Ausgabe 
19.2.1888
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Juhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 19. Februar.

XII. Bei den Nihilisten.

Es war ein trüber nebliger Abend, wie sie Petersburg so häufig sieht, in der Zeit, wo die lange Herrschaft des alternden Winters schwindet, und der noch unmündige Frühling seine Kraft noch nicht erproben kann.

Semenow schritt lanasam eine der Hauptstraßen entlang, welche im Innern der Stadt, im Centrum des Kleinhandels, sich hinzieht. Er ging, wie Jemand, der keine Eile hat, an scheinend zwecklos, und trat da und dort an die Schaufenster der Läden, um die ausgestellten Waaren gemächlich zu betrachten. Daß er dabei stets aufmerksame, rasche Blicke nach rückwärts warf, nach der Richtung, von wo er hergekommen, konnte nicht auffallen. Das geschah stets so ruhig und unbefangen, wie un willkürlich, daß eine Absicht dabei nicht zu bemerken war.

Wir kennen jedoch den Herrn schon zu gut, um uns durch

seine gleichgültige Miene täuschen zu lassen und das Selbst

gespräch, mit dem er sich die Zeit verkürzte, widersprach dem selben auf das Entschiedenste.

Fünf Uhr! sprach er vor sich hin,es sind immer noch zwei Stunden Zeit, bis die Gensdarmen kommen werden. Hoffentlich sind sie dieses Mal präcise, und bringen mich nicht in Verlegenheit durch ihre Unpünktlichkeit. Es ist doch nicht

schwer, auszurechnen, wie lange Zeit Jemand braucht bis in den

Litjeny-Prospekt. Es kann heute einen verteufelt gefährlichen Spaß abgeben! Aber wenn Alles ausgeführt wird, wie ich es angeordnet habe, so stimmt die Sache bis auf die Sekunde. Die Falle ist zu, ehe Jemand das Geringste bemerkt, und von Gefahr kann nicht die Rede sein. Ich denke, dieses Mal wird man mich nicht so kurz abspeisen mit leeren Versprechungen für meine unschätzbaren Verdienste, dafür ist gesorgt. Aber ich glaube, es ist doch besser, Petersburg für einige Zeit zu ver lassen. Die Stelle als Polizeimeister in Petrosawodsk ist mir sicher. Vielleicht finde ich dann eher Gnade vor Irenens schönen Augen, natürlich, wenn der Andere auch für längere Zeit aus dem Wege ist, und in ein paar Jährchen ist auf jener Stelle ein Vermögen zu machen.

Ja, aberder Andere, dieser Halbpollack, wird er auch sicher darin sein, wenn das Netz zugezogen wird? Einmal ist er mir schon entwischt durch Welikanows Hilfe, aber, wird er jetzt wieder attrapirt, so kann auch Welikanow nichts mehr aus richten. Ich glaube, Marlitzky wäre in seiner jetzigen verbissenen Stimmung, nachdem man ihm seine Laufbahn ruinirt hat, nicht schwer anzuwerben fürdie gute Sache, aber es ist doch einfacher und sicherer, wenn er hier gleich mitgefangen und mit gehangen wird. Ich lasse ihn einfach rufen als Arzt, um

Vor dem Sturm.

Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)

Kratkis Wunde zu verbinden. Und der Unbekannte? War es wirklich Wassil? Bis jetzt war mit aller Mühe nicht die geringste Spur zu entdecken, daß er sich hier aufhält. Nun, er wird wohl überhaupt nicht wissen, daß ich ihm die schöne Stelle im Berg⸗ werk von Nertschinsk verschafft habe. Im schlimmsten Fall er⸗ kennt er mich wahrscheinlich gar nicht wieder. Acht Jahre sind eine lange Zeit! Indessen, Vorsicht ist zu allen Dingen nützlich. Ich habe doch aber nach Nertschinsk an die Polizei telegraphirt und die Nachricht erhalten, daß Wassil seit acht Jahren als Strafgefangener im Bergwerk sei. Ich muß mich also an jenem Abend durchaus geirrt haben, aber die Aehnlichkeit war doch frappant, äußerst seltsam, in der That!

Während dieses Selbstgespächs hatte Semenow den Newsky Prospekt erreicht, und schritt rasch hinüber, um dem fast ununter⸗ brochenen Strom von Schlitten und Fahrzeugen zu entgehen, und um sich dort im Gewühl der Volksmenge auf dem Fußwege wieder zu verbergen. Dann bog er in eine Nebenstraße ein, dieselbe, in welcher Maxim jenes nächtliche Abenteuer begegnet war.

Inzwischen war es schon ganz dunkel geworden. Semenow näherte sich rasch dem Hause, in welchem Maxim seine bescheidene Wohnung hatte, und trat ein. Unter dem geräumigen Thorweg stand der Dwornik, der Portier des Hauses, eine vierschrötige plumpe Gestalt, in einen Schafpelz gehüllt, dessen Lederseite, nach außen gewendet, ursprünglich schön hellbraun, viel erzählte von den Strapazen des Winters und jetzt in schmutzigem Dunkel braun glänzte. Der beneidenswerthe Besitzer dieses schönen Kleidungasstücks hatte ein aufgedunsenes, vom Branntweintrinken geröthetes Gesicht, mit kleinen, listigen Augen. Vergebens be mühte er sich, in dem brutalen Ausdruck seiner Physiognomie ein Gefühl von Würde zur Schau zu tragen, das ihn offenbar beseelte. Er war ja eine amtliche Person! Nach dem letzten Attentat war befohlen worden, für jedes Haus einen Dwornik anzustellen, wenn es nicht schon einen solchen habe. Eine Armee von 15,000 Dworniken wurde angestellt, natürlich meist Halb wilde. Jeder sollte beobachten, was in dem Hause vorging, die Bewohner beaufsichtigen, und erhielt zu diesem Zweck eine polizeiliche Gewalt. Er konnte auch jeden Vorübergehenden ver haften, der ihm mißfiel, ihn für verdächtig, für einen Verbrecher erklären und zur Polizeiwache führen. Daß dabei die größte Willkür vorkommen kann und auch sonst vorkommt, ist bekannt. Namentlich nehmen es die Herren Hausknechte schwer übel, wenn man ihre Würde, ihre amtliche Macht nicht mit gebührender Hochachtung anerkennt.

Semenow ging ruhig auf den Dwornik zu und fragte, ob Maxim zu Hause sei.

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