Ausgabe 
20.5.1888
 
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Dieser lächelte geschmeichelt und drehte an dem sorgfältig

gepflegten Schnurrbart.

Zum Beispiel? fragte er und setzte sein Pferd plötzlich in Galopp.Folgen Sie mir, Miß Brimway, rief er ihr zu. Sonderbarer Mensch, was soll nur das, daß Sie mich erst den Athem verlieren lassen, ehe ich Ihre Frage beantworten kann, versetzte Miß Mimy, indem sie ihn einholte.Nun sollen Sie das Aergste aber auch sogleich wissen: man sagte

damals, Sie hätten Ihre Frau aus einem Zigeunerlager geholt.

Brunner lachte laut auf.Kommen Sie, Miß Brimway,

ich will Ihnen ein Wörtchen in das rosenrothe Ohr sagen, ehe

uns Ihr Vater und Ihre Schwestern einholen. Er neigte sich zu ihr, seine müden, gleichgültigen Augen flammten auf, sie näherte den hübschen blonden Kopf, neugierig lauschend, ihr Gesicht wurde aber plötzlich ganz weiß, sie sah ihn an, öffnete die Lippen, vermochte aber kein Wort zu sagen.

Da taucht die Baronin wieder auf! rief Mr. Brimway.

Auf der Höhe, ganz vom Abendroth umgeben, hielt Jella, Roß und Reiterin waren unbeweglich und grenzten sich scharf gegen den mit Gluth übergossenen Horizont ab, Beide wie in stille Betrachtung der untergehenden Sonne vertieft.

Delightful! charming! riefen Miß Dolly und Sally und

Mr. Brimway lächelte verbindlich dazu und nickte zustimmend.

Als sie auf der Höhe ankamen, schien Jella wie aus einem Traum zu erwachen, sie sah zerstreut die Gesellschaft an, als müsse sie sich besinnen, daß sie einige Stunden vorher mit ihr die Stadt verlassen hatte.

Sie haben uns Angst und bange gemacht, Baronin! rief Miß Sally.

Wirklich, eine Zirkusreiterin hätte nicht kühner alle Hindernisse überfliegen können, sagte Miß Dolly in sonderbar ironischem Ton.

In der That nicht, pflichtete Mr. Brimway, sich auf dem Pferde gegen Jella verneigend, hinzu.

Brunner und Miß Mimy kamen zuletzt oben an, er sehr

erregt, das Gesicht geröthet, sie außergewöhnlich zerstreut und

verwirrt. Miß Sally und Miß Dolly musterten neugierig Breaker, der wieder lammfromm seine schöne Bändigerin trug, die, in Gedanken vertieft, wie vorhin neben Herrn Brimway herritt.

Einige Tage darnach siedelte Mr. Brimway mit seinen Töchtern in's Hotel Breuer am Meeresufer über. Von nun an entspann sich ein reger Verkehr zwischen den Bewohnern der selben Etage. Die blonden Miß Brimway belagerten den Tag über den Salon und Jella fühlte sich über alle Beschreibung unbehaglich unter den blauen Augen, die mit offen zur Schau getragener Neugierde Jella's Zurückhaltung bloszulegen suchten.

Die Brimways mißfallen mir, diese jungen Mädchen sind von einer gemeinen Zudringlichkeit gegen Dich, ich mag nicht länger mit ihnen verkehren, erklärte Jella nach einigen Tagen Brunner ganz bestimmt.

Du bist eifersüchtig, Närrchen, lachte er.Es sind prächtige Mädchen, sehr wohl erzogen, aber nach amerikanischer Art. Du bist gar zu streng in Deinen puritanischen Begriffen, und schaden würde es Dir garnicht, wenn Du ein bischen von ihnen lernen wolltest, wie man den Männern gefällt.

Das wäre für mich ein zweckloses Studium, erwiderte sie, und zwischen den langen Wimpern glänzten Thränen.

Siehst Du denn nicht, welchen vortheilhaften Einfluß diese Mädchen auf mich ausüben? fuhr er fort.Ich bedarf der spielenden absichtslosen Anregung und die bringen mir die Miß Brimway entgegen in ihrer unerschöpflich fröhlichen Laune. Ein Kranker meiner Art muß durch raffinirtere Mittel geheilt wer den, als Du sie angewendet hast, meine gute Jella. Gieb mir die Hand, sei nicht verdrießlich, ich weiß es ja, daß Du es recht gut gemeint hast.

Sie reichte ihm nicht ihre Hand, sondern sah ihn mit einem langen Blicke an. Er hätte ein tiefes Weh darin lesen können, eine stumme Anklage, aber er gab sich nicht die Mühe, ihn zu ergründen, sondern nahm das Zeitungsblatt vor die Augen.

Ganz allein, lieber Baron? fragte nach einiger Zeit Miß Mimy und ließ sich neben ihm in einen Lehnstuhl nieder. Bleiben Sie nur, ohne Umstände, es kleidet Sie vortrefflich, diese halbliegende Stellung auf der Chaiselongue, Sie sind dazu

wie geschaffen. Wo ist Ihre dunkle Haustyrannin, Sie armer, bedauernswerther Mann? fragte sie lachend.

