Ausgabe 
18.3.1888
 
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[Der Freude folgte die in der Hütte der Armuth unfehlbar gan allen Begebenheiten theilnehmende Sorge. Woher das für die dem Gretle so unverhofft zugefallene Würde und das bevor⸗ stehende hohe Fest passende Gewand nehmen? Wohl besaß das Mädchen sein in des Wortes strengstem Sinne selbstgesponnenes und selbstgewebtes Feiertagsröckchen. Denn seitdem das Zweit älteste schon mit in der Haushaltung schaffen und die Buben das Gretle darin ablösen konnten, für den Vater läuten zu gehen, hatte es diesem am Webstuhl im Verdienst und in der [ Beschaffung seines eigenen wie der GeschwisterPlunder) tüchtig beistehen müssen. Aber was es da fertigen konnte, war doch wohl bei solcher Gelegenheit nichtsüfer 2) genug, wenn auch der Vater meinte, daß es darum gerade Gretle's schönster Ehren putz sei. f Zur wahrhaften Erleichterung des besorgten Mädchenherzen erschien auf dem Gange zur Vesper die reiche Metzgerin, die sich erinnerte, daß sie ja als Gretle'sGettel) ein Uebriges zu thun habe und demselben einen Fünflivresthaler für diebesondern Unkösten in die Hand drückte. Sie blieb nicht die einzige unter den Weibern in solch' werkthätiger Selbstgenugthuung. Andere kamen, junge und alte, um Rath, Dienste und Geschenke auf zudrängen und in dem hervorgerufenen Freudenglanze der Ge sichter behäbig die eigene Vortrefflichkeit und Wichtigkeit zu spiegeln. Denn noch tropfte der durch die Aufregung, welche die unerwartete Wendung der Dinge erzeugt hatte, zum Schmelzen gebrachte, für gewöhnlich dunkel und ungeläutert in der Seele des Volkes liegende sittliche Rohstoff fort und fort sein gutes Gold; noch stand das wie Alle laut zu betheuern nicht müde wurden von der reinsten Gerechtigkeitsliebe seiner Mitbürger so hoch geehrte Mädchen im Vollschein der allgemeinen Gunst. Nur vereinzelt, kaum und dann nur im tiefsten Vertrauen ge äußert, mochten da und dort eingetretene Ernüchterung oder unversöhnliche Erbitterung eine immerhin so viele Wünsche durch kreuzende Wahl doch nicht ganz in Ordnung finden.

Fast bis zum Abendläuten gab es in dem Häuschen des Meßners, welches mit seinen daranstoßenden Gemüsebeeten fast versteckt zwischen den baumreichen Gärten des Schlosses und des Pfarrhofes lag, ein fortwährendes Kommen und Gehen, dem Vater Klein mit immer stärker gerunzelter Stirn zusah. Das abgeschlossene, herbe Wesen des Alten hätte es lieber gesehen, daß man sich wie bisher nur, soweit seine Arbeit in Betracht kam, um ihn und die Seinigen bekümmere. AlsStettkopf) galt er Allen, die ihn näher kannten, der zugleich schon zu Lebzeiten der Frau im Hause strenge Zucht geübt hatte. Doch war derselbe, wie ja der Augenschein lehrte, den Kindern zu Gute gekommen. Auch besaß er, der früher nicht ganz unver mögend gewesen war, seinen Stolz. Dankte er schon nicht ein mal gern für die ehrenvolle Wahl seines Kindes, die er in tiefster Ueberzeugung nur vom Gesichtspunkte der Gerechtigkeit

betrachtete, so noch weniger für aufgedrungene Gefälligkeiten, welche er von sich aus niemals hätte in Anspruch nehmen wollen. Seine wachsend schroffe Art und Weise trug denn auch dazu bei, die Besucherinnen allmählich zu verscheuchen.

Niemand empfand dies freudiger als der Schloß-Ver walterssohn, welcher am Nachmittag schon mehrmals vorüber⸗ gegangen war und sich durch das Treiben in dem sonst so ruhigen Häuschen an der Ausführung einer ihm schwer auf dem Herzen liegenden Absicht behindert sah. Nun war es still ge worden im Stübchen. Das rothe Gold der Abendsonne glitzerte in den kleinen Fenstern und spann glänzende Fäden um den alten Webstuhl, der nur am Feiertag ruhte und Jahr aus Jahr ein für mehrere Geschlechter klappernd das Brot genügsamen Fleißes erworben hatte. Eben war das bescheidene Nachtmahl auf dem weiß gescheuerten Tische verzehrt worden. Das scheidende Licht beschien die gesenkten Köpfe des Vaters und seiner Kinderschaar, die dessen lautgesprochenes Dankgebet nachmurmelte.

Freundlich winkte die Ruhe nach den ungewohnten auf regenden Tageseindrücken. Doch sollte heute des Unverhofften noch kein Ende sein; denn kaum war das Amen gesprochen und

eben hatte das Gretle hausmütterlich abräumend die leeren Teller

) Kleider.) sauber, d. h. schön.) Pathin.) Eigensinn.

zusammengestellt, als die Thür ohne Anklopfen, ohne Druck der Klinke aufging.

Der, welcher jetzt im Rahmen derselben erschien, mochte wohl schon länger zögernd davor gestanden und früher, als er wollte, unwillkürlich aufgedrückt haben, denn er schaute ebenso verwirrt darein, wie die ihn überrascht Anblickenden drinnen.

Vater Klