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Welt zu finden,— das war an ihm, dem jungen Gatten, die junge Frau mit Hilfe dieser großen Welt, der glänzenden Konzerte und brillanten Theater, was sie Alles durch ihn kennen lernen mußte, zu einer reizenden bewunderten Frau heranzubilden. Lange sann er nach, um einen Ausweg zu finden, der im Stande war, sie darauf aufmerksam zu machen. Es war nicht unbedenklich, wenn der Vicomte sich in ein Abenteuer stürzte, das durch die Schönheit der Marquise de Bonat und besonders durch das Ge— heimniß, das d'Ormont so sehr beschäftigte, die Pläne des Grafen stören konnte. Wessen ist ein junger Pariser nicht fähig, wenn es eine reizende Frau gilt und wenn er sich langweilt. Die Marquise war, als sie eine Zuflucht im alten Schlosse von Lille— bonne gesucht, für eine Frau von unbändigem Stolz erklärt worden, jetzt kümmerte sich schon längst Niemand mehr um sie. Was konnte aber in zehn Jahren aus ihrem Stolze geworden sein, wenn sie vor Langeweile zu Grunde ging! Unmöglich war es nicht, daß der Vicomte Einlaß in's Schloß gefunden, und dann blieb ja ohnedem dem Grafen Gatonniere nichts anderes übrig, als die schwebende Frage kurz abzubrechen.
Er beobachtete des Vicomte geröthetes Gesicht, als derselbe, wie täglich, prompt zum Diner erschien. Jeanne würdigte ihn keines Blickes, sie verließ früher wie sonst, noch vor ihrer Groß— mama, den Salon und trippelte auch den täglichen Abendspazier⸗ gang durch den Garten nicht mit den Andern ab.
Dem Vicomte war die Schweigsamkeit seines Gastfreundes aufgefallen. Er strich sich über die Stirn, über das dunkle lockige Haar.„Drei Wochen hier!“ sagte er sich tief aufathmend.„Irgend eine Willensäußerung muß von mir ausgehen,“ murmelte er hinter der geschlossenen Reihe der Zähne;„aber welche, welche denn? Ich bin seit drei Wochen der Gast hier, es giebt nur eine Frage, die ich an Graf Gatonniere richten kann. Und gerade jetzt, wo ich nichts anderes sinnen und denken kann, als das herrliche kalte Weib in seiner Abgeschlossenheit,— jetzt soll ich vor den Grafen treten,— ich muß die Marquise sehen und sprechen, und sollte sie mir auch wieder die Thüre weisen, wie das erste Mal.“
Es lag ein Brief für ihn in seinem Zimmer, mit zitternden Händen riß er ihn auf, er kam von de Preuil. Was konnten diese wenigen Zeilen viel von dem Geheimniß enthalten, das ihn Tag und Nacht beschäftigte?„Mein Lieber,“ schrieb de Preuil, „es war mir neu zu erfahren, daß Madame de Bongt sich in die Normandie vergraben hat, und bin ich nicht erstaunt, daß sie Ihr höchstes Interesse erregt hat. In Paris, wo die Wogen so schnell über dem Ertrinkenden zusammenschlagen, und er von einem Tag zum andern in das Meer der Vergessenheit finkt, ist Madame de Bonat kaum noch eine Erinnerung. Es ist eine heikle Geschichte, deren Opfer sie geworden; ein Teufel hätte nicht mit größerm Raffinement die Dame an ihrer empfindlichsten Stelle packen können. Die arme Frau! Sie werden mir erlassen, lieber d'Ormont, die Geschichte im Niederschreiben breit treten zu müssen; ein Brief kann verloren gehen, oder in unrechte Hände kommen, überdies widersteht es mir, den vergessenen Affront eigen— händig zu Papier zu bringen. Mißverstehen Sie mich nicht: Madame de Bonat ist immer eine Frau von, so zu sagen, schroffer Tugend gewesen, die mehr bewundert, wie geliebt worden ist. Sie berühren in Ihrem Schreiben nicht Ihre Angelegenheiten, nun, ich hoffe, Sie, so wie so, in der Kürze in Paris zu sehen und werde dann bereit sein, über die Geschichte, die leider damals viel zu sehr in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, Auskunft zu geben.“
Das war Alles! Sie Alle schienen sich verschworen zu haben, sein Interesse für die Marquise zu einer unerträglichen Höhe zu steigern und ihn zu irgend einer Tollheit zu bringen. Dazu kam ein Schreiben seines Vaters, der ihn mahnte, den Besuch kurz abzubrechen, da unbegreiflicher Weise die Grenzen des An— standes längst überschritten wären. Freilich blieb ihm nichts anderes übrig, wie eine Erklärung dem Grafen gegenüber, das sah er ein.