Sie hat Hut und Schirm genommen, ich denke, sie ist an den Strand gegangen, antwortete er ebenfalls lachend. Und dann fingen sie an zu flüstern, er drückte ihr die Hände, sie duldete, daß er den Arm um sie schlang und sie auf die Chaise longue zog..

Wben whill she go? fragte die Amerikanerin angelegent lichst und sah ihm voll in die Augen.

Soon, my oyn darling, soon, depend upon, antwortete er ihr zuversichtlich und spielte mit ihren blonden Locken.

Sie verließ das Zimmer und in der andern Thür zeigte sich Jella, bleich, mit bebenden Lippen. Ihre Hand war empor gehoben:Unseliger Schwächling, stieß sie mühsam hervor, was hast Du Dir und mir gethan? Du verdienst, daß Dein Geschick Dich ereilt, Du bist keines Opfers werth gewesen, gehe!

Ehe er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, war sie in ihrem Zimmer verschwunden. Es fiel ihm nicht ein, sie auf zusuchen, er war im Gegentheil froh, daß sie ihn mied.

Jella saß am Meeresstrand und überlegte; ihr Unglück schien ihr so groß, so hoffnungslos, daß sie die ersten Stunden nach die sem Vorfall in einer völligen Betäubung zubrachte. Betrogen, verhöhnt, mit Füßen getreten von dem Einzigen, dem sie freudig Alles zum Opfer gebracht! Das war der Schrei ihres geängstig ten, verrathenen Herzens. An wen sollte sie sich in ihrer Todes qual wenden? Sie hatte einen Beschützer, doch der lag todt krank in Nizza, zu ihm hätte sie sich retten können; aber es fehlte ihr ja das nöthige Reisegeld. Brunner war der Verwalter ihres Vermögens, sie konnte über nichts verfügen. Sie mußte fort, aber wohin ohne Geld? Ihn darum bitten und wie ein Almosen aus den welken, kraftlosen Händen eine kärgliche Gabe empfangen, der Gedanke schon flößte ihr Ekel ein. Sie war ruhiger gewor- den; das unendliche Meer lag ruhig und friedlich vor ihr, das Bild ihrer Träume erhob sich wie die Todtenklage der begra benen Hoffnungen über der abendlichen Dämmerung der Gewässer und Jella fand Thränen, heiße, ungestüme Thränen. Sie hatte ein Telegramm abgesandt und bereute es nun, durfte sie Hilfe von ihrem Vater erwarten, der seit den vier Jahren ihrer Ab wesenheit kaum eine Zeile an sie gerichtet hatte?

Sie sah helle Gewänder auf dem Balkon, sie hörte Brunner's und der drei Miß Brimway Stimmen in lauter, fröhlicher Unter haltung, sie hörte Gläser klingen, man lachte und jubelte, und zu der Einsamen, Verlassenen klang ihr Name durch die Dunkelheit, begleitet von Gelächter. Endlich von Kälte und Fieberschauer den zarten Körper durchbebt, erhob sich Jella und eilte von der hin tern Seite durch den Hof in ihr Zimmer..

Sie hörte, wie man endlich tief in der Nacht Abschied im Salon nahm und wie Brunner in seinem Zimmer seine kraftlose Tenorstimme anstrengte zu lautem Gesang.

Den Tag, der der schlaflosen Nacht folgte, verbrachte Jella b

fast ganz in ihrem Zimmer, sie fühlte sich erschöpft und krank. Brunner war schon früh an der Thür von Jella's Zimmer er schienen und hatte mehrmals geklopft. Als sie bleich, hochauf gerichtet in den Salon trat, wechselte Brunner die Farbe. Er war im Reitkostüm und schien sehr eilig zu sein.

Du wirst unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht länger hier bleiben wollen, sagte er und vermied es, sie anzusehen. Ich hasse alle Erörterungen, zudem fehlt es mir an Zeit. Wir machen einen Ausflug, der unsere Rückkehr auf morgen Abend verzögern wird, bis dahin wirst Du Deine Abreise bewerkstelligen können.

Du scheinst zu vergessen, daß Du hier bei mir bist, ant wortete sie mit eisiger Kälte.

Verwirrte kroatische Begriffe! antwortete er, kurz auflachend. Hier sind einige Hundert Mark, der Rest der magern Erbschaft, nun reise, wohin Du willst. Er warf einige Goldstücke auf den Schreibtisch und eilte aus dem Zimmer. f

Ein kaltes Lächeln voll tiefster Verachtung flog über Jella's bleiches Gesicht, sie verließ den Salon und schloß sich in ihr Zimmer ein. 5

Gegen Mittag brachte man ihr 75 Telegramm, sie öffnete es mit zitternden Händen:Ich reise die Nacht durch, morgen bin ich bei Dir. Edith.

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