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„O nein, das ist schon vorbei,“ fiel sie mit einem betrübten Gesichtchen ein,„heute erscheint sie wieder zum Frühstück.“
Er hatte Mühe, das Lachen zu verbergen.„Aber erzählen Sie mir von der Marquise, die Sie gestern gesehen haben,“ sagte sie lebhaft und näherte sich ihm einen Schritt.„Ist sie jung? Ist sie schön? Was hat Papa noch von ihr erzählt? Warum bat sie sich in das verfallene Schloß eingesperrt!“
Der Vicomte war in Verlegenheit gerathen dieser naiven Kindlichkeit gegenüber. Jeanne behandelte ihn wie einen guten Kameraden, nicht ahnend, was sie da berührte.
„Ich weiß nicht mehr, wie Sie,“ erwiderte er,„Ihr Herr Papa hat sein letztes Wort über die Geschichte gesagt, ehe Sie den Salon verließen. Daß die Marquise de Bonat schön und jung ist, habe ich mit eigenen Augen gesehen.“
„Was kann sie nur gethan haben?“ überlegte Jeanne, langsam den Kopf schüttelnd.„Wie kann man aber gezwungen sein, sich zu verbergen, wenn man ganz unschuldig ist, wie Papa sagt.“ Sie blickte suchend zu Boden und biß die weißen Zähnchen in die rothe Unterlippe. Sie erschien d' Ormont reizend in diesem Augenblicke, hinter der weißen Kinderstirne die grübelnden Ge— danken, die gewiß nichts an naiven Vermuthungen zu wünschen übrig ließen. Das rosige junge Mädchen und die todtenbleiche Frau mit dem stolzen strengen Ausdruck, welch ein Kontrast! Ein Buch voll weißer unbeschriebener Blätter und eines voll fieberhaft bekritzelter Seiten!—„Arme Frau!“ kam es über seine Lippen. Jeanne erhob rasch den Kopf und blickte fragend den Vicomte an. i
„Sieht sie bedauernswürdig aus? Ach, ich möchte sie sehen!“ rief sie und es glänzte in ihren Augen auf.
Der Vicomte schüttelte langsam den Kopf.„Es ist anzu— nehmen, daß die Marquise Niemand sehen will,“ sagte er zerstreut.
Es schien Jeanne eine glückliche Idee gekommen zu sein, ihr Gesicht färbte sich lebhafter, sie athmete erleichtert auf, als sie rief:„Wollen Sie mir versprechen, mir es mitzutheilen, sobald Sie etwas über die Marquise erfahren?“
Henri lachte kurz auf, das kameradschaftliche Verhältniß be— lustigte ihn.„Ich stelle eine Bedingung, Mademoiselle Jeanne,“ antwortete er nach einiger Ueberlegung;„ich verspreche es Ihnen unter der Bedingung, daß ich die Zeit der Mittheilung nach Belieben wählen kann.“
Sie flog davon, denn von fern zeigte sich die Kammerfrau der Großmama, welche Jeanne zu suchen schien.
Der Vicomte begab sich auf sein Zimmer. Gestern Abend hatte er gedacht:„In vierzehn Tagen bin ich wieder in Paris, und es müßte auf sonderbare Weise zugehen, wenn de Preuil, welcher seit achtzehn Jahren das Fauburg St. Germain in Paris frequentirt, mir nicht Auskunft über die Marquise geben könnte.“ Vierzehn Tage! Das ertrug seine Ungeduld nicht. Er setzte sich nieder und schrieb seinem Freunde einen ausführlichen Brief über den Aufenthalt in der Normandie.
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Ausgerüstet mit einem guten Fernrohr brachte er nun täglich längere Zeit auf dem Plateau des Thurmes zu. Ein mit Moos bewachsener Stein bot sich als Sitz, und so verträumte er die Stunden, mit dem Fernrohr jede Bewegung der Marquise de Bonat versolgend. Sie betrat immer dieselben Wege, saß immer auf demselben Platz, die saubergehaltenen Anlagen des Gartens, der üppige Blumenflor zogen ihren Blick nicht von dem Boden oder von dem Buche, in welchem sie las, sobald sie ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Bassins einnahm. Wie müde und abgespannt mußte sie Abends nach dem stunden— langen einförmigen Wandern durch die Gartenwege sein. Ihr feines regelmäßiges Gesicht, von der Weiße einer Schnur echter Perlen, zeigte dem Beobachter auf dem Thurme nie einen andern Ausdruck wie den starrer eisiger Ruhe, nur hier und da unter— brochen durch ein plötzliches Heraufziehen der dunkeln zart— geschweiften Augenbrauen, unter welchen die Augen sich dann groß öffneten und einen kalten fragenden Blick auf das mit Wasserrosen besäete Bassin warfen. Des Vicomte Herz schlug unruhig bei jeder unverhofften Bewegung der einsamen Frau. Gefahr entd it zu werden, war keine vorhanden, der Marquise Blick erhob 1 f nie zu der Höhe des Thurmes. Niemand störte
sie in ihrem Wandern; wann es anfing, das wußte der Vicomte nicht, wann es aufhörte, ebenso wenig. Verdrießlich erhob er
sich, wenn die Uhr im Städtchen fünf schlug, er durfte sich zu 1
dem um sechs Uhr statthabenden Diner nicht verspäten, und sein letzter Blick fiel auf die rastlos wandernde Frau.