Er hatte den Kopf verloren, als er am nächsten Tage nach Lillebonne eilte. Die Thüre, die zum Thurm führte, war ver⸗ schlossen! Ohne nachzudenken, eilte er in das Gebüsch, um von da einen Eingang in den Garten zu finden; eine hohe Bretter⸗ umzäunung umgab jetzt den Thurm, es war kein Ausblick mehr
möglich. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und stampfte .
hatte den Arm in den des jungen Mannes gelegt, und die Unter—
wüthend den Boden. Einen Augenblick dachte er daran, in das Schloß zu dringen und auf seiner Visitenkarte den Namen de Preuil's niederzuschreiben und sich mit dessen Hilfe bei der Marquise ein— zuschmuggeln. Er schüttelte den Kopf; es war ja zu augenscheinlich, daß sie sich strikt gegen seine Zudringlichkeiten verwahrte,— und dann, wie hätte er seinem Gastfreund gegenüber gestanden, seinem Vater und sich selbst, in einem Augenblick, da er sich moralisch verpflichtet fühlte, auf das Heirathsprojekt einzugehen.
Auf Umwegen kehrte er gegen Abend nach dem Schlosse zurück. Als er einen Seitenweg des Parkes einschlug, war er nicht wenig erstaunt, den Tritt von Pferden und fröhliches Lachen zu hören. Der Vicomte blieb stehen und sah im breiten Fahrweg einen Herrn und eine Dame zu Pferde; der Herr war jung und elegant und saß tadellos zu Pferde, und die Dame war keine andere, wie Mademoiselle Jeanne, mit glühenden Wangen und freudig leuchtenden Augen. Verblüfft sah d'Ormont, wie das schöne Paar vorüberflog.„Sie ist reizend, geradezu verführerisch schön,“ murmelte er,„wo hatte ich denn meine Augen!“ Er sann und sann, eine dunkle Gluth stieg ihm in die Stirne: Das war die beste Art, den taktlosen Gast zu verabschieden. Graf Gatonniere hatte, wie das nicht anders zu erwarten war, von seinem unter den gegenwärtigen Umständen unschicklichen Betragen gehört, und um ihn und sich Aufklärungen zu ersparen, war kurz und gut ein Verlobter vorgeschoben worden. Der Verlobte von Mademoiselle Jeanne mußte der junge Herr sein, denn von der alten Gräfin war keine Spur zu sehen. Sonderbarer Weise em⸗ pfand d'Ormont bei dieser Gewißheit durchaus kein Gefühl der Erleichterung und Befreiung; er fühlte sich gekränkt und nach der ersten Aufregung tief niedergedrückt.
Am liebsten wäre er nicht im Salon erschienen; aber das ging nicht, er durfte seinen Verdruß nicht zeigen.„Baron de Gatonniere,“ stellte die alte Gräfin ihm den jungen Herrn vor, „mein Enkel,“ fügte sie hinzu.
Einen Augenblick erleichterte sich sein Herz,. und er grüßte freundlich den Baron, der ihm die Hand reichte. Aber das machte die Sache nicht besser, daß er Jeanne's Kousin war; der hohe Adel Frankreichs liebte ja vorzugsweise die Ehe zwischen nahen Verwandten. Der Baron brachte den besten Humor zum Diner mit, und mit einem echt großmütterlichen Gesichte ruhte der Gräfin Blick auf den sich fröhlich unterhaltenden Enkelkindern. Auch des Grafen Liebling schien der Neffe zu sein, und der anspruchslose, liebenswürdige Mann schien plötzlich alle diese Menschen umgewandelt zu haben. Man blieb bis Mitternacht im Salon, spielte Whist, und Jeanne saß neben ihrem Kousin, sah ihm in die Karten und deutete auf die Karte, die er aus— spielen sollte. Als d'Ormont den Salon verließ, war er wüthend über sich, über den Kousin und über die Großmama, die ihm jeden Verkehr mit Jeanne unmöglich gemacht hatte. Morgens begegnete er Kousin und Kousine im englischen Garten; Jeanne
haltung zwischen den Beiden war augenscheinlich sehr vertraulich. d'Ormont wollte mit einem Gruße vorübergehen, Gatonniere aber blieb stehen und fragte:„Wollen Sie uns ein bischen durch den Park begleiten, Herr Vicomte?“
Wer konnte dem Menschen mit dem offenen schönen Frühlings⸗ gesicht gram sein? Sie glichen sich, die Enkel der Gräfin de Gatonniere, dieselbe Frische und Offenheit im Ausdruck, dieselben munteren braunen Augen und derselbe unvergleichliche, von warmem reinem Blut durchwärmte Teint. Nur war bei dem männlichen Sprossen der de Gatonniere die jugendliche Kraft vorherrschend, während Jeanne in zarter Lieblichkeit, trotz der großen Aehnlichkeit, gar anmuthig mit ihm kontrastirte. Die alte Frau konnte wohl stolz auf diese Enkel sein, und kein Wunder war es, wenn in das kalte Gesicht Leben und Gefühl kam, so⸗ bald ihr Blick auf dieser Nachkommenschaft ruhte.
Jeanne zog den Arm aus dem ihres Kousin's, als d'Ormont an ihrer Seite ging; sie sprach in den ersten Minuten nicht, und der Vicomte dachte, es sei ihr unangenehm, daß er die Auf⸗ forderung zur Begleitung angenommen. Was konnte sie freilich viel Theil an der Unterhaltung nehmen? Der Kousin sprach von den gegenwärtigen dramatischen Dichtern und begeisterte sich für Augier und dessen Drama:„Die Fourchambault Sie unter⸗ brach aber bald dieses Thema und lenkte es auf 5ferde.„Um
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