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ärgerlich rief er:„Nein, Paula, Du entschuldigst wohl, aber Rich wünsche solche Abende nicht, und um keinen Preis empfange ich dergleichen Leute in meinem Hause.“
Sie verstummte anfangs, dann begann sie zu argumentiren, allein Mirewich schien heute für ihre Argumente nicht empfänglich u sein.
„Ich hielt Dich für einen denkenden Menschen,“ begann Paula,„muß unterdessen...“
„Eine denkende Frau,“ unterbrach sie Mirewicz scharf,„hätte doch wohl etwas Besseres zu thun, als Pastoren nachzulaufen und Gesellschaften auszurichten. Nimm hübsch die lateinische Grammatik zur Hand! Wie willst Du Dein Doktorexamen machen, wenn Du kein Wort Latein verstehst?“
Bei diesen Worten erröthete Paula bis an die Haarwurzeln. Dennoch hielt sie noch immer an sich.
„Latein? Du weiß recht gut, daß das Lernen mir leicht wird. Um Latein zu lernen, habe ich noch lange Zeit. Aber ein Leben ohne Zerstreuung widert mich an.“
„Meine Liebe, Du magst in vielen Dingen recht haben,“ erwiderte Mirewicz,„Du verstehst ja auch sehr viel, allein ich möchte Dir den guten Rath geben, falls Du etwas Neues er— lernen willst, so bleibe immer hübsch beständig dabei und lerne es gründlich!“
Das war denn doch für das verwöhnte und umschmeichelte schöne Weib ein bischen zu viel. Hastig schob Paula den Sessel zurück, eilte in ihre Gemächer, und bald vernahm man wieder das krampfhafte Lachen und Weinen. Mirewicz stand rathlos da, doch schnell faßte er sich, nahm Hut und Ueberzieher, befahl dem Mädchen, zu seiner kranken Kousine zu gehen, und verließ eilig das Haus. Er lenkte seine Schritte geradewegs nach dem Hause seines Freundes Ludwig Ozymski. Er traf diesen auf der Treppe vor dem Hause. Sie grüßten sich herzlich und gingen mit lebhaft gerötheten Gesichtern wohl eine Stunde in eifrigem Gespräche vor dem Hause auf und ab. Endlich bat Mirewicz seinen Freund, er möge ihn doch wieder einmal besuchen. Jetzt hielt Ludwig auch nicht mehr zurück und sagte:„Ich kann Dein Haus nicht betreten, weil ich mich für Deine Kousine zu lebhast interessire, und ich möchte in dieser Hinsicht Deinen Weg nicht kreuzen.“ 8
Aus einem hell erleuchteten Laden fiel gerade das Licht auf das blasse Antlitz des jungen Mannes, welchem man das schwere Leiden ansah. Mirewicz ergriff seine beiden Hände und bat ihn nochmals herzlich um seinen Besuch.(Schluß folgt.)
Sein Elternhaus. Von G. Peltry.
„Du willst es mir also wirklich nicht zu Liebe thun, Ernst?“ Die Stimme der jungen Frau zitterte.
„Ich kann nicht, Lilli, mein ganzes Herz hängt an dem alten Hause.“
„O, und deshalb willst Du mich in die engen, niederen Räume sperren? Ohne Licht, ohne Sonnenschein soll ich dort verkümmern? Ist das das sonnige Heim, das Du mir vor kaum einem halben Jahr zu bereiten versprachest? Damals, ja damals würdest Du mir den Mond vom Himmel herunter geholt haben, wenn ich es verlangt hätte,— und heute, da ich die erste Bitte in unserem jungen Ehestande wage, heute schlägst Du sie mir grausam ab. O hättest Du mich doch bei meinen Eltern ge— lassen, in meinem lichten Mädchenstübchen, wo ich so glücklich war. Du hast mich nicht mehr lieb, denn sonst könntest Du nicht so hart, so entsetzlich hart gegen mich sein,“ und schluch zend sank die zarte Gestalt auf einen Sessel.
Der Gatte schob die Tasse klirrend beiseite. Seit acht Tagen die nämliche Scene zum Kaffee; Bitten, Thränen und Vorwürfe.