Ihr Gang hatte etwas Eigenartiges, er sah mit der sich lange nachziehenden Schleppe eher wie ein langsames Schweben aus, ihr Kopf war meistens unbedeckt; dieser edelgeformte Kopf, mit dem schwarzen festanliegenden Haar, wurde nur hier und da durch den Sonnenschirm vor den brennenden Strahlen ge⸗ schützt. d'Ormont studirte jeden Toilettengegenstand, den die Marquise trug, Alles war nach neuester Mode und von ein⸗ sachster höchster Eleganz; er hätte nicht mit ganzer Seele Pariser sein müssen, um nicht einen hohen Begriff von dem Geschmack⸗ und Schönheitssinn der Dame zu hegen, die selbst in einer ver⸗ lorenen Existenz in einer Einöde nicht vergaß, was sie sich schuldig war. Abends während dem Diner verfolgten ihn die Augen Jeanne's; sie fragten offenkundig:„Was haben Sie heute über die Marquise erfahren? glauben Sie es an der Zeit, mir Mit⸗ theilung davon zu machen?“ Sie fand ihn immer mehr in sich versunken, gerade so schweigsam, wie die Großmama. Jeanne fing an ungeduldig zu werden, und als d Ormont selbst die Ge⸗ legenheit versäumte, die einzig mögliche Zeit, sie einen Augen⸗ blick im Garten Morgens zu sprechen, zu benutzen, da that sie, als wäre er gar nicht mehr für sie da. Sie hatte erfahren, daß er täglich nach dem Frühstück nach Lillebonne ging,— ja freilich, die Marquise war so schön und interessant, vielleicht hatte er ihre Bekanntschaft gemacht und entschädigte sich für die Langeweile, welche die Großmama um das Schloß schuf. i
„Papa,“ flüsterte sie eines Tages dem an seinem Schreib⸗ tische beschäftigten Grafen über die Schulter zu:„Kann der Vicomte der Marquise de Bonat Besuche machen? er geht täglich nach Lillebonne.“
Der Graf wandte ihr hastig sein erstauntes Gesicht zu.„Was weißt Du von der Marquise de Bonat?“ fragte er mit ge⸗ runzelter Stirne.
„Das, was Du neulich mit Herrn d'Ormont darüber ge⸗ sprochen hast,“ entgegnete Jeanne und sah ihrem Vater ganz offen in's Gesicht. g
Er kam in Verlegenheit und blickte mißmuthig d'rein.„Ich erinnere mich nicht mehr genau, was darüber gesprochen worden ist,“ sagte er abweisend;„übrigens glaubte ich, Du hättest den Salon verlassen. Höre, Jeanne, Du mußt Dich nicht mehr über der Großmama beständige Wachsamkeit beklagen, Du siehst ja, wie es geht, wenn sie abwesend ist.“
„Du lieber Gott, steckt denn ein so schreckliches Geheimniß hinter dieser Marquise?“ rief Jeanne verwundert.
„Wenigstens etwas, das sich nicht für Deine Ohren schickt,“ antwortete der Graf und sah mit Wohlgefallen seiner Tochter in das liebliche Gesicht.
„Für die Ohren eines Kindes,“ sagte sie in reizendem Ver⸗ druß,„sage mir, Papa, bleibt der Vicomte noch lange hier!? In diesem Falle wünsche ich, lieber wieder in das Kloster zurück⸗ zukehren. So eingeschränkt, wie ich seit Herrn d'Ormont's An⸗ wesenheit hier leben muß, mag ich nicht weiter leben. Dabei, troz meinen besten Bemühungen, täglich einen Auftritt von Seiten der Großmama. Keine Zurückhaltung, keine Vornehmheit, so jammert sie den ganzen Tag,— ach, Papa, ginge doch der Vicomte fort!“ 5
Der Graf lächelte geheimnißvoll und sah seiner Tochter tief in die Augen. Jeanne erröthete über und über und der Ver⸗ such, die Augen dem Boden zuzuwenden, mißlang, denn der Graf hielt seines Töchterchens Kinn energisch empor.
„Du bist doch weniger Kind, als ich dachte,“ sagte er ge— dankenvoll. g e
„Der Vicomte langweilt sich hier zum Sterben; nun wird er wohl täglich die Marquise de Bonat sehen, welche er sehr schön findet,“ rief sie in sichtlichem Verdruß. g
Graf Gatonniere ging mißmuthig in seinem Arbeitskabinet auf und ab, als Jeanne gegangen war. Seine Mutter hätte den beiden jungen Leuten etwas mehr Annäherung gestatten dürfen, das sah er ein. Der Vicomte erwartete ja nicht, in dem
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siebenzehnjährigen Zögling des Klosters eine Dame der großen


