Ausgabe 
20.5.1888
 
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Sie schüttelte den Kopf.

Du willst nicht? Denke nicht daran, duß Du ihnen entgehst, es sind verteufelte Mädchen und auf sie scheint das französische Sprüchwort gemacht:Ce que femme veut, Dieu le veut.

Er ging und Jella trat an's Fenster. Die Amerikaner kamen ihm schon lachend entgegen und Brunner war von ausgesuchter Höflichkeit gegen sie. Jella erschrak; er hatte ihr kein Wort von dieser Bekanntschaft gesagt, die trotz Brunner's zurückhaltendem Wesen schon intim geworden zu sein schien. Sie dachte über diese Thatsache nach, da öffnete sich die Thüre des Salons und die drei blonden Damen Brimway traten ein; hinter ihnen der Vater und Brunner. Die hübschen Mädchen streckten ihre bis an die Ellbogen behandschuhten Hände der verlegenen Jella entgegen und ließen sich ganz behaglich nieder. Herr Brimway kam nicht zum Wort, er lächelte nur wohlgesällig. Die Unterhaltung wurde englisch geführt und Brunner entwickelte eine seltene Redseligkeit. Für die drei Amerikanerinnen schien Jella ein Gegenstand des höchsten Interesses zu sein; Dolly, Mimy und Sally überboten sich in Fragen, fanden Alles höchst erstaunlich, wie ihre Mienen ausdrückten, und sie verabschiedeten sich, nach dem sie es als selbstverständlich ausgesprochen, daß Jella von nun an täglich mit ihnen verkehre.

Wie gefallen sie Dir? fragte Brunner, nachdem sie ge gangen waren.

Wie mir Menschen gefallen, an denen ich kein Interesse nehme, antwortete sie.Ich erinnere Dich an die Nummer unseres Programms, Bruno, worin es heißt:Wir werden uns genug sein, die Menschen existiren nicht für uns.

Man läßt sich von derartigen Ueberschwänglichkeiten fort reißen; sieht man aber ein, daß sie gar keinen Zweck haben und man sich nur unnöthiger Weise damit plagt, so läßt man der Zeit und Einsicht ihr Recht, versetzte er kurz.

Nach dem Abendessen, während welchem er viel gegaͤhnt hatte, sagte er ihr gute Nacht.

Willst Du schon zur Ruhe gehen? Ich dachte, wir würden in der Abendkühle ein wenig am Strande promeniren, sagte Jella erstaunt zu ihm.

Ich fühle mich nicht wohl, antwortete er und fröstelte. Mache Dir nur keine Sorgen, es ist nichts; laß mich nur schlafen und störe mich nicht. Hier, nimm diesen Platz auf dem Balkon, Du vertiefst Dich doch so gerne in's Meer; der Abend ist herrlich, hier hast Du die frische Brise aus erster Hand.

Sie überblickte einige Augenblicke die See, trat dann wieder in's Zimmer zurück und blieb in Gedanken versunken. Darauf ging sie in ihr Schlafgemach nebenan, um sich ein Buch zu holen. War nicht in Brunner's Stube, die nach hinten ging, die Thüre nach dem Korridor geöffnet worden? Wahrscheinlich be durfte er etwas und fühlte sich wieder leidend. Trotz seinem Wunsche, ihn nicht zu stören, öffnete sie leise die an ihr Zimmer stoßende Thür. In der Dämmerung des Sommerabends sah sie sein Bett noch unberührt, das Zimmer wax leer. Sie stand verblüfft da, ihr Blick war mechanisch dem offenen Fenster zu gewendet da sah sie Brunner hastig den Garten hinter dem Hause durchschreiten und durch die Thür, die nach der Straße ging, verschwinden. Zwei schwere Thränen liefen ihr die Wangen hinunter und ihr zartes Gesicht nahm den Ausdruck eines tiefen Leidens an. Sie ging wieder in ihr Zimmer, das ebenfalls nach dem Garten lag und starrte nach dem Wege, auf welchem Brunner verschwunden war. Mehrere Stunden vergingen, die Nacht wurde empfindlich kühl. Der Tag folgte bereits daͤm mernd der kurzen Sommernacht, da sah sie, wie er eiligst durch den Garten dem Hause nahte. Jella fühlte sich erstarrt, kein Weh, kein Herzeleid mehr, nur Frost, eisige Kälte bis in's Herz hinein.

Am folgenden Tage erschien Brunner erst zur Mittagszeit im Salon.Du fragst nicht, wie es mir heute geht? bemerkte er mit der Miene tiefster Resignation.Du mußt es mir ja auf der Stirne lesen, daß ich eine böse Nacht gehabt habe, die heillosen Nerven bringen mich noch um den Verstand. Stunde um Stunde schlagen zu hören und keinen Augenblick Ruhe auf dem Lager zu finden, das bringt mich um, Jella.

