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fühlte sie sich von den Armen der Rührung und der Liebe um⸗ schlungen. Johann berauschte sich an der Mustik derart, daß er den ganzen Abend über in dieser weichen Stimmung blieb und sich nicht aufzuraffen vermochte. Wie verstand ihn doch seine Kousine, wie liebte sie ihn so leidenschaftlich! Wie hatte doch ihre Liebe die läst'gen, drückenden Fesseln der Ehe abzustreifen gewußt, wenn sie ihn so sanft und so weich anredete!

Noch Niemand habe ich so heiß geliebt, wie Dich, mein Jas, sagte sie,und ich werde auch keinen Menschen außer

Dir lieben.

Der Bethörte zweifelte keineswegs an der Wahrheit dieser Worte; er hatte ja alle Veranlassung, ihr Glauben zu schenken. Sie war doch so wahr und aufrichtig gegen ihn und hatte ihm sogar ihr Geheimniß verrathen. Sie wußte stets alles so zu schildern, daß Mirewich, Ozymski und die übrigen Bekannten ihr in jeder Weise zustimmten. Man wunderte sich daher auch garnicht, als nach einiger Zeit der Werkstatt nicht mehr gedacht wurde. Es war für sie rein unmöglich, länger in einer solchen Sphäre zu leben. Die Lehrlinge und die Gesellen tranken so viel Schnaps und machten dadurch die häßliche, nach Leder riechende Atmosphäre nur noch drückender, so daß sie oft mit Migräne heimkehrte und wiederholt ohnmächtig zusammenbrach. Man müßte ja Nerven von Stein haben, um in einer solchen Werkstatt länger bleiben zu können. Sie fühlte recht gut, daß sie bei längerem Verharren in einer derartigen Umgebung ihre Energie, ihre Bildung und ihren Ehrgeiz einbüßen würde. Trotzdem hielt sie es einen ganzen Monat in der Werkstatt aus. Dann hörte sie damit plötzlich auf und schuf in Mirewichz's Zimmer einen Wintergarten, den zahllose kleine Statuen und Amoretten noch verschönten. In ihrem Alkoven richtete sie eine Art Kamin ein, welcher jedoch nur brannte, um duftige Spezereien und Räucherkerzen zu erwärmen, deren Duft alsdann die an stoßenden Gemächer erfüllte.

An all' diese Erlebnisse und Begebenheiten dachte Mirewicz und sagte dann plötzlich halblaut vor sich hin:Morgen muß ich ja dem Chacki die Zinsen hintragen.

Es waren Zinsen für eine Schuld, die Mirewicz beim Geld⸗ verleiher gemacht hatte. Das war ja auch kein Wunder. Woher sollte denn all das Geld kommen für den Luxus und die un⸗ nöthigen Ausgaben Paula's, die so kostspieligen Kaprizen nach hing? Denn Kleider, Noten, Bücher, alles mußte Mirewicz be⸗ zahlen. Und dennoch konnte man ihr nichts Böses nachsagen oder etwas böse deuten.

Mein lieber, theurer Jas, es thut mir schmerzlich leid, daß ich noch immer keine rechte Beschäftigung gefunden habe. Allein alles, was Du für mich opferst, ist nur ein Darlehn, ein heilig anvertrautes Gut, welches ich Dir zurückerstatten werde, sobald ich mein Ziel erreicht habe. Glaubst Du mir?

Wie hätte er ihr nicht glauben sollen, wenn sie, seine Hände in den ihrigen haltend, mit thränenvollen Augen ihn schmerz bewegt anblickte und ihr Köpfchen an seine Schulter lehnte?

Ich glaube Dir, Theuerste, ich glaube Dir Alles, Du bist die Wahrheit und die Treuherzigkeit selbst. In Dir ist kein Falsch.

Er hatte Recht; sie war nicht falsch. Aber bald darauf geriethen sie in Streit. Ein neues Studium war ihr eingefallen, das der Menschen. Gleich nach ihrer Ankunst im Hause ihres Vetters fing sie an, die Stadt zu studiren. Anfangs hatte Mirewicz kein Arg dabei, doch als er später ganze Tage mit ihr umherlaufen sollte, wurde es ihm doch zu viel. Er ging seinem Berufe nach, empfing seine Klienten und begab sich auf's Gericht. Paula dagegen konnte nicht genug sehen und hören, was im Städtchen vorging, machte auf eigene Faust Bekannt- schaften und kam deshalb manchmal erst spät Abends nach Hause. Zuweilen lud sie ihre neuen Bekannten, die Mirewich völlig fremd waren, zu sich ein, und wenn ihr Vetter von seinen Aus gängen beimkehrte, fand er eine große Gesellschaft vor, die seinem Geschmacke keineswegs zusagte; Paula saß mitten unter ihnen, las vor, zitirte Gedichte und spielte auf dem Klavier. Mirewicz begrüßte die Gäste, verhielt sich übrigens ganz kühl. Wenn dann der Lohndiener den Gästen seltene und theure Eifrischungen präsentirte, so verließ er ärgerlich das Gemach und suchte mit 4 gerunzelter Stirn ein entlegenes Zimmer auf, aus welchem er

