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Heiße Thränen traten ihr in die Augen, sie sank überwäl⸗ tigt auf die Kniee.„Mein Gott, ich danke Dir!“ rief sie auf— athmend.(Fortsetzung folgt.)
Ein deutscher Brahmane. (Schluß.)
Im Jahre 1836 veröffentlichte Friedrich Rückert sein Haupt⸗ werk„die Weisheit des Brahmanen,“ und begründete dadurch seinen Ruf in ganz Deutschland. Die Weisheit des Brahmanen, eine Reihe von Sinnsprüchen in allexandrinischem Versmaaß geschrieben, kennzeichnet am besten die eigentliche Natur Rückerts und zeugt von einer staunenswerten Tiefe der Auffassung, Menschen— kenntniß und Erfahrung. Indem diese Sinnsprüche fast alle menschlichen Verhältnisse, sei es in Familie, Kirche oder Staat, berühren, bergen sie eine Fülle der Weisheit, aus der ein Jeder schöpfen kann, welcher des Rathes oder der Belehrung bedarf.
In den Jahren von 1836 bis 1839 erschienen ferner:„Schi— King. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius; dem Deutschen angeeignet.“ Dann„Erbauliches und Beschauliches aus dem Morgenlande,“ Lieder, Fabeln und Romanzen aus dem Persischen und Arabischen enthaltend; die„Sieben Bücher morgenländischer Sagen und Geschichten“ und die„Brahmauischen Erzählungen,“ eine Anzahl morgenländischer Gedichte, Fabeln und Parabeln, welche meist einen oder den anderen lehrreichen Gedanken in poetischer Form erläutern. Auch sind mehrere dieser Parabeln, gleich einigen seiner Kindermärchen und vielen seiner Gedichte, wie:„Barbarossa,“„die Riesen und die Zwerge,“ „Chidher,“„die drei Gesellen,“ u. s. w. in die deutschen Schul— lesebücher aufgenommen worden.
Von 1815 bis 1831 redigirte Rückert gemeinschaftlich mit Fouqué das Frauentaschenbuch zu Nürnberg, gab später den Er— langer Musenalmanach für 1838 und den Deutschen Musen— almanach zu Leipzig 1840 heraus.
Nur die Wintermonate brachte Rückert in Erlangen zu. Während der Sommerszeit zog er meist mit seiner Familie auf das von seinem Schwiegervater auf ihn übergegangene Gut Neuses bei Koburg. Dort entstand die Mehrzahl seiner„Haus— und Jahreslieder,“ welche von dem Wohlgefühl eines glücklichen idyllischen Familienlebens durchdrungen sind. Dennoch, so friede— voll und glücklich auch das häusliche Leben sich gestaltete, ganz erspart ist auch ihm Schmerz und Leid nicht worden. So verlor er in kurzen Zwischenräumen zwei seiner jüngeren Kinder, seine Mutter und seine Schwester, lauter Todesfälle, welche seinem liebevollen Herzen sehr nahe gingen.
Durch ein ehrenvolles Handschreiben des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wurde Friedrich Rückert 1841 mit dem Titel eines Geheimen Raths als Professor der orientalischen Sprachen an die Universität zu Berlin berufeu. Dort lebte er während der Wintermonate bis zum Jahre 1847, indessen er die Sommermonate auch von da aus auf seinem Gute zu Neuses verbrachte. So recht behaglich ist ihm jedoch nie in Berlin geworden. Das Politisiren, damals an der Tagesordnung, paßte nicht zu seinem ruhigen, beschaulichen Wesen, der gesellschaft— liche Zwang war dem alternden Herrn zuwider, und mehr und mehr zog er sich in sich selbst zurück und führte das Leben eines Einsamen. Für das Winterhalbjahr 1848—1849 ließ sich Rückert von seinen Vorlesungen dispensiren und blieb in Neuses bei den Seinen und 1849 erhielt er auf sein Ansuchen seine Entlassung mit einer jährlichen Pension von 1500 Thalern, der Hälfte seines Professorengehaltes.
