhin zu großem Danke verpflichtet haben wir doch unter seinem Dache gelebt und sein Brod gegessen!

Als Josepha in das Haus der Frau Mirewicz trat, wunderte sie sich über die tiefe Stille, welche darin herrschte. Früher hörte man immer das Geräusch der Nähmaschine, die laute Unterhaltung Anna's mit dem Dienstmädchen, das Plaudern des kleinen Töchterchens oder das Kreischen der über das Papier fliegenden Feder des Herrn Mirewicz in seinem Arbeitszimmer. Heute vernahm man nichts von all diesem. In der Küche hackte das Mädchen Fleisch zu Koteletten, und Jancia schaute ihm zu, während sie auf einem Stuhle neben dem Küchentische kniete. Im Eßzimmer, im Arbeitszimmer und im Wohnzimmer war alles still, nur von der Schlafstube her tönte ein leiser, monotoner Klang. An dem Gemurmel erkannte Josepha ihre Freundin Anna. Sie ging hinein, und ein wunderlicher Anblick bot sich ihr da. Der Glanz der untergehenden Sonne fiel gerade auf das verhängte Fenster, und in dem goldigen Lichte saß neben dem Tische Frau Anna, beide Ellbogen aufgestützt und den Kopf in den Händen haltend, und las halblaut in einem Buche. In diesem monotonen Murmeln lag etwas Unverständliches, und dieses eigenthümliche Lesen fiel bei Anna um so mehr auf, da sie derart vertieft war, daß sie weder das Oeffnen der Thüre noch den Eintritt Josepha's bemerkt hatte.

Anna, liebe Anna, was thust Du? Betest Du, oder lernst Du etwas auswendig?

Sie erhob den Kopf und wurde sichtbar verlegen.

Nein, nein, Josepha, ich lese nur.

Du, eine so tüchtige Wirthin, vertiefst Dich so sehr in die Lektüre? Aber was liest Du denn da?

Sie schaute auf den Titel des Buches, und ein Lachen ent rang sich ihren Lippen. Sie versuchte, ernsthaft zu bleiben, doch umsonst, sie brach in ein schallendes Gelächter aus. Das Werk trug den TitelUeber die Entwicklung der Zukunft, Indem sie sich noch immer vor Lachen schüttelte, nahm sie ein zweites Buch, welches auf dem Tische lag, zur Hand;Erste Civilisation war es betitelt. Ein drittes Buch lag auf dem Fensterbrett, ein viertes steckte hinter dem Spiegel. Mit einem Worte, Anna war von Büchern gleichsam umlagert, als müßte sie sich zu einem Doktorexamen vorbereiten, oder als wolle sie die Würde eines Magisters der Philosophie erlangen. Mit zitternden, lachenden Lippen fragte Josepha endlich:Was bedeutet das, Anna? Woher hast Du diese Bücher, und was willst Du damit?

Anna schlug die Augen nicht auf; sie war beschämt und traurig zugleich. Endlich erwiderte sie:Ich möchte gern lernen.

Lernen, und aus diesen Büchern? Wie bist Du nur darauf gekommen?

Bei diesen Worten erhob Frau Mirewich den Kopf, und ihre Augen standen voll Thränen, als sie schmerzlich ausrief: Meine liebe Josepha, o wenn Du wüßtest, was ich seit vier⸗ zehn Tagen leide!

Plötzlich erinnerte sich Josepha des schönen Weibes, welches sie vor vierzehn Tagen hier kennen gelernt hatte.

Aber ist denn die Kousine Deines Mannes...

Immer noch nicht abgereist, und wahrscheinlich wird sie auch sobald nicht abreisen... Wenn Du wüßtest, meine liebe

Josepha, wieviel Schmerz und Scham es mir bereitet, wenn ich fortwährend ihre gelehrten Unterhaltungen anhören und sehen muß, wie sie ihn mit ihrer Klugheit umgarnt, und wie er jetzt wenn ich nicht da wäre sehr glücklich sein möchte! Sie weinte bitterlich, doch schnell trocknete sie ihre Thränen und fuhr fort:Ich darf mich ja nur vor Dir aussprechen,

Josepha, vielleicht kannst Du mir einen Rath geben, Du bist 1

doch so gebildet und so klug. Wie Du siehst, nahm ich aus ihrer Bibliothek einige Bücher und fing an zu lesen, Niemand weiß etwas davon, denn ich lese nur, wenn sie beide spazieren gehen, aber sobald sie nach Hause kommen, trage ich die Bücher an ihren alten Ort zurück. Sie sind ja ewig unterwegs, kaum haben sie gegessen, dann gehen sie fort und bleiben bis zum Thee aus, manchmal kehren sie sogar erst um Mitternacht heim. Sie studiren die Stadt, und ich, ich lese unterdessen, ich lese und vernachlässige das Kind und die Wirthschaft. So geht es bereits vierzehn Tage.

Und was hast

Was? Nichts, gar nichts! entgegnete Anna weinend.Ja, weißt Du, meine Liebe, ich habe wirklich rein nichts gelernt. Ob es an meinem dummen Kopfe liegt, oder ob ich es falsch anstelle, genug, ich habe aus allen diesen Büchern nichts gelernt. Manchmal lese ich eine einzige Seite wohl zwanzig Mal durch, und dennoch ist es mir, als hätte ich nichts gelesen. So viel verstehe ich wohl, es handelt sich da um wilde Menschen und gewisse Thiere, allein sprechen könnte ich nicht darüber. Eines verdrängt in meinem Kopfe immer das Andere. Rathe mir doch, Josepha, was soll ich thun?

Josepha, die noch immer lachen mußte, schloß die junge Frau in ihre Arme, küßte ihre Stirn und sagte:Was Du thun sollst! Wirf diese dummen Bücher fort, die Dir nichts nützen können!

Du gelernt?

Eine solche Beschäftigung eignet sich nicht für Dich. Du hast

als junges Mädchen das Schneidern gelernt und kannst hübsche Kleider nähen. Du bist Gattin und Mutter und hast genug mit Deinem Kinde und mit Deiner Wirthschaft zu thun. Die Bücher passen nicht für Dich. Wenn Du auch, über denselben nicht vierzehn Tage, sondern zwanzig Jahre säßest und Dein Gehirn anstrengtest, so würdest Du dennoch keinen Nutzen davon haben, weil Niemand Dich aufklärt über all' die Dinge, die darin stehen. a

Frau Mirewicz rang verzweiflungsvoll die Hände.Gott, mein Gott, wie soll das nur enden! jammerte sie.

Sie schwieg, aber nach einer Weile fiel sie ihrer Freundin um den Hals und flüsterte leise:Ich muß Dir alles es scheint mir, als hätte er sich in sie verliebt.

Josepha wurde nachdenklich.

Warum sprichst Du Dich nicht einmal offen mit ihm aus? fragte sie ruhig.

Ich sollte ihm noch mit solchen Dingen in den Weg kommen, rief Anna,und dadurch seine Unzufriedenheit und seinen Haß noch mehr heraufbeschwören? Es ist ja nur eine Vermuthung, und Gewißheit habe ich noch nicht. Eher möchte ich mich in das Wasser stürzen, als ihm seine gute Laune verderben. Allein mir ist so sehr traurig und so bange um's Herz!

Mit Mühe hielt sie die Thränen zurück. Dann erhob sie sich hastig.

Komm', Du sollst ihre Wohnung sehen!

Die Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und einem Alkoven, welche man besonders für die Fremde gemiethet hatte. Eine kleine Thür verband dieselbe mit dem Mirewiczschen Wohn⸗ zimmer. Diese Mittelthür war früher mit einem leichten Vor⸗ hange verhängt, doch jetzt hing an dessen Stelle eine Portiere von schwerem, kostbaren Stoffe. Die beiden Gemächer waren elegant und geschmackvoll eingerichtet; neben der einfachenguten Stube der Frau Mirewicz glichen sie einem trauten Nestchen. Man mußte ein großer Kenner sein, um eine Wohnung so symmetrisch einzurichten. Ringsum standen niedliche, reizende Möbel, mit glänzenden Stoffen überzogen, ein großer Teppich bedeckte den ganzen Fußboden, die Wände waren mit kostbarer Seide aus⸗ geschlagen, und an den Fenstern hingen werthvolle Gardinen. Im Alkoven waren neben dem duftigen Bette die Koffer auf⸗ gestellt, und über dem Tische brannte eine mattleuchtende Nacht⸗

lampe. Die Ausstattung war wirklich bezaubernd. Allein Anna

erzählen, g