Ausgabe 
19.2.1888
 
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Gs

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Ja, erwiderte der Dwornik,um diese Tageszeit ist er immer zu Hause.

Woher wißt Ihr das so genau? fragte Semenow. Er erhielt nur ein dummes Lachen und ein Kopfnicken zur Antwort,

wußte sich aber daraus selbst zu kombiniren, daß Maxim seit

seiner Entlassung aus dem Gefängniß polizeilich beobachtet werde.

Darauf schritt Semenow ruhig über den Hof, als ob er Maxim besuchen wollte, und ging durch die ihm angedeutete Eingangsthüre, an welcher sofort die nach oben führende Treppe begann. Er stieg hinauf, und oben angekommen, verschwand er in einer der zahlreichen Eingangsthüren, welche jede zu einer besonderen Wohnung führte, nachdem er sie mit einem mit gebrachten Schlüssel geöffnet hatte.

Die Wohnung, in die er eintrat, sah wenig behaglich aus. Das erste Zimmer war klein und fast leer von Möbeln. Ein sehr ärmlicher Divan, einige Stühle, ein kleiner Schrank, standen an den Wänden. Am Fenster stand ein Arbeitstisch und ein Stuhl, wie ihn die Schuhmacher bei der Arbeit zu benutzen pflegen. Handwerkszeug für Schuhmacher, sowie einige Leder⸗ stücke und alte Stiefel lagen umher. Es sah aus, als ob ein fleißiger Schuhmacher hier diesen Augenblick erst die Arbeit ver⸗ lassen hätte..

Bei dem Geräusch von Semenows Eintritt, welcher die Thür hinter sich wieder abschloß, wurde die Thür zum zweiten Zimmer geöffnet. Ein junger Mann in ziemlich nachlässiger Kleidung schaute heraus und öffnete sogleich den Zugang zum zweiten Zimmer, nachdem er den Ankömmling erkannt hatte.

Dieses war geräumiger als das erste, aber womöglich noch weniger wohnlich. In einer Ecke stand ein Stoß von weißem Papier, daneben ein Gestell, auf welchem ein Kasten mit vielen kleinen Fächern stand, welche alle mit bleiernen Lettern halb gefüllt waren. Sonst waren nur einige Stühle zu sehen, und ein sehr einfacher, aber starker Tisch. Dies war die geheime Druckerei der Nihilisten, in welche ihre revolutionäre Zeitung gedruckt wurde. Vor dem Setzkasten stand ein Mann mit einem Winkelhaken in der Hand, ein Manusfkript vor sich aufgehängt, und eifrig beschäftigt, dasselbe zu setzen, wie dies in jeder Buch druckerei zu sehen ist. Auf dem Tisch lag ein Rahmen, in welchem der fertige Satz für zwei Seiten der Zeitung befestigt war. Ein Mann war damit beschäftigt, den Satz durch eine schwarze Walze mit Buchdruckerfarbe zu bedecken, ein zweiter legte einen Bogen weißes Papier darauf, und ein dritter rieb mit einer großen Bürste sorgfältig nach allen Richtungen darüber hin. Dann wurde der Bogen abgenommen, genau besichtigt und, wenn lesbar befunden, zu den übrigen gelegt., Natürlich durfte

sich eine geheime Druckerei nicht den Luxus einer Schnellpresse,

oder auch sonst irgend einer kleineren Druckmaschine gestatten, da diese nicht im Geheimen herbeigeschafft werden konnte. Auch die Anschaffung der Lettern hatte ihre Schwierigkeit und Gefahr. Indessen, man wußte sich zu helfen. Fast jedes Ministerium und noch andere Behörden haben eigene Druckereien, und bald in dieser, bald in jener stellte es sich heraus, daß bedeutende

Mengen von Lettern weniger vorhanden waren, als die darüber

geführten Rechnungen aufwiesen. Die beschwerliche Arbeit der vier Männer wurde in dieser mühsamen Weise mit großem Eifer, mit unruhiger Hast fortgesetzt. Semenow trat mit leisem Gruß ein, welcher von den Ar beitenden ebenso erwidert wurde.

Nun, geht die Arbeit munter vorwärts, Freunde? fragte

er, zum Tisch tretend und die neue Nummer betrachtend.

Gewiß, erwiderte der Mann am Setzkasten,noch heute wird sie fertig sein.

Wo ist denn Kratki? fragte Semenow.

Es geht ihm schlecht, antwortete der Vorige,er leidet starke Schmerzen an der Wunde, die er beim Ueberfall unseres Quartiers in der Gorichowaja-Straße erhielt. Dort sitzt er im Nebenzimmer. Er war genöthigt, die Arbeit einzustellen.

Semenow ging nach einem dritten Zimmer zu, dessen Thüre Auf einem altmodischen ledernen Sopha saß Kratki,

offen stand.

ein junger Mann, dem Anschein nach ein Student. Sein

intelligentes Gesicht war bleich, und seine Augen glänzten fieber

haft. Er hatte den einen Aermel seines Rockes ausgezogen, und auf die verwundete Schulter kühlende Umschläge gelegt.