In Berlin war von Rückerts Werken 1843„Amrilkais, der Dichter und König“ erschienen; dann eine Reihe von Dramen: „König Arsek von Armenien,“„Saul und David,“„Herodes der Große“ u. s. w., welche indeß wohl mehr Werth als Geschichts— bilder denn als wirkliche bühnengerechte Schauspiele haben, auch nie zur Aufführung gelangten und endlich 1846„Hamasa oder die ältesten arabischen Volkslieder.“
Wenig hat der Weise von Neuses nach dem Urtheil der Welt gefragt, allein eine Kränkung war es ihm doch, als man ihm, dem kosmopolitischen Dichter, vorwarf, daß er sich, gleich Goethe,
vom deutschen Volke abgewendet habe, demselben und dessen In⸗⸗. teressen fremd und verständnißlos gegenüber stehe. Hatte er denn nicht für das deutsche Volk gearbeitet? Hatte er nicht ihm die Schätze morgenländischer Literatur aufzuschließen und zugleich das Verständniß für dieselben zu wecken versucht? Und wenn von Rückert auch häufig behauptet wird, daß seine Poesie mehr di⸗ dactischer, reflektirender Natur sei, so widersprechen dieser ein⸗ seitigen Beurtheilung nicht nur seine deutschen, oder Vaterland lieder und seine naiven Kindermärchen, sondern auch das tiefe Gemüth, das aus der Mehrzahl seiner Lieder spricht und ihm einen hohen Platz unter den Lyrikern unserer Literatur anweist. Welch' innige, wehmüthige Empfindung klingt nicht z. B. in dem kurzen Gedicht aus: a
Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!
Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen—
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.
Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch, Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.
Am 26. Dezember 1846 feierte das Rückertsche Ehepaar die silberne Hochzeit, und wenn der Dichter bei dieser Gelegenheit singen konnte:
Doch was auch hat ein Wind entführt, Und was auch hat ein Sturm geraubt, Des Lebens Kern blieb unberührt,
Der Liebe Kranz ist unentlaubt.
Bist Du zufrieden, wie ich bin,
Und schreckt Dich nicht mein graues Haar, So nehmen wir uns immerhin
Auf neue fünfundzwanzig Jahr.
so fährt er doch weiter fort:
Doch wenn ich an den letzten Gang 5 Soll morgen schon, so denk ich heut', f Daß fünfundzwanzig Jahre lang
Mein Liebesfrühling mich erfreut.
Und in der That waren dem Rückertschen Ehepaare nur noch zehn weitere Jahre in glücklicher Gemeinschaft beschieden, denn im Jahre 1857 wurde die treue Gattin für immer von des Dich⸗ ters Seite gerissen. Seit dem Tode seines Weibes führte Rückert zu Neuses ein stillbeschauliches, gänzlich zurückgezogenes Leben, wohl dann und wann Besuche empfangend, aber fast nie wel erwidernd. Zwar ging er regelmäßig jeden Sonntag in die Kirche, von welcher aus er dann seine Schritte dem Grabhügel seiner Frau zuwendete, allein gegen die herrschende orthodoxe Rich⸗
tung spricht er sich ziemlich scharf aus. Ich war schon ziemlich ein Christ Und waͤr es noch mehr geworden, Doch mir verleidet ist Auf einmal der ganze Orden.
Ihr machtet es mir zu toll Mit eurem christlichen Leide; Mein Herz ist noch freudevoll, Darum bin ich ein Heide.
Bricht einst mein Lebensmuth,
Dann könnt ihr vielleicht mich erwerben; Denn eure Lehr' ist gut
Zu nichts auf der Welt als zum Sterben.
Die rechte Lebensfreudigkeit aber schätzt er sehr und empfiehlt sie, wenn er singt:
Weg die Sorg' um Erdennoth! Die Zagheit ist vom Bösen. Blick empor in's Morgenroth, Laß dich von Furcht erlöͤsen. Lerne, wenn du Gottes bist, Gottfreudige Geberden! Wer nicht hier schon selig ist, Wird dort nicht selig werden.
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