23712.
Allein, wenn ich meine Ansicht aussprechen soll, so muß ich aller— dings gestehen, daß Dir nach meiner nicht maßgebenden Meinung
das Talent zu einer Schriftstellerin fehlt.“ es kann schon sein, ich dachte bereits selbst daran,“ sagte Paula resignirt. 1 8
Ihre Lippen kräuselten sich sonderbar, und zwei Tage hin⸗ durch verhielt sie sich ihrem Vetter gegenüber sehr zurückhaltend. Er wollte ihr wieder etwas Angenehmes sagen und wiederholte, daß sein Urtheil nicht maßgebend sei. „Lieber Jas,“ unterbrach sie ihn,„Du bereitest mir eine große Freude, wenn Du nicht mehr davon sprichst.“ Aber bald besann sie sich eines Anderen, und an Mirewicz mit einem dicken Buche in der Hand herantretend, meinte sie: „Weißt Du, ich glaube, es wäre ganz nützlich, wenn ich über⸗ setzen würde? Vielleicht wirst Du zugeben, daß ich hierzu be⸗ fähigt bin.“ f Mirewicz machte ihr sein Kompliment, nur in der Absicht, um sie wieder heiter zu stimmen, wie sie früher war. Mit wahrer Lust warf sie sich jetzt auf die neue Beschästigung, bei welcher sie zwei bis drei Tage ununterbrochen blieb. Auch die folgende Woche arbeitete sie ein wenig, aber zu Beginn der dritten Woche mochte sie schon nicht mehr schreiben, warf sich müde auf das Sopha und flüsterte mit klangloser Stimme: „Der Mensch darf sich nicht beständig mit einer Sache beschäftigen, die Gedanken erlahmen, und die Energie schwindet. Ich bin halbtodt und bedarf der Reaktion.“ Sie stand auf, kleidete sich an und ging in die Stadt. Dort fand sie die Reaktion, deren sie bedurfte, in der Person eines lutherischen Pastors. Es war ein noch junger Mann, aber sehr gesetzt und würdevoll, und lange blonde Favoriten umrahmten csein blasses, edles Gesicht. Erst seit kurzem befand er sich in
der Stadt und war mit Niemand bekannt. Paula begegnete ihm auf der Straße und interessirte sich sofort für ihn. Aber wie sollte sie sich dem Geistlichen nähern, da ihn keiner kannte? Der Geistliche war verheirathet und deshalb um so interessanter. Mirewiez lachte manchmal über ihre Ideen und rief ihr ironisch zu:„Strohfeuer, nichts als Strohfeuer!“ Doch nach einer Weile erhob Paula ihren Kopf und sagte:„Woher weißt Du denn, daß nicht er gerade dazu ausersehen ist, mich meinem Ziele näher zu bringen?“ „Um Gottes willen!“ rief Johann. „Ich wundere mich,“ entgegnete sie,„daß Du mich manchmal so schlecht verstehst. Ich möchte die Bekanntschaft jenes Geistlichen machen, um von ihm über das Wesen der evangelischen Confession Aufklärung zu erhalten. Für Luther habe ich immer eine große Sympathie gehabt. Er ist ein Organisator...“ Um Gottes willen,“ wiederholte Johann,„nimm' ein Buch und studire das Leben Luther's!“ 5 [„Ein lebendiges Wort und ein todter Buchstabe sind ein ge— waltiger Unterschied,“ antwortete Paula bedächtig. f Das Ende der Unterhaltung war, daß Paula sich wiederum nach der Stadt begab, während Mirewiez) in seinem Schaukel— wa abermals seinen Träumereien nachhing und in Gedanken 1
bei Anna und deren augenblicklichem Berufe als Nätherin ver— weilte. Da ertönte ein leiser Klang der Hausthürglocke; die Hand, welche dieselbe in Bewegung setzte, war entweder schwach 0 uder schüchtern. Mirewiez nahm ein Licht und ging in sein 1 Arbeitszimmer. Dort traf er Frau Ozymska, die Mutter Ludwigs. Er begrüßte sie ehrerbietig und schob ihr einen Sessel hin. Die Matrone zählte höchstens fünfzig Jahre, aber herber Kummer und harte Schicksalsschläge hatten sie schnell altern lassen. Mit itternden Händen schlug sie den Schleier zurück und sagte:„Sie entschuldigen mein Herr, daß ich so frei bin, aber ich muß mit Ihnen über meinen Sohn Ludwig sprechen. Sie nahmen früher Herzlichen Antheil an ihm, vielleicht auch noch jetzt.“ Mirewicez bat, sie möge fortfahren. Die gramerfüllte Frau saltete ihre bleichen Hände in einander und theilte ihm mit, welche Veränderung mit ihren Sohne vorgegangen sei. Sie wollte ihn jedoch nicht anklagen. g g 1 t lachen wissen,“ fuhr sie fort,„was für ein goldenes Herz er hat, ein wie guter Sohn und 1 5. Gislang war, und wie redlich er für uns arbeitete. Aber sei einigen Monaten ist er ganz anders geworden. Anfangs war