Wie geht es, Freund? fragte Semenow im Tone herzlicher Theilnahme. Schlecht, erwiderte Kratki mit schwacher Stimme,der

Schmerz wird immer stärker, ich kann den Arm kaum noch rühren. Man muß durchaus einen Arzt holen, bemerke Semenow. Nicht möglich, erwiderte Kratki,das ist zu gewagt! Die

Polizei hat bekannt gemacht, daß bei der Affaire in der Goricho

waja⸗Straße ein Verwundeter entkommen sei, und alle Aerzte

verpflichtet, ihr anzuzeigen, falls ein Unbekannter ihre Hülfe wegen einer Schußwunde verlangt. Es ist zu gefährlich, einen

Arzt zu rufen, wir haben Entdeckung zu befürchten.

Aber Freund, rief Semenow,so kann es nicht bleiben, Du mußt Hilfe haben. Ich kann Dich nicht länger in diesem Zustand sehen! Ich werde Rath schaffen!

Er trat hinaus in das andere Zimmer.

Freunde, sagte er zu den dort Arbeitenden,wir müssen Kratki Hilfe schaffen. Die Wunde kann sonst gefährlich werden, und ich kann ihn nicht länger so leiden sehen! Wirklich, es greift mir an's Herz. Ich weiß hier in der Nähe einen Studenten, der seine Studien nahezu beendet hat. Dieser wird sich, so wie ich ihn kenne, nicht besinnen, einem Unglücklichen ärztliche Hilfe zu gewähren, wenn man ihn darum bittet. Will Einer von Euch ihn holen?

Gewiß, rief der eine der jungen Leute.Ich werde so

zwei

gleich gehen. Aber wo finde ich ihn?

Er wohnt in diesem Hause, erwiderte Semenow, Treppen höher, dort drüben in dem andern Flügel. Man kann von hier aus seine Fenster sehen. Die Wohnung hat die Nummer 39. Gehe zu ihm, Glotow, und sage ihm, ein Kranker bitte um schnelle Hilfe.

Und sein Name?

Marlitzky.

Marlitzkty? rief der junge Mann, den Semenow Glotow genannt hatte.Gewiß ein Freund meines Bruders, der auch Student ist. Ich werde ihn dringend ersuchen und ihn jedenfalls mitbringen.

Es wird aber besser sein, bemerkte Semenow,wenn er mich nicht hier findet. Ich habe ihn noch nicht genügend ein geweiht und vorbereitet, und habe jetzt keine Zeit, ihm Auf klärungen zu geben über das, was wir hier machen.

Semenow ging mit Glotow zugleich, zeigte diesem den Weg zu Maxims Wohnung und verlor sich dann in einem der langen Korridore. Bald darauf sah er auch Glotow zurückkommen, in Begleitung von Maxim und in lebhaftem, leisem Gespräch mit demselben, weshalb er sich auf einer nach oben führenden Treppe verbarg.

Es ist ein Freund von mir, sagte Glotow, an Semenow's Versteck vorübergehend,er hat sich aus Unvorsichtigkeit in die Schulter geschossen.

Ach, eine Schußwunde? fragte Maxim.Warum sagten Sie dies nicht gleich? Gut, daß ich mein Besteck zu mir gesteckt habe.

Sie waren vorüber. Semenow trat hervor aus seinem Versteck und ging langsam den Gang entlang. Nach einiger Zeit sah er nach der Uhr.

Kaum sechs Uhr! sagte er vor sich hin.Noch fast eine Stunde. Das ist schlimm! Leicht möglich, daß Marlitzky früher fertig wird mit dem Verband, als mir lieb wäre. Das darf unbedingt nicht sein! Sollte mein schöner Plan nur halb ge⸗ lingen? Das wäre jammerschade, er war so fein ausgedacht! fügte er mit seinem bösen Lächeln hinzu.Darüber muß ich mir noch Gewißheit verschaffen, wie lange seine erste und letzte ärztliche Visite dauert. Ich gehe nochmals zurück in die Druckerei, und sollte er zu früh weggehen wollen, kann ich ihn ja noch aufhalten, indem ich mit ihm ein Gespräch beginne.

Er ging wieder nach der geheimen Druckerei zu.

Freilich, angenehm ist es mir nicht, begann er wieder, stehen bleibend, nachdenklich.Aber die Zeit vergeht. Was ist zu machen? Ich habe keinen andern Rath!

Damit schritt er wieder rasch vorwärts, öffnete leise die Thüre und trat ein. Zunäachst hielt er sich jedoch nur in dem kleinen Vorderzimmer auf, welches die Bestimmung hatte, etwaige unvermuthete Besucher über die Besitzer der Wohnung zu täuschen.