Ausgabe 
19.8.1888
 
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zu den

Ouerhessischen Unchrichten.

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Jeder Nachbruck aus ven Inhalt bleser Heltschelst wird strasrechtlich erfolgt werden,

Gießen, den 19. August.

1889.

Die Kammerzofe. Novelle von M. Elton. (Portsetung.)

Wer war diese Frau, deren brillante Erscheinung in dieser

0 Einsamkeit auftauchte? Sie konnte nur den Pariser höchsten

Kreisen angehören, das bekundete Alles an ihr und doch war er ihr nie begegnet. So wenig vortheilhaft auch seine Ver abschiedung aus dem Bereich der Dame gewesen, so bereute er doch nicht, die einzig mögliche Gelegenheit ergriffen zu haben, sich ihr bemerklich zu machen. Abends im Salon fehlte die Gräfin de Gatonniere, ihr Sohn entschuldigte sie wegen leichtem Unwohlsein. Heuri d'Ormont, vielleicht durch das gehabte Abeu teuer in einer erhöhten Stimmung, wahrscheinlich auch durch die Abwesenheit der alten Dame, belebte die Unterhaltung und wagte öfters, dem jungen Mädchen ganz ungenixt in die braunen Augen zu sehen, die sie nicht vor seinem flammenden Blick niederschlug. Jeanne's rosiges Gesicht drückte deutlich aus, daß sie sich von dem Banne, in den sie die Großmama schlug, erlöst fühlte. Mit einem fragenden Blick auf ihren Vater ließ sie sich aufangs in's Gespräch ein, und als von dieser Seite sich kein Hinderniß zeigte, fing sie an auch mehr wieja undnein zu antworten. Eigentlich schüchtern, wie ein Klosterzögling, war sie nicht, ihre blühende frische Gesundheit verlangte nach Leben und Frohsinn, und ihre Lebhaftigkeit ertrug nur schwer die Ein dämmung.

lle n'est pas du tout sotte, cette petite fille, sagte sich der Vicomte bei Jeanne's treffenden prompten Bemerkungen und der Frische, mit der sie Alles vorbrachte. Es schlug neun Uhr, die Stunde, in welcher sich die Großmutter prompt mit der Enkelin zurückzog. Der Graf warf einen Blick auf die Uhr, aber Jeanne verstand ihn nicht und blieb. d'Ormont zögerte, eine Frage, die ihn den ganzen Abend beschäftigt hatte, schwebte auf seinen Lippen. Durfte er sie in Gegenwart des jungen Mädchens wagen? Welche andere Bewandtniß konnte es mit der frappant schönen Frau, die sich stundenlang im Garten des ver fallenen Schlosses von Gillebonne erging, haben, als die eines Fehltrittes? Verschollen und vergessen, wie so manche Andere, die wie Meteore glänzend und flüchtig am Himmel der Welt stadt erschienen und mochte, sie gefallen, in dem Winkel jener fernen Provinz sich bergen. Dachte er an die königliche Er scheinung der jungen Frau, an den unbeugsam stolzen Blick des kalten Auges, so wurde es ihm wunderlich zu Muthe bei der Annahme, daß diese schöne eisige Statue im tollen Bann der Liebe mit allen Forderungen der Gesellschaft gebrochen und in Leidenschaft verloren, ihr stolzes Selbst geopfert habe. Das wollte er festhalten, zudem konnten ja hundert andere Gründe die Dame bewogen haben, eine kurze Rast hier zu nehmen; sonderbar genug, daß er nur gerade einen Skandal annahm und

sich stark durch sein Eindringen gegen sie verfehlt halte. Er mußte wissen, wer sie war, um wo möglich diesen fatalen Ein druck zu mildern.

Können Sie mir sagen, Herr Graf, ob das Schloß in Lillebonne bewohnt ist? fragte er, als er von der Aussicht vom Thurm lebhaft gesprochen hatte.

Der Graf reckte den Kopf und sah ihn scharf au. d'Ormont hielt den Blick ganz harmlos aus;es schien mir eher, als sei es bewohnt, fügte er hinzu.

Eine Dame hat es vor längerer Zeit erworben, die Marquise de Bonat, antwortete der Graf.

Eine noch junge Frau von imposanter Schönheit? fragte der Vicomte lebhaft,daun habe ich sie gesehen.

Dem Herrn des Hauses schien das Thema nicht zu behagen, er runzelte die Stirne; um so mehr wurde aber Heuri's Neu gierde erregt.Ist die Dame Wittwe? fragte er.

Sie muß nur kurze Zeit verheirathet gewesen sein, er widerte der Graf kurz. Jeanne erhob sich und ihr Vater mochte glauben, daß sie den Salon verlassen habe, denn er setzte nach, einer Weile hinzu:Es ist die ärgerlichste Geschichte, die mir je vorgekommen ist.

Ein Skandal, wie er wohl in Paris nicht vereinzelt dasteht, sagte der Vicomte mit Verständuiß.

Ein Skandal, ja; Sie irren sich aber, wenn Sie voraus setzen, daß der Ruf der Marquise de Bonat je angetastet war; sie ist zu stolz, als daß sie je sich vergessen konnte. Es ist freilich schlimmer, Sie wissen: le riclicule tue, die Geschichte ist widerwärtig, geschmacklos.

Und Sie sagen, daß die Marquise schuldlos ist? fragte der Vicomte ungläubig.

Vollkommen schuldlos, versicherte der Graf in einem Tone, der jede weitere Frage abschnitt. In einer entfernten Fenster nische, d'Ormont gegenüber, wurde Jeanne's helles Kleid sichtbar. Sie näherte sich lautlos der Thibre und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Der Vicomte verstand das Zeichen, er regte sich nicht, sondern ließ dem jungen Mädchen Zeit, von dem Vater ungesehen, der ihr den Rücken zuwendete, zu entschlüpfen.

Die braunen klaren Augen Jeanne's lachten ihm frühzeitig am andern Morgen zu, als er seinen gewöhnlichen Spaziergang durch den englischen Garten nahm.

Darf ich Sie ein Stückchen begleiten, Mademoiselle Jeanne? fragte er sie.

Ich wäre schon damit einverstanden, antwortete sie fröhlich; die Großmama aber würde mir schöne Augen machen.

Die Großmama ist ja krank, sagte er munter.

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