er traurig und verstimmt, dann machte er seiner Mutter und seiner Schwester schwere Sorgen, indem er andeutete, wir ständen ihm im Wege zu seinem Glüͤcke, dann sagte er wiederum, falls er allein in der Welt stände, könnte er als Kavalier ein feines Leben führen, wie jetzt Herr Mirewicz. Als Julia dieses hörte, fing sie an zu weinen und verließ fofort das Haus, um bei einer Verwandten in Dienst zu treten. Meine arme, blutjunge Tochter ist jetzt Dienerin bei einer fremden, kapriziösen und geizigen Frau. Und ich seine unglückliche Mutter, möchte auch gern das Haus ver— lassen, aber ich weiß nicht, wohin... wohin... Alles ließe sich noch ertragen, aber nun erzählte mir ein Bekannter, daß mein Sohn bald seine Stellung einbüßen werde, weil er seinen Dienst vernachlässigt. O mein Gott, was soll dann aus uns werden? Sowohl im Kreise seiner Kollegen wie auch zu Hause schwatzt er von den hohen Zielen, welche er verfolgt, und von seiner reichen Natur, welche sich durch Arbeit nicht knechten lassen dürfe. Dabei gestikulirt er mit den Händen derart, daß er neulich eine Lampe vom Tische warf.“
Mirewicz konnte bei dieser Schilderung ein feines Lächeln nicht unterdrücken. Frau Ozymski lachte auch ein wenig, aber sofort füllten sich ihre Augen wieder mit Thränen, und sie rief: „O mein Herr, an Ihnen liegt es, ihn in gute Bahnen zu lenken, Sie allein können es... müssen es thun...“
Die alte Frau bedeckte ihre Augen mit beiden Händen, als schäme sie sich der Thränen; dann streckte sie Herrn Mirewicz ihre mageren Hände entgegen und fuhr fort:
„Ich trage nicht die Schuld daran, daß er es nicht weiter brachte als bislang. Sie wissen, unter welchen Verhältnissen ich die Kinder großgezogen habe... Wenn der Vater noch gelebt hätte.. aber ich blieb allein ohne Vermögen zurück; Tage und Nächte hindurch habe ich gearbeitet und geweint, allein es half nichts. Schließlich wandte ich mich an Bekannte und bat sie um Unterstützung, damit mein Ludwig das gange Gymnasium absolviren könnte. Doch alle hatten ihre eigenen Sorgen, und so mußte ich ihn aus der vierten Klasse fortnehmen. Auf Ver— wenden eines Bekannten erhielt er diese Stellung, die immer besser zu werden versprach... und jetzt...“
Hier brach sie wieder in Thränen aus. Mirewicz versprach ihr, auf Ludwig einwirken zu wollen, und hierauf verließ sie ihn mit den Worten:„Sie müssen... Sie müssen!“
Er nahm sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit Ludwig freundlich zuzureden, daß er seine Mutter bei sich behalte und seine Schwester zurückrufe. Allein wenn nun Ozymski, sagte er zu sich selbst, antwortete: ‚Meister Vergil, ich mache es gerade so wie Du!! O Elend, es lohnt sich gar nicht, den harten Kampf ums Dasein zu Ende zu führen!
Plötzlich ließ sich in dem nur schwach erleuchteten Arbeits— zimmer ein helles Lachen vernehmen. In der Mitte desselben stand Paula in einem äußerst eleganten Winterkostüm; sie war gerade nach Hause zurückgekehrt. Lächelnd rief sie mit ihrer silber— hellen Stimme:„Ich habe es erreicht, Jas, ich habe es erreicht, ich habe meinen Pastor gesprochen!“
Mit einem Satze war sie wie ein Kind zu ihm hingesprungen, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn.
„Aber sage mir, wie ging das zu?“
„Nun, er saß auf einer Bank in seinem Garten... Ich ging um ihn herum... ging so lange...“
Hastig machte sich Mirewicz aus ihren Armen los und er— widerte in sichtbar übler Laune:„Laß mich in Ruhe mit Deinem Pastor! Es wird nicht lange dauern, dann suchst Du Dir einen Lehrer, der Dich in die Geheimnisse der muhamedanischen Religion einweihen soll.“
Sie hatte ja heute einen bewundernswerthen Humor; denn sie wurde gar nicht böse.
„Wenn Du so denkst,“ antwortete sie,„dann will ich Dir ein anderes Mal von meinem Abenteuer erzählen. Jetzt habe ich Dir nur noch mitzutheilen, daß wir morgen Abend eine große Gesellschaft bei uns haben werden.“
Johann sprang von seinem Stuhle auf. Wahrscheinlich jene von neulich?“
„Natürlich, ich begegnete einigen Bekannten und lud sie ein.“
Wiederum eine Gesellschaft, und zwar eine Gesellschaft von wenig distinguirten Leuten! Der Stolz erwachte in ihm, und
„Was für Gäste?
—


