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Nur Vertrauen, Kleine.

zu den

5 Obrrhessischen Nachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 2l.

Gießen, den 20. Mai.

Ein dunkler Schatten.

Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)

Den Sommer darauf entfaltete Baron Brunner in Trave⸗ münde seine gewohnte Eleganz. Er ruhte zwar viel in seinem Boudoir, das mit verweichlichendem Luxus ausgestattet war, aber man sah ihn auf den Promenaden, am Seeufer, in Konzerten und auf Bällen. Das Paar erregte Aufsehen, wo es sich auch zeigte; die elegante Erscheinung Jella's in ihrer jugendlichen Grazie zog alle Augen auf sich. Sie schien es kaum zu bemerken, die Zeit lag so weit hinter ihr, wo es sie beglückt

hatte, wenn zwei Augen ihren Bewegungen folgten. Brunner

war ein Anderer geworden, die neue Lebensweise hatte ihn seiner Apathie entrissen. Sah ihn Jella fragend an, wenn er sich jeden Luxus gestattete, so antwortete er ihrem zögernden Blicke: Was wäre das Geld in Deinen Händen gewesen? Doch nur eine Last. Ich bin ein Finanzmann; das Kapital, das ja leider nicht groß ist, muß sich unter meiner Verwaltung verzehnfachen.

Brunner hatte Alles, was Jella's Vater geschickt, wie selbst⸗ verständlich in seine Obhut genommen; sie ließ es geschehen, es gehörte ja auch ihm. Nähere Bekanntschaften schloß Brunner keine; er wünschte das auch nicht, denn etwas Hochmüthiges, Ueberhebendes in seiner Art und Weise stieß die Badegäste ab. Jella lebte einsam an seiner Seite, sie schien die Menschen zu

fürchten; doch sah man ihn fast nie allein, sie war immer an

seiner Seite. Es war ihr schon nach dem ersten Jahre klar geworden, daß ihre Nähe ihm entbehrlich war. Jetzt schien es ihr manchmal, als sei ihm ihre Begleitung lästig.

Du mußt schon sehen, wie Du Dich unterhältst, sagte er einmal auf der Promenade zu ihr;die Toiletten der Damen, die bewundernden Blicke der Herren müssen Dich für meine Wortkargheit entschädigen. Die Aerzte sind alle darüber einig, daß es für mich, den Leidenden, zu anstrengend ist, im Gehen zu sprechen.

Warum blieb sie nicht in den eleganten Zimmern, die er im vornehmsten Hotel am Strande gemiethet, und schaute auf das Meer hinaus, das ihr den kurzen, glückseligen Traum der Ver⸗ gangenheit in seinem leisen Rauschen erzählte und wieder er⸗ zählte? Sie war wie gebannt an die Seite Brunners; sie fühlte sich ruhiger, wenn sie bei ihm war.

Der Arzt meint, ein Winter in Nizza würde Dich gänzlich herstellen, sagte Jella eines Tages zu Brunner, als die No⸗ vemberstürme das Meer bereits in Aufruhr versetzten.Wie wäre ich so glücklich, Bruno, wenn Dein Leben der Thätigkeit und dem Schaffen wiedergegeben werden könnte!

Das ist ja bereits geschehen; ich bin sehr thätig, bin ein mächtiger Börsenspekulant geworden. Du wirst schon sehen, wie

wir im Gelde wühlen werden, antwortete er ihr mit einer ihm ungewöhnlichen Lebhaftigkeit.Ich bleibe in Travemünde, mein Kind, nach Nizza ginge ich schon ohnehin nicht des alten Herrn wegen, der Dich so begeistert hat. Ich habe durchaus nicht Lust, mich unter seine Kontrole zu stellen.

Das war eine gescheiterte Hoffnung. Ihr einziger Freund, Graf Josika, lebte in Nizza; sie schrieb demselben von Zeit zu

Zeit, er hatte ihr geantwortet:Komme mit ihm zu mir; ich

bin sehr krank, sonst wäre ich zu Dir gekommen.

Es verging der Winter; Brunner ging täglich in's Casino und blieb oft bis tief in die Nacht aus. Jella lauschte ängstlich am Fenster auf seine Rückkehr; er kam dann meist aufgeregt zurück, schlief die ganze Nacht nicht und blieb nach solchen Aus schreitungen Tage lang in seiner apathischen Ruhe im halb dunkelen Boudoir. Dann sprach er in klagendem Tone von seiner bejammernswerthen Gesundheit, die, vollständig durch ein dämonisches Schicksal ruinirt, sein Dasein unerträglich mache.

Jella schwieg; sie war nicht mehr so überzeugt wie ehedem.

Die Frühlingssonne schien hell vom Meere her in den Salon. Brunner stand am offenen Fenster und schaute aufmerksam hinunter auf den Meeresstrand. Jella sah ihm zu, wie er die schmalen weißen Hände in gelbbraune Glacehandschuhe zwängte und wie er plötzlich sehr eifrig hinunter grüßte.

Wen grüßest Du denn so verbindlich? fragte sie verwundert und trat zu ihm an das Fenster.

Er war in einiger Verlegenheit.Man' mag es anfangen, wie man will, um den Leuten zu entgehen, antwortete er mit einem gezwungenen Lachen,wenn sie es sich in die Köpfe ge setzt haben, uns ihr Wohlgefallen zu zeigen, so bekommen sie uns doch, besonders diese Amerikaner sind von einer Hartnäckig keit, der gegenüber man widerstandslos ist.

Sind es diese drei blonden Damen, die Dir ihr Wohl gefallen aufdrängen? fragte sie mit einem leisen Anflug von Ironie und deutete auf en Strand.

Leider ja, und der Later, Herr Brimway, dazu, antwortete er und seufzte.Ich bin ihnen im Casino begegnet. Ich sage nicht, daß ich sie unangenehm finde.

Mache keine Bekanntschaften, Bruno, bemerkte sie bittend und sah ihn ernst an.

Wer denkt denn daran, intime Bekanntschaften zu machen, liebes Kind? Der guten Lebensart werde ich nie in's Gesicht schlagen. Was weiß ein kleines Kroatenmädel davon, was man sich und der Vergangenheit schuldig ist? Er lachte und zog sie vom Fenster.Komme mit mir an den Strand, die Brimways verlangen alle danach, daß ich Dich ihnen vorstelle.