Ich fühlte mich thörichterweise verlegen, weil Luisen's Augen blitzschnell auf mein Antlitz fielen.
„Den heutigen Nachmittag will ich Dir allein gönnen,“ sagte sie mit kalter Freundlichkeit.„Laß Dich nicht stören!“
„Aber, Schatz, was fällt Dir ein?“ fragte ich, ihr hübsches Händchen ergreifend.„Wir bleiben zusammen in der Laube.“
Sie entzog sich mir mit aalglatter Höflichkeit, nahm Fräu— lein Irrwisch's Arm und ließ mich einfach stehen.
Donfß; Beinahe hätte ich geflucht, wenn nicht Hammelbraten schon an sich, ohne Aerger zum Dessert, ein schwer verdauliches Gericht wäre. So schluckte ich die Pille herunter und fühlte dagegen Trotz aufsteigen. Nein, auf diese Art sollte sie kein Vertrauen erzwingen können.„Liebe um Liebe“ betitelte Spielhagen bereits ein Schau- oder Lustspiel, ich setzte diesen Titel jetzt auch über Luisen's ehefeindliches Betragen. Ganz wohl war mir allerdings nicht dabei zu Muthe.
Zwei Stunden später hatte ich das Vergnügen, meine Damen zum Kaffee überall suchen zu müssen, und fand sie endlich auf der sogenannten Spielwiese, woselbst Fräulein Mathilde mit einem alten Kehrweibe überlaut schwatzte, während Luise gleich einer trauernden Niobe ziemlich entfernt an einem Baum lehnte und zum Himmel blickte, der so scheußliche Männerexemplare ungestraft schaffen durfte.
„Also was?“ schrie gerade Fräulein Mathilde der halbtauben Besenwalküre gellend in's Ohr.„Ziegel oder Steine?“
„Nee, Steine,“ nickte die Alte, grinsend über die Gestiku— lation der kleinen Springaufdame.
Sofort kam sie auf mich losgesprungen, als wollte sie mir direkt auf den großen Zeh hüpfen.„Herr Doktor, hier in der Nähe ist ein höchst interessantes Stück Alterthum zu sehen, eine Ruine— wahnsinnig interessant!“
„Wo denn?“ fragte ich lebhaft, da ich Luisen's Vorliebe für verschimmelte und zerfallene Antiquitäten kenne und als Mann von Gefühl diese Gelegenheit ergreifen wollte, das Gleich— gewicht unserer Seelen wieder herzustellen.
Ju Nieder-Annendorf,“ sagte die durchtriebene kleine Hexe mit regstem Eifer.„Wenn die Houri mit der Schnapsnase dort nicht solch' Strohkopf wäre, würden wir sie als Bädeker gebrauchen können, so aber hätte ich sie am liebsten mit ihrem Besen zum Ritter geschlagen—“
Ign dieser Tonart schwadronirte sie noch lange fort, während ich bereits auf Katzenpfötchen zu meiner Gattin trat.„Luise, Schatz, in Nieder-Annendorf ist eine hochinteressante Ruine zu sehen. Wollen wir morgen hinüberwandern?“ f
„Klosterruinen?“ fragte sie melancholisch, aber doch leise ge— packt von ihrer Liebhaberei.
„Lieschen, was hat eine so reizende, blühende, glückspendende Frau wie Du an Klostermauern zu denken?“
5„Georg—“ hauchte sie.„Es ist gut, wir wollen sie an— ehen.“ g Das Uebrige findet sich, dachte ich erleichtert. Aber es fand sich noch etwas Anderes, nämlich eine Ueberraschung.
Spät Abends, als wir den Irrwisch glücklich losgeworden waren und ich so recht gemüthlich mein Weibchen in der Sopha— ecke an mich ziehen wollte, vermißte ich plötzlich ein neues, sehr kostbares Taschenmesser, das Geburtstagsangebinde einer theuern Hand.
„Du wirst es in der Laube haben liegen lassen, Georg!“
„So hole ich es schnell,“ rief ich aufspringend und riß meinen Hut vom Ständer.„Einen Moment, Herzensschatz!“
Damit eilte ich fort und vor die Hausthür.
Mein Gott, wie schön war die laue Sommernacht! Ueber den träumenden Tannenzweigen hingen flimmernde, silberne Mondschleier bis hinab auf die schlummernden Blumenhäupter im Grase. Nur die Nachtviolen schienen zu wachen, indem sie ihre süßen Düfte gleich Liebesseufzern aushauchten. Jener Rosenstrauch dort, rubig und unbewegt zu den Sternbildern aufschauend, glich er nicht einem keuschen Mädchenherzen, das den heißen Blick der Lebenssonne noch nicht kennt und ahnungs⸗ voll sich ihm verschließen möchte wie eine jener Knospen dort?
Jedoch Luise wartete. Ich mußte mich allen wonnigen Ge— dankenbildern entziehen und schritt den Steig entlang zu un— serer Laube.
