von mir fort wie weggeblasen.— Ich ging mit Siebenmeilen— stiefeln in unser Schlafzimmer. Das hätte Luise sehen müssen! Allmächtiger! Ein fremdes, schönes Weib an meinem Halse. Ach, du grundgütiger Himmel, ich wäre meines Lebens für's Erste nicht wieder froh geworden!
Während ich noch in diese und ähnliche Betrachtungen versenkt dastand, schallte plötzlich aus der gegenüberliegenden Stube ein Jodler an mein Ohr, ein geradezu impertinent lustiger Jodler, dessen höchster Ton mindestens eine Folge von 2500 Schwingungen ergeben mußte. Es klang, als wenn eine Ratte an die Wand genagelt würde, zum Wenigsten ein gut genährter Mäusevater.
Das war die sympathische Stimme unserer Pflegebefohlenen. Jetzt öffnete sie die Thür und schleuderte, wie aus der Pistole geschossen, erst einen, dann den andern dazu gehörigen Stiefel auf den Gang hinaus. Wahrscheinlich die gedörrten Kalbs⸗ ledernen. Richtig, das Recitativ, welches diese Handlung be— gleitete, lautete:
„Raus mit euch, Kreaturen! Da liegt, so lange ihr wollt, und schindet Jemand Anderen! Ich wüßte wohl, wem ich euch am liebsten gönnte!“
Das war deutlich, sogar für einen Nichtdoktorverstand! Mir wünschte sie diese kneifenden Gehäuse an die Füße. Allerliebste Reisezugabe!. Vielleicht, ja, hoffentlich waren es die davon— getragenen Blasen, welche ihre Bosheit so schwer gereizt hatten; in diesem Falle wollte ich ihr den frommen Wunsch von Herzen gern verzeihen. Ich beendete meine Toilette schleunigst, um den Groll meiner Luise noch vor Tisch zu besänftigen, weil Essen auf einen verärgerten Magen die Verdauung schnöde beein— trächtigt. Elastisch, im Bewußtsein meines unversehrten Piede— stals trat ich auf den Gang hinaus, als zu gleicher Zeit, wie um meine Gedanken zu höhnen, auch Fräulein Mathilden's Thür geöffnet, nein, aufgestoßen ward und die junge Dame in reizendster Toilette mit Lackstiefelchen an den Füßen herausflog.
„Nun, das freut mich!“ sagte sie so spitz freundlich, daß ich den schrillen Jodler noch einmal zu vernehmen glaubte.„Ich fürchtete schon, Sie leidend anzutreffen. Ihre Gattin theilte mir besorgt mit, daß heftige körperliche Bewegungen Ihnen schädlich seien. Haben Sie schon Herrn von Ritter gesehen?“
„Weshalb?“ fragte ich mit einer Förmlichkeit, als steckte ich der Hitze wegen in einem Eiskübel.
„Pech und Schwefel sind die reine, süße Sahne gegen diesen Schnauzbart!“
„Mein Fräulein, sprechen Sie etwas mehr piano, wenn ich bitten darf!“
„Augen wie Kohlen! Als Sie vorhin, ich sah gerade aus dem Fenster, gegen sein Embonpoint stießen, glaubte ich es blitzen zu sehen, so funkelten seine Pupillen. Oh, der Anblick war unbezahlbar!“
Ich biß mich auf die Lippe, wie die Schlange sich vor Wuth in den Schwanz beißt, und schritt lautlos hinter ihr die Stufen hinab.
Luise stand etwas schmachtend und verweint in der Laube.
In meinem Herzen begann eine Eumenide zu wühlen. Ich nahm ihren lieben Kopf in beide Hände und drückte ihn gegen meine Lippen.
Sie lag ein Weilchen still beglückt in meinen Armen. Plötz— lich fühlte ich eine leise, aber intensive Bewegung an ihr, welche ich mir durchaus nicht erklären konnte. Endlich mußte es mir klar werden: Sie roch, vulgär ausgedrückt, sie schnüffelte mit ihrem feinen Näschen an meiner Brust herum. Endlich erhob sie mit der Lieblichkeit, aber auch mit der Tücke eines weißen Kätzchens fragend die Augen zu mir empor.
„Du riechst so gut nach Lilienparfüm, Georg?“
Jetzt wußte ich mir die letzte Ursache auffallend schnell zu erklären. Aber was sagen?„Du irrst, Lieschen! Die Wäscherin hat vielleicht wohlriechenden Spiritus unter die Stärke gethan.“
„Ach, nein!“ lächelte sie, und nur der geschärfte Blick der Liebe konnte das gezückte Schwert in dieser harmlosen Lippen— bewegung erkennen.„Es ist ja gar nicht Deine Wäsche, Georg, ich glaube“— sie drückte ihr Näschen noch einmal und tiefer in meinen Bart—„es ist Dein Bart, welcher so befremdend suͤß duftet!“
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Natürlich! Hier hatte ja der Kopf der melancholischen Schönen wie angepicht gelegen.„Dann riecht das Bartwasser danach, mein Schatz.“
„Auf einmal?“ fragte sie zurücktretend.„Bis jetzt war der Rosengeruch daran nahezu abstoßend stark. Du bist etwas lange mit Deiner Toilette heute beschäftigt gewesen, nicht wahr?“
„Nicht daß ich wüßte!“ sagte ich wider Willen unsicher.
Sie betrachtete mich noch einmal schweigend, nahm dann meinen dargereichten Arm, rief Fräulein Irrwisch zu uns heran und folgte mir in das Kurhaus.
Hier bei Tafel hatten wir heute zum ersten Mal das Ver⸗ gnügen, die Familie Graumann mit uns speisen zu sehen, Vater, Tochter und Bräutigam. Der Letztere war, in der Nähe be⸗ trachtet, eine außerordentlich stattliche Erscheinung, in der Mitte der vierziger Jahre, nach Fräulein Mathilden's Ausspruch brünet wie der Teufel und von einer Blutmischung durchrieselt, welcher etwas spanischer Pfeffer beigegeben schien. Der stocksteife Rentier in seinem gelben Nankinganzug war sichtlich stolz auf seinen Schwiegersohn, zum Wenigsten geruhte er des Letzteren Bemer— kungen hier und da wohlwollend zu belächeln, was seinem hagern, langen Gesicht Aehnlichkeit mit einem in Zuckerguß ge— tauchten Rettig verlieh. Fräulein Katharina, prachtvoll wie immer gekleidet, nahm die lauten und leisen Huldigungen ihres Verlobten mit ungeheucheltem Vergnügen entgegen, so daß sich Jedem die Ueberzeugung aufdrängte, ein vollkommen glückliches und durchaus befriedigtes Brautpaar vor sich zu sehen.
Luise besonders schärste alle Sinne, um ja kein Wörtchen von der Unterhaltung dieser ihr so äußerst interessanten Familie zu verlieren, und so fing sie auch den Namen Edith auf.
„Papa wünschte Edith's Begleitung,“ sagte die zukünftige Frau von Ritter, die schlanke Hand nach dem Blumenstrauß ausstreckend, welchen der Oberstlieutenant ersichtlich ihrer thee— rosenfarbenen Toilette gemäß hatte binden lassen,„aber meine arme Schwester bekam kurz vor Tisch einen Nervenzufall.“
Jetzt spitzte auch ich die Ohren. Dieser Nervenzufall hieß, bei hellerem Licht besehen, als es die Butzenscheiben gestatteten: Georg Hartwig.
„Ah, bedauere unendlich!“ sagte der glückliche, in der Blut— mischung nur zu stark gepfefferte Bräutigam.„Edith sah aber sonst wohl aus, nur etwas 9
„Sie hat den Teint der Graumanns,“ lächelte Fräulein Katharina, und wieder stand auf ihrer Stirn geschrieben:„Seht mein klassisches Profil!“
Herr von Ritter bog sich mit einem gefüllten, allersüßesten Schmeicheleibonbon zu der römischen Nase nieder, welche Liebes— gabe eine wirklich reizvolle Färbung auf dem edlen, bleichen Antlitz hervorzauberte.
„Haben Sie Nachricht erhalten von—“ fragte Herr von Ritter, sich hinter dem Rücken seiner Verlobten dem imitirten Engländer zuwendend. Den Namen konnten wir nicht verstehen.
„Nein!“ Dieses Nein schien drei und einen halben Tag zu dauern.
„Sie werden mit Ihrem Willen durchdringen?“
„Sicher! Sicher! Edith giebt nach. Ich bin unbesorgt.“
Fräulein Katharina wandte sich dem Vater zu.„Fatale Angelegenheit! schien mehr innerlicher als äußerlicher Natur zu fein.“
Es wußte Niemand besser als ich, daß die unglückliche Edith, wahrscheinlich in Folge grausamen Zwanges, von einer fixen Idee befangen war, die sie in jedem fremden Manne den ver⸗ lorenen Geliebten sehen ließ. Beklagenswerthe Edith! Mitleid von solchem Vater erwarten, von solcher klassisch schönen Schwester! Ebenso gut könntest Du einem Marmorbild Dein Leid klagen! Meine Sympathie für das arme, wirre Geschöpf wuchs mit der angeregten Dichterphantasie in's Unendliche. Hier lagen die Kernwurzeln eines solide aufgebauten Romans. Man brauchte nur zuzugreifen.
Inzwischen hatte die Familie Graumann ihre Erdbeeren mit Schlagsahne verspeist, nickte sich steif zu und verließ im Gänse⸗ marsch den Saal. f
Sofort rief unsere Pflegebefohlene mit drolliger Geste:„Das Beste an sich haben sie uns zurückgelassen, ihren Lilienduft!“
Der Arzt bemerkte gestern schon, das Leiden
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