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„Dort besprach er sich mit dem einen jungen Mann, der mit dem Druck beschäftigt war.
Zu seiner Beruhigung erfuhr er, daß die Untersuchung der Wunde wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde.
„Nun, und bis dann der Verband noch angelegt wird,“ be— rechnete er im Stillen,„wird die Zeit wohl abgelaufen sein.“
Noch eine Weile saß er unruhig und in gespannter Er— wartung in dem kleinen Zimmer, dann nahm er seinen Hut, um sich mit kurzem Gruß zu entfernen. Er öffnete behutsam die Thüre, und— befand sich Auge in Auge dem Unbekannten gegenüber, den er für seinen Freund Wassil gehalten hatte.
In heftigem Schreck zuckte er unwillkürlich zusammen.
„Wassil!“ dachte er,„es ist kein Zweifel, er ist es doch! Ist es möglich, sich so dumm in der eigenen Schlinge zu fangen.“
Allein sofort fand er seine Selbstbeherrschung wieder, trat höflich zur Seite, wie um dem Ankommenden freien Eintritt zu geben und dann sofort zu verschwinden. Allein das war nicht nach dem Geschmack Wassils. Er deckte vollständig den Aus— gang, als er Semenows Bewegung bemerkte, faßte diesen beim Arm und rief den Andern zu:
„Schließt die Thüre!— Wohin so eilig, mein Freund?“ wandte er sich dann an Semenow.
Dieser Befehl wurde sofort ausgeführt, und Semenow fühlte sich als Gefangener. Er hatte den Fremden noch nie in den Kreisen der Nihilisten bemerkt, und aus dem Eifer, mit dem Alle ihm entgegen kamen, schloß er, daß er ein Anführer sein müsse, er errieth, daß er der aus Moskau erwartete Emissär war.
In der That, es war Scheljabow—
„Laß doch einmal sehen, warum der Herr es so eilig hat, die Thüre zu gewinnen,“ begann Scheljabow oder Wassil, indem er seinem Gefangenen scharf ins Gesicht sah.„Sind wir denn nicht alte Bekannte? Ist es höflich und schicklich, wenn man einen Freund nach so vielen Jahren wieder sieht, sich so davon zu stehlen? O, ich habe Dich recht wohl erkannt, Peter Koschkin!“
„Sie irren sich, ich bin nicht Koschkin, ich heiße Semenow und diene im Ministerium des Innern. Uebrigens wissen meine Freunde hier recht wohl, wie eifrig ich der guten Sache diene. Wer aber seid Ihr, mit welchem Recht erlaubt Ihr Euch, in solchem Tone zu mir zu sprechen?“ fügte er mit unsicherer Stimme hinzu.
„Ho! ho! so stolz, mein Täubchen? Wer ich bin? Ich bin Wassil, der Dich seit acht Jahren sucht. Hörst Du? seit acht Jahren suche ich Dich in allen Spelunken Moskau's überall, wo verworfene Kanaillen zu finden sind, um Dir zu danken für Deine Freundschaftsdienste. Und Du bist Peter Koschkin und kein Anderer, der Spieler und Polizeispion. Erinnerst Du Dich noch, wie Du mich auf den Knieen anflehtest, Dir fünfhundert Rubel zu leihen, um Dich vor der Zwangsarbeit in Sibirien zu retten, die Dir drohte, weil Du Krongelder im Spiel ver— loren hattest? Und wie hast Du mir dafür gedankt? Du hast
Dich in mein Vertrauen eingeschlichen, alle meine Erlebnisse als geriebener Polizeispion ausgekundschaftet und dann der Polizei verrathen, daß ich ein politischer Verbrecher und aus Sibirien entflohen sei. Du glaubtest, Deine Schuld bei mir, um die ich Dich nie mahnte, am Besten los zu werden, wenn ich nochmals nach Sibirien verschickt werde.“
Semenow erbleichte und fand kein Wort der Erwiderung.
„Eine schlaue Kanaille bist Du Dein Leben lang gewesen, das ist wahr,“ fuhr Scheljabow fort,—„aber der Schlauste fängt sich oft in seinem eigenen Netz, wie Du jetzt hier Dich fingst. Semenow willst Du sein? Nun, ich kenne einen Semenow, der mir als Verräther genannt wurde. Sprich! Wer hat unser Quartier in der Gorichowaja-Straße verrathen? Und was suchst Du hier? Was sonst hast Du im Sinn als Verrath? Was sonst führt Dich Nachts in das Haus des Oberpolizeimeisters?“
Semenow erkannte, daß er ganz und gar durchschaut war. Er gab sich verloren und eine wilde Verzweiflung erfaßte ihn. Doch diese gab ihm Kraft zu einem letzten äußersten Versuch, sein Leben zu retten und dem drohenden Untergang zu entgehen. Wenn es ihm gelang, nur kurze Zeit sich zu vertheidigen, so konnte er auf Befreiung durch die Gensdarmen rechnen.
„Nehmt ihn fest, er ist ein gefährlicher Spion,“ rief Scheljabow.