„Lilli, sei doch nicht thöricht; sieh Dir das alte, liebe Haus nur einmal am hellen Tage an, gewiß es wird Dir gefallen. Der erste Eindruck, den es Dir an jenem düstern Novemberabend gemacht, er wird gar bald verschwinden vor den goldenen Strahlen der Maisonne.— Wolltest Du wirklich das Opfer annehmen, mich das Haus verkaufen zu lassen, in dem schon Vater und Großvater gelebt und geschafft haben, das Haus, wo ich meine
glücklichen Kinderjahre verbracht,— in dem meine gute Mi vor kurzen vier Wochen in meinen Armen gestorben ist* „Deine Mutter? o ja für die alte, fimpfle Frau— „Lilli,“ rief er mit bebender Stimme und stand f gerichtet vor der jungen Frau, die Hand drohend erhoben,„Lilli, hüte Dich, beschimpfe die alte Frau nicht noch im Grabe.“ Erschreckt und verschüchtert duckte sie sich zusammen und sah ihn mit einem so hilfeflehenden Blicke an, daß sein Zorn ver⸗ flog. Er sah nur ihr scheues, ängstliches Gesicht, und wandte sich ab. 5 „Verzeihe mir, Lilli, ich war von Sinnen,“ murmelte er tonlos;„o warum quälst Du mich doch so?“ 8
Er ging hinaus. 1
Seufzend fiel die junge Frau wieder in die Polster zurück, aus denen sie sich soeben geflüchtet. Ihre ganze Kindheit und Jugendzeit zog an ihren Augen vorüber. Sie sah sich,— ge⸗ liebt und verhätschelt von Allen, verzogen von den Eltern, ver⸗ wöhnt von den Tanten, angebetet von den Vettern. Was waren das doch sür glückliche Tage gewesen! Und dann? Dann war „er“ gekommen, mit dem ernsten, stillen Blick, der so ost auff ihr ruhte, so daß sie ihn mitten im wildesten Spiele gefühlt! hatte. Ihr war angst geworden vor diesem Blick, und doch schlug ihr Herz unruhig und sehnend, wenn„er“ nicht da war. Sie, die allezeit Fröhliche, fing an zu sinnen und zu grübeln die Schmeicheleien der Vettern, die Liebkosungen der Tanten, sie Alle konnten ihr nicht mehr genügen, sie wollte,— sie wußte selbst nicht was,— bis er vor ihr stand in der Flieder l und sie an sein starkes Herz nahm, um sie dort zu halten g und immer. Da hing sie jauchzend an seinem Halse,— ein glückseliges Geschöpf. 5
In Lust und Freude flogen die Wochen ihres Brautstandes dahin, mehr denn je empfing sie Liebes und Gutes von allen Seiten, mehr denn je schien ihr das Leben ein Paradies. 9 ihrem achtzehnten Geburtstage, noch ein halbes Kind im und Fühlen, ward sie seine Frau und flog, fast vergraben Blumen mit ihrem Gatten der neuen Heimath zu. b und traulich hatte er alles eingerichtet, ihre geheimsten Wünsche erfüllt, uud wie glücklich waren ste! 1
Am zweiten Tage freilich kam das Heimweh nach all'! Lieben, es war so entsetzlich still um sie herum. Heimlich r f sie die ersten Thränen und war froh, als Ernst sie am Nas mittag zu seiner Mutter führte, von der er ihr schon so viel erzählt hatte. 2.
Ganz draußen vor dem Thore lag ein schlichtes Haus; alten, jetzt herblich gelben Linden lugte es hervor, nur der Eph rankte sich noch grün an der Mauer hinan und senkte seine Zu auf das Haupt der jungen Frau, als wollte er ihren e Eintritt segnen. 1
Ein beklemmendes Gefühl erfaßte sie, als sie den damm Flur betrat, an dessen Fenstern der Novembersturm rüttel wollte er sie aus den Angeln heben. Zaghast schritt Stufen empor. Ernst eilte voraus, sie folgte zögernd. 7 im Erkerstübchen saß eine alte Frau, sie erhob sich nicht, entgegenzugehen,— denn sie war gelähmt. Ernst umschlang und dann sein junges Weib:„Mutter, liebste Mutter, hier ich Dir meine Lilli, habe sie lieb, so recht von Herzen 1 nur Du es kannst.“ 2
Lilli fühlte eine zitternde Hand auf ihrem Scheitel: segne Dich, mein Kind.“—
Sie blickte auf in ein ernstes, gramvolles Antlitz, so ga verschieden von dem heiteren ihrer eigenen, noch immer schö allezeit fröhlichen Mama. Sie setzte sich still zu Füßen der Frau und lauschte auf deren leise Stimme. Es wurde säglich bange; das düstere Zimmer, der heulende Stur Kranke vor ihr,— sie fühlte tiefes, namenloses Heim unfähig, ihre Empfindungen zu beherrschen, brach sie in ein liches Weinen aus. Nur mit Mühe konnte Ernst sie beruf
„O komm, komm fort aus dem dunkeln Hause,“ f und drängte hinaus. 15
So endete ihr erster Besuch bei seiner Mutter. Seitdem 1 sie die Schwelle jenes Hauses nicht mehr betreten, troß. Bitten ihres Gatten. Der erste Schatten senkte sich auf junges Glück.— 1
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