jedoch alles übersehen konnte. Hatten die Gäste sich e so machte er seinem Unwillen in Worten Luft. Eines übersah er, daß Ozymski noch zurückgeblieben und so Zeuge der unerquicklichen Szene war. Sie erzürnten sich thatsächlich. Auf die Vorwürfe ihres Vetters antwortete Paula heftig, sie könnte dieselben nicht ertragen und wäre kein Wolf, um in der Einsamkeit ohne Menschen leben zu können, zumal da sie sich vorgenommen habe, die Menschen zu studiren, welche man aus Büchern niemals richtig kennen lerne u. s. w. Ihre Auseinandersetzungen waren erst zornig, dann folgte Weinen, schließlich Lachkrämpfe und Ohnmacht. Man rannte nach Wiederbelebungsmitteln und nach 0 dem Arzte, und eine schlaflose Nacht bildete den Schluß. Ozymski grollte seinem Freunde Mirewicz, dieser aber lag am nächsten Morgen vor Paula auf den Knien. Sie triumphirte und verzieh ihrem Vetter. Allein Ozymski ließ sich seit jenem Tage nicht mehr blicken. Was war dem Menschen nur geschehen? Er schaute aus, als wäre er vom Kreuze herabgenommen, und wich seinem Freunde beharrlich aus. Paula besuchte er nicht mehr, seine kleine Schwester war zu einer Tante gereist, und so blieb er ganz allein für sich. Eines Tages begegnete Ludwigs Mutter Herrn Mirewicz auf der Straße und warf ihm einen theils tieftraurigen, theils zornigen Blick zu. Wie wunderlich geht es doch auf der Welt zu! Keine Rosen ohne Dornen, kein Glück ohne Wolken! War dieses schöne, kluge Weib nicht ein Glück für ihn, und dennoch thürmten sich darüber Wolken auf! Dazu kam noch, daß der kleine Kinderschuh, welchen er so oft aus seiner Papierhülle befreite, leise zu ihm sprach und dem Vater etwas zuflüsterte. Dann fiel ihm der böse Schuldschein in die Hände. Und das Zerwürfniß mit seinem besten Freunde und der Brief seiner Gattin, welchen er heute erhalten, versetzten ihm so manchen Stich in's Herz. Zwar ent⸗ hielt der Brief, wie gewöhnlich, nichts als den Bericht über das Befinden des Kindes, aber eine Stelle konnte er nicht über⸗ winden.Ich habe jetzt so viel zu thun, schrieb sie,daß ich mir zwei Gehilfinnen angenommen habe. Ich verdiene nicht viel, aber wir speisen mit Josepha bei einer einfachen und biederen Frau, welche uns das Essen für einen geringen Peeis bereitet. Mit einem Wort, wir darben nicht. Für mich brauchst Du nicht zu sorgen, doch denke an die Zukunft Jancia's! Nach einigen Jahren wird sie tüchtigen Unterricht haben müssen. Du darsst das nicht vergessen; denn es ist Dein Kind, und es trägt keine Schuld an dem, was zwischen uns vorgefallen ist. Du fragst ob Du kommen darfst, um Dein Kind zu sehen? Warum denn nicht? Bin ich etwa Deine Feindin, die Dich nicht sehen mochte, oder verlange ich, daß das Kind den Vater vergessen soll? Mein Hauptbestreben geht dahin, daß Du Dein Kindchen recht lieb hast, und ich spreche auch mit Jancia recht viel von Dir. Sehr vernünftig, dachte Johann bei sich, aber nicht gang korrekt! Wenn Josepha sich ihrer annehmen wollte, aber diese hat ja genug mit sich und ihrer Schwester zu thun, welche sie zu einem Arzte auszubilden beabsichtigt. Diese Josepha, niemals sprach sie eine Silbe davon, allein sie hält ihr Wort. Und Paula? Die hatte viel von ihrem Berufe gesprochen, allein sie führte nichts aus. Nach dem letzten Streite hatten die Ge⸗ sellschasten im Hause aufgehört, Paula war zu ihren Büchern zurückgekehrt und nahm auch ihren alten Plau, in Zürich Medizin zu studiren, wieder auf. Doch jetzt fehlte ihr die Haupt 6 dazu, das Geld. Um sich Geld zu verschaffen, beschloß sie zu schriftstellern. Sie hatte damit schon früher angefangen, nur war sie sich nicht klar, ob sie einen Verleger finden würde. Se kramte sie denn aus ihrem Koffer ein umfangreiches Packet mit Manuskripten hervor und bat Mirewich, dasselbe durch! und sein Urtheil darüber abzugeben. Es war dieses ein bunles Durcheinander in verschiedenen Sprachen über Musik, Philosophie, Chronologie u. s. w. Mirewicz beschäftigte sich einige Nächte hindurch mit der Durchsicht des Werkes und sagte dann:Ent schuldige Paula, aber ich habe uoch niemals gelogen Dieses Manufkript wird Niemand drucken lassen. Es fehlt diesem Wer an Klarheit, Ordnung, Plastik, mit einem Worte Sage doch lieber gleich, mir fehlt das Talent zur e stellerei. 5 Fern sei es von mir, solches direkt zu behaupten, auch ich mich nicht kompetent dazu, ein derartiges Urtheil abzugeb

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