Er trat auf den Balkon, er sah nicht, wie tief sie ihr blasses Gesichtchen beugte und wie sie sich schämte, in den Tod hinein schämte.

So

Wir haben gestern Nachmittag einen Spazierritt verabredet, sagte er nach einer Weile und trat wieder vom Balkon in's Zimmer zurück,willst Du Theil nehmen, so sage es, damit ich für ein Pferd sorge. 1

Wer nimmt Theil daran? fragte sie erregt.

Nun, die drei Brimways und der alte Herr, antworte er und beschäftigte sich mit den wohlgepflegten Fingernägeln.

Ich gehe mit, besorge mir ein Pferd, sagte sie kurz und schnell. 13

Ich hätte schon ein Pferd für Dich mitbestellt, bemerkte er und beobachtete sie verstohlen,allein das einzige, das noch zu haben war, ist sehr feurig und unbändig, deshalb zögerte ich, 9 es für Dich zu nehmen.*

Nur immer zu, Bruno, mir ist kein Pferd feurig und wild 0 genug, wenn ich nur meinem eigentlichen Temperament wiede folgen darf. Sie lachte spöttisch und schüttelte die schwarzen 0 Locken zurück. 2

Da regt sich kroatisches Blut, sagte er verwundert.Ei, Jella, sanfte, stille Taube, Du bist ja nicht wiederzuerkennen.

Sie eilte aus dem Zimmer und er trat wieder auf den Balkon und ließ die Augen ungeduldig hin und her schweifen.

* **

Der Baron läßt auf sich warten, sagte Miß Mimy un⸗ geduldig im Sattel und sprengte einige Meter weit in den breiten Reitweg hinein. a

Papa, steige ab und gehe in das Hotel und sieh', wo Baron Brunner bleibt, rief Miß Dolly mißmuthig. 5

Herr Brimway beeilte sich, dieser Weisung zu folgen.

Da kommt der Baron! rief Miß Sally.Wie ärgerlich, er ist nicht allein, die eifersüchtige Baronin ist bei ihm, sie läßt ihn ja nicht aus den Augen, setzte sie hinzu und schwang wüthend die Reitgerte. 3

Baronin, haben Sie Ihr Leben versichert? riefen Mimy, Dolly und Sally der schönen Amazone entgegen, die mit dunkel glühenden Wangen, das rabenschwarze Lockenhaar im Winde fliegend, auf sie zugeritten kam.

Sie reiten ein gefährliches Thier, das ist ja der Breaker, der seiner Bösartigkeit wegen meistens unbeschäftigt bleibt. Nehmen Sie mein Pferd, Baronin, wenn Sie darauf halten, zu reiten, ich entsage der Partie, erklärte Mimy und machte eine Be wegung, als wolle sie absteigen.

Miß Brimway! rief der Baron und ritt schnell zu ihr heran,verderben Sie uns die Freude nicht, ich garantire für die Baronin.

Die Kavalkade setzte sich in Bewegung, Breaker folgte einst⸗ weilen lammfromm Herrn Brimway, während die drei blonden Mädchen mit dem Baron im Galopp davonritten. f 0

Sehen Sie, ist das nicht Breaker, der mit der Baronin durchgeht, rief plötzlich Miß Dolly;Baron, es giebt ein Unglück.

Der Baron bielt sein Pferd an und sah, ruhig prüfend, wie Breaker mit Jella in rasender Geschwindigkeit davonjagte und durch verbranntes Haidelond, über Gestrüpp und Felsblöcke setzte.

Eilen wir ihr nach, riefen die Mädchen erschrocken.

Das verteufelte Thier ist durchgebrannt, keuchte Mr. Brim⸗ way heran. ö

Machen Sie sich keine Sorgen, beruhigte Brunner;sollte auch das Thier durchgebrannt sein, die Baronin bleibt im Sattel, ihre Hand ist sicher und fest.

Sie sind sehr zuversichtlich, Baron, sagte Miß Mimy. Unwillkürlich erinnert man sich der Gerüchte, die hier über die Frau kursiren. Wissen Sie davon? fragte sie und blinzelte boshaft mit den blauen Augen.

Mit einem gleichgültigen Lächeln schüttelte er den Kopf.

Aber, Mimy, solche Gerüchte wiederholt man nicht, rief Dolly lachend.

Miß Mimy weiß, daß für mich nie etwas Unangenehmes aus ihrem Munde kommt, sagte Brunner verbindlich.

Nun denn, Baron, als Sie vor vier Jahren sich hier zum ersten Male mit der Baronin zeigten, überbot man sich, die un⸗ erhörtesten Excentrizitäten von Ihnen zu erzählen, fing Miß Mimy an und ritt dicht an Brunner's Seite..

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