zu den
Ourrhessischen Nachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dleser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 18. November.
III.
An den langen Winterabenden saß Herr Mirewicz, in tiefes Nachdenken versunken, oft in seinem Schaukelstuhle in dem so⸗ genannten Wintergarten, in welchen das frühere Wohnzimmer umgewandelt war, und dachte über den Wandel alles Irdischen nach. Vor seinen Augen schwebte die lichte Gestalt seiner blond⸗ lockigen Kousine, die ihn anfangs durch ihre Gelehrsamkeit wie ein Sonnenstrahl geblendet hatte. Dann entzückte ihn ihr Eifer, Geld durch Unterricht verdienen zu wollen. Sie führte ihren Vorsatz auch aus und zeigte ihren Freunden triumphirend, was 5 verdiente. Nach und nach erlahmte ihre Arbeitslust, sie ver⸗ schlief die Zeit, oder sie vertiefte sich so sehr in ein Buch, daß sie alles um sich her vergaß. Mirewicz konnte sich diesen Um⸗ schlag der Gesinnung gar nicht erklären, und er glaubte, diese Unbeständigkeit wäre etwas Krankhaftes, als sie zwei Monate nach der Abreise seiner Gattin zu ihm sagte:„Weißt Du, Jas, ich habe mich überzeugt, daß der Beruf einer Lehrerin mir nicht zusagt und meine Kräfte aufreibt. Ich hatte mir ein höheres Ziel gesteckt, aber Du hast mich auf dem Wege zurückgehalten. Jetzt muß ich an einen anderen Erwerbszweig denken.“ Sie grübelte nach, und bereits nach einer Woche hatte sie inen neuen Plan ersonnen. „Höre, Jas, ich habe mir vorgenommen, in Ongrod zu leiben und— nun, wie nennt man es doch gleich— nun, ein ltelier für Schuhmacherei einzurichten.“ Vom Studium der Medizin bis zur Schuhmacherei war ein gewaltiger Sprung, und deshalb meinte Mirewicz, er habe nicht echt gehört, und riß die Augen weit auf.„Aber verstehst Du enn Schuhe zu machen?“ fragte er. Am folgenden Tage lief Paula von einem Schuhmacher zum ndern, bis sie endlich einen Meister fand, der sich bereit er— ärte, sie als Schülerin bei sich aufzunehmen. Sofort ließ sie sch ein dementsprechendes Kostüm anfertigen, legte niemals mehr re weißen und türkischen Morgenröcke an und trug auch ihre Ihantastische Promenadentoilette nicht mehr. Ein kurzer Rock ion grobem Stoff, eine festanliegende Taille und eine große, mit Gpitzen besetzte Schürze bildeten ihr jetziges Schuhmacherkostüm. Canz vergnügt kehrte sie das erste Mal nach Hause zurück; jetzt est meinte sie erkannt zu haben, daß die Körperarbeit höher als be Geistesarbeit zu schätzen sei, und daß man nur auf diesem Wege er arbeitenden Klasse näher treten könne.„Das neunzehnte Jahr⸗ hundert ist das Jahrhundert der Arbeiter,“ sagt John Russel.„Das deiundzwanzigste Jahrhundert wird das des großen Triumphes deklamirte Paula.„Wie schön ist es doch, den Amerikanern eifern, die durch ihren gemeinsamen Fleiß und durch ihre
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PFeifenblasen.
Erzählung von Eliza Orzeszko. Deutsch von Johanna Ruhe. (Fortsetzung.)
gemeinsame Arbeit Gleichheit und Freiheit befitzen. Reizend sind diese amerikanischen Verhältnisse geschildert. Wir wollen dieselben
einmal lesen und uns bestreben, nachzuahmen, was in den Werken von Ferdinand Lassalle, Schulze⸗Delitzsch, Karl Marx u. s. w. verzeichnet steht!“
Erfüllt von diesen erhabenen Ideen, trug sie das oben be— zeichnete Kostüm bereits einen ganzen Monat. Sie ging in dem Kostüme, welches ihr so reizend stand, tagtäglich in die Werk⸗ statt und kam jedes Mal heiter und vergnügt nach Hause zurück. Sie war von der Wichtigkeit ihres Berufes so überzeugt und von dem Mitleid mit der arbeitenden Klasse so befeelt, daß man ihr unmöglich seine Bewunderung versagen konnte. Ozymski und verschiedene andere Freunde des Herrn Mirewicz huldigten ihr im vollen Maße und küßten ihr fast ehrfurchtsvoll die Händchen, die trotz der groben Arbeit mit Hammer und Zange nichts von ihrer Zartheit eingebüßt hatten. Paula erschien ihnen wie ein großer, leuchtender Stern, der am Himmel der Zukunft auf⸗ gegangen. Was jedoch Mirewicz bei dieser neuen Idee seiner Kousine empfand, läßt sich nicht beschreiben. Paula wälzte ihm durch ihre Arbeitslust eine Zentnerlast von seinem Herzen und Gewissen, die während der Zeit der Tändeleien ihn gedrückt hatte. Wiederholt fragte er sich:„Giebt es ein höheres, erhabeneres Geschöpf als sie?“
Aber plötzlich blieb der Schaukelstuhl, auf welchem Mirewicz saß, stehen. Er strich sich mit der Hand über die Stirn; eine große Bitterkeit schien ihn zu erfüllen. Anna hatte ihm jedes Mal das Geld zurückgeschickt, welches er ihr nach ihrer Abreise wiederholt zusandte. Sie schrieb ihm immer nur einige Zeilen, die immer gleich lauteten:„Jancia ist gesund und munter und hat Alles, was sie braucht. Ich bin auch gesund und habe schon etwas Arbeit gefunden, die sich allmählich mehren wird. Ich bitte Dich, lieber Jas, gieb nicht so viel unnützes Porto aus; denn ich nehme nichts an, so lange Jancia nicht etwas braucht u. s. w.“ Jancia! Einmal suchte er etwas im Schranke, da fiel ihm ein kleiner, glänzender Schuh der Kleinen in die Hände, er betrachtete denselben mit innigen Blicken, als erinnere ihn dieses Andenken an eine selige Vergangenheit und flüstere ihm lange und leise etwas zu. Er bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Hastig nahm er den kleinen Schuh, wickelte ihn in ein Papier, verschloß ihn in die Schublade seines Schreibtisches und schrieb an seine Gattin: „Erlaubst Du mir, Euch einmal zu besuchen und Jancia zu sehen?“
An diesem Tage erhielt Paula eine große Kiste mit Noten aus Warschau. Sie wählte eine sehr schöne Sonate aus und
spielte sie Mirewicz vor. Als sie sich vom Fortepiano erhob,
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