1 Blitzschnell riß Semenow einen Revolver aus der Brusttasche,
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zielte auf Scheljabow und drückte ab. Aber einen Moment zu— vor war eine schwere Hand auf seinen Arm gefallen und hatte denselben zur Erde niedergedrückt. Im Nu war er entwaffnet.
Doch sonderbar! Der Schuß fand ein Echo draußen im Korridor. Heftige Schläge erdröhnten gleich darauf gegen die Thüre.
„Aufgemacht,“ schrie eine rauhe Stimme draußen.
„Zu Hilfe! Schnell!“ rief Semenow aus Leibeskräften.
„Seht Ihr, er ist ein Verräther,“ rief Scheljabow.„Doch seinen Lohn soll er erhalten.“
Ein Schuß und Semenow sank entseelt zu Boden.
Krachend brach die Eingangsthüre in Stücke und draußen sah man die Helme der Gensdarmen blitzen.
„Zu den Waffen, Kinder!“ rief Scheljabow.—„Vergeßt nicht, daß Ihr Euer Leben so theuer als möglich verkaufen müßt.“
Damit feuerte er mehrere Schüsse gegen die eindringenden Gensdarmen ab, so daß sie einen Augenblick stutzten.
„In's zweite Zimmer!“ rief er. Mit einem Sprung war er bei der Thüre und verriegelte sie von innen, nachdem alle seine Gefährten vorläufig gesichert waren.
Maxim hatte eben dem Verwundeten einen Verband angelegt, als er den Wortwechsel Scheljabow's mit Semenow vernahm. Er eilte nach dem vorderen Zimmer und war Zeuge der ganzen Scene, welche ihn genügend aufklärte darüber, in wessen Woh— nung er sich befand. Das Erscheinen der Gensdarmen ließ ihn nicht im Zweifel darüber, was ihm drohte. Wurde er jetzt in diesem geheimen Quartier ergriffen, nachdem er eben erst unter der Anklage des Nihilismus gestanden hatte, so war er dem Untergang verfallen. Er konnte sicher sein, daß man seinen gerechten, wahrheitsgetreuen Entschuldigungen keinen Glauben schenken würde. Der Schein war gegen ihn.
Er hatte also das lebhafteste Interesse daran, daß es den Gensdarmen nicht gelänge, einzudringen, und unwillkürlich half er eifrig mit, den Eingang zum zweiten Zimmer zu verrammeln. Von außen wurden heftige Anstrengungen gemacht, auch diese Thüre zu erbrechen. Allein einige Revolverschüsse, welche die Belagerten auf's Gerathewohl durch die Thüre richteten, vertrieben die Angreifer vorläufig. Es waren mehrere Gensdarmen dabei verwundet worden. Jetzt trat eine Pause ein.
Die Unerschrockenheit Scheljabow's flößte seinen Gefährten Muth ein. Sie rüsteten sich zu einer heftigen Fortsetzung des Widerstandes, gleichzeitig war aber Scheljabow darauf bedacht, einen Weg zum Rückzug zu finden. Und dieser mußte möglichst bald angetreten werden, bevor die Angreifer Verstärkung erhielten.
An das dritte Zimmer der Wohnung stieß eine leere un— benutzte Küche, und von dieser führte eine schmale Thüre auf den großen Gang hinaus, der den ganzen Flügel durchzog. Neben der Thüre führte eine Treppe nach oben, während die Fortsetzung derselben nach unten auf der andern Seite des Ganges lag, der Küchenthüre gegenüber.
Diese Hinterthür war bis jetzt aus Mangel an Mannschaft nicht angegriffen worden. Es stand nur ein Wachtposten davor. Wahrscheinlich hatte man geglaubt, das Quartier mit leichter Mühe durch Ueberraschung einzunehmen und nicht auf so hart— näckigen Widerstand gerechnet, zu welchem es wohl auch kaum gekommen wäre ohne die zufällige Anwesenheit Scheljabow's.
Rasch traf dieser nun seine Vorbereitungen.
Maxim's Anwesenheit hatte wohl Anfangs sein Mißtrauen erregt. Aber es war klar, daß ihn Semenow in die Falle ge⸗ lockt hatte, und durch seinen Verrath Maxim gleichzeitig ver⸗ derben wollte. Ueberdies war ja bekannt, daß Maxim als ver— dächtig verhaftet gewesen war und nun das größte Interesse daran hatte, daß der Ueberfall der Gensdarmen keinen Erfolg habe. Auch hatte er einen der Nihilisten verbunden und dadurch An— spruch auf ihre Dankbarkeit erworben. Somit blieb er unbehelligt ihr Genosse in der gemeinsamen Gefahr. Aber er konnte sich nicht entschließen, eine Waffe zu ergreifen, und für die Sache des Nihilismus, die ihm keineswegs sympathisch war, Blut zu vergießen.
Scheljabow beschloß nun, sich und den Seinen den Ausgang zu erzwingen. Er stellte sich in die erste Reihe, zwei seiner Ge— fährten sollten ihm zur Rechten und Linken folgen und dann die andern Beiden mit dem verwundeten Kratki in der Mitte. Maxim blieb es überlassen, auf eigene Hand zu sehen, wie er davon
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