Ausgabe 
21.10.1888
 
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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

zu den

Obrrhessischen Uachrichten.

Nr. 43.

Gießen, den 2. Oktober.

SPeifenblasen.

Erzählung von Eliza Orzeszko.

Deutsch von Johanna Ruhe.

(Fortsetzung.)

Des Abends wurde zeitig die Lampe angezündet, als Mirewicz und Paula von einem mehrstündigen Spaziergange heimkamen. Obgleich die Stadt seit dem gestrigen Tage weder schöner noch geschmackvoller geworden war, so fand Mirewicz doch alles ver ändert und kehrte frisch und vergnügt nach Hause zurück. Er legte eine Heiterkeit und eine Elastizität an den Tag, wie man sie seit zehn Jahren an ihm nicht wahrgenommen hatte. Eifrig half er der Kousine beim Auspacken ihrer Bücher und lachte und scherzte mit ihr. Man mußte sich in der That wundern, wie diese mehr als dreißigjährige Frau, welche viel studirt und viele Reisen gemacht hatte, sich eine Jugendlichkeit sonder Gleichen bewahrte. Mirewicz sagte ihr dieses geradezu, während sie im Wohnzimmer die Bücher ordnete. Anna hatte im Eßzimmer zu thun, sie deckte den Tisch und hörte all die Schmeichelworte und das herzliche Lachen. Auf einmal wurde es still.

In dem kleinen, von einem hübschen, sauberen Gärtchen umgebenen Häuschen, welches der Frau Mirewicz in ihren Träumen bereits als ihr Eigenthum vorschwebte, herrschte in einem kleinen Zimmerchen große Unordnung. Zwei junge Damen waren damit beschäftigt, Kleider, Wäsche und Bücher einzupacken. Die eine von ihnen war Fräulein Josepha Skiwska, die andere deren fünfzehnjährige Schwester Helene, ein niedliches, frisches Kind mit lebhaft dreinschauenden Augen und rothen Wangen. Beide waren eifrig beschäftigt, allein es dauerte nicht lange, da ihr ganzes Hab und Gut keineswegs großartig genannt werden konnte. Helka packte sorgfältig ihre Bücher ein und setzte sich hierauf traurig auf den Koffer. Josepha blickte von ihrer Arbeit auf.

Was fehlt Dir, Helka? fragte sie.Warum weinst Du?

Ueber die Wangen des jungen Mädchens rollten große Thränentropfen, doch hastig und verschämt trocknete es dieselben ab. Aus der Stimme der älteren Schwester klang etwas Un willen. a

Nichts, o nichts fehlt mir, liebe Josepha, erwiderte sie. Mir thut nur dieses Zimmerchen leid, und dieses Gärtchen, das ist Alles.

Das Gärtchen? wiederholte Josepha.Du weißt recht gut, daß Du kein Recht mehr hast, an die Blumen zu denken.

So lange Du Blumen hattest, konntest Du mit ihnen spielen; da Du sie jetzt nicht mehr haben wirst, darfst Du auch nicht mehr daran denken.

Helka nickte zustimmend mit dem Kopfe, bebten vor innerem Weh.

Siehst Du, Josepha, begann sie,dort in Onwil sind uns alle Menschen fremd und unbekannt und, Du hast es ja selbst gesagt, daß wir es dort schlechter haben werden als hier.

aber ihre Lippen

Nachdem Josepha den Koffer geschlossen hatte, richtete sie sich auf und sagte:Unsere Wohnung wird freilich dunkler und enger sein, auch das Essen einfacher, aber dafür werden wir, Du und ich, dort fleißiger und besser lernen können. Ich habe Dir das bereits so oft gesagt, und Du freutest Dich immer darauf. Weshalb willst Du Dich auf einmal über Dinge betrüben, die nicht zu ändern sind?

Sie sprach mit einer gewissen Heftigkeit in Blick und Ton. Damit erreichte sie wenigstens so viel, daß Helka aufhörte, um Garten und Blumen zu jammern. Allein nicht umsonst war die Kleine fünfzehn Jahre alt; ihre Augen füllten sich wiederum mit Thränen.

O Josepha, Josepha, warum stehen wir so einsam in der Welt! rief sie schluchzend aus.Andere haben Eltern, welche sie beschützen, ihnen rathen und helfen. Andere gehen in die Schule und haben trotzdem Blumen und Alles, Alles. Und wir?

Und Du? fragte Josepha kurz.Hast Du nicht eine Schwester?

Helka erhob den Kopf, blickte nach der Schwester hin, sprang von der Erde auf und warf sich mit einem lauten Aufschrei der Schwester um den Hals und bedeckte sie mit heißen Küssen. Die Kälte des jungen Mädchens wich, und der böse Ausdruck in ihrem Gesichte und in ihren Augen verschwand. Sie setzte sich, nahm ihre fünfzehnjährige Schwester, wie sie früher es so oft gethan, auf den Schooß, drückte fie herzlich an ihre Brust und sprach mit bebender Lippe:Du weißt ja, Helka, daß es nicht anders sein kann. Wir sind arme Waisen, und seit des Vaters Tode leben wir, jetzt bereits sechs Jahre hindurch, im Hause des Onkels. Du hast ja selbst oft genug bemerkt, daß wir dem Onkel zur Last fallen, und wir dürfen ihm das gar nicht übel nehmen; denn es ist gewiß keine Kleinigkeit, uns zu bekleiden und zu ernähren. Und welche Veranlassung hätte er dazu?

Aber Du hast doch so viel gearbeitet, Josepha, und so viel Geld verdient?

Das ist wohl wahr, allein es reichte dennoch zu unserem Unterhalte nicht aus, und deshalb verursachten wir dem Onkel viele Ausgaben. Wie Du weißt, habe ich nur eine einfache Schule durchgemacht und verstehe nur wenig. Deshalb bezahlen sie mir auch die Stunden spottschlecht. Jetzt weiß ich bereits mehr, und in Onwil werden die Privatstunden gut honorirt. Ich werde dort so viel verdienen, als wir brauchen. Hauptsächlich aber kommt es darauf an, daß Du besseren Unterricht erhältst. Es giebt in Onwil bessere Lehrer, mit deren Hilfe Du Dich vor⸗ bereiten kannst. Du weißt doch, wozu, nicht wahr?

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