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Plötzlich, ihr ziemlich nahe gekommen, vernahm ich Geflüster darin und zwar ein zärtliches, im Tempo schwankendes Stimmen— duo, welches mir einen häßlichen Verdacht gegen Fräulein Irr— wisch in die Seele goß. Jetzt fand ich den Schlüssel zu ihrem auffallend liebenswürdigen Benehmen heute Abend. Diese Ent— deckung hätte Allem die Krone aufgesetzt. Richtig, jetzt konnte ich ganz deutlich verstehen.
„Wer ist Dein Herr?“ fragte der verborgene Don Juan mit merklich sich steigerndem Nachdruck.„Wie heißen Deine Richter? Wem gehörst Du mehr an als Dir selbst? Wolle nur, und wir werden das Ziel erreichen!“
Ah, das war ja allerliebst! Jetzt nur noch hören, was unsere kecke Zerline darauf erwiderte.
„Gieb mir soviel Muth als ich guten Willen besitze und ich bin die Deine.“
Charmant! nicht gleich! Berlin zurück!
Dies denkend, trat ich rasch und energisch in den Rahmen der grünumwachsenen Pforte. Ein lauter und ein leiser Schrei— die unter solchen Verhältnissen mit zu den Naturnothwendig— keiten gehörten— dann sprangen zwei Gestalten auf und zwar so günstig für mich, daß ein eindringender Mondstrahl sie beide mitleidslos beleuchtete.
Jetzt war die Reihe des Starrseins an mir. Die weichen, blonden Locken und die süßen, blauen Augen darunter erkannte ich sofort wieder, wenn jetzt auch das rauschende Seidenkleid mit einem zarten, weißen Gewande vertauscht war. Aber den Mann, welcher das blonde Mädchen mit eiserner Kraft an sich gezogen hielt, als wolle er jedes Haar auf ihrem Haupt mit seinem Leben schützen, den kannte ich nicht.
Ohne ein Wort zu verlieren, machte ich schleunigst eine Art mißlungener Verbeugung, eine wahre Karrikatur auf das ideale Tanzstundenkompliment, wandte mich um und eilte in's Haus zurück.
Nur nicht gleich, mein Fräulein Irrwisch, nur Vorläufig fahren Sie morgen als Kollo nach
(Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Marie Francois Sadi Carnot,(siehe Illustration) der Präsident der französischen Republik, ist bekanntlich ein Enkelsohn jenes wackeren Patrioten, welcher im Jahre 1793 Kriegsminister der französischen Republik wurde und sich als solcher den Ehrennahmen„Organisator des Sieges“ erwarb. Der Vater des neuen Präsidenten der französischen Republik lebte sieben Jahre mit seinem Vater zu Magdeburg in der Verbannung; seit 1875 ist derselbe Senator. Der am 3. Dezember 1887 erwählte Präsident Sadi Carnot ist am 11. August 1837 in Limoges geboren und war früher auf der polytechnischen Schule zum Ingenieur ausgebildet worden. Seine politische Laufbahn begann am 10. Januar 1871, da er zum Präfekten, und zum außerordentlichen Kommissar für die Nationalvertheidigung des Departements Seine-Juferieure ernannt wurde. Als Abgeordneter ge— hörte Carnot der republikanischen Linken an. Finanzminister war Carnot zweimal, das erste Mal 1885 unter Brisson, das zweite Mal 1886 im Kabinet Freyeinet. Carnot, welcher das Werk Stuart Mills„Die Re— volution vom Jahre 1848 und ihre Verleumder“ übersetzt hat, ist im Par— lament ein streng sachlicher aber kein glänzender Reduer gewesen. Einen großen Eindruck aber machten die Worte, mit denen er auf die Glück— wünsche des Senats und der Kammer zu seiner Exwählung antwortete. Die hervorstechenden Vorzüge seines Wesens sind: strenge Ehrenhaftigkeit und die liebenswürdigste Bescheidenheit. Der Präsident ist mit einer Tochter des Nationalökonomen Dupont-White verheirathet und dieser Ehe sind vier Kinder eutsprossen. Das Familienleben Carnots soll ein muster— haftes sein. Möge es ihm gelingen, das zu erreichen, was er bei der Annahme der Wahl als das Ziel der Vertreter Frankreichs bezeichnete: „Die Verfassung und den regelmäßigen Gang einer Regierung sicher zu stellen, welche stetig thatkräftig und fähig sei, der Nation mit der Freiheit im Junern und der Würde nach außen, alle die Wohlthaten zu gewähren, welche Frankreich von der Republik erwarte.“ R. E.
Ursprung des Titels Dauphin. Humbert II., Fürst der Dauphin, schaukelte einst seinen einzigen noch kleinen Sohn auf den Armen und stellte sich, als ob er ihn zum Fenster hinaus werfen wollte. Ein un— glücklicher Zufall wollte es, daß das Kind seinen Händen entglitt und hinab in die vorbeifließende Rhone stürzte, aus welcher es nie wieder um Vorschein kam. Im furchtbaren Schmerz über den durch ihn ver⸗ schuldeten Verlust, machte er im Jahre 1349 die Dauphine dem Enkel Philipp VI., Karl von Valois, zum Geschenk mit der Bestimmung, daß der jedesmalige französische Thronerbe stets den Titel Dauphin führen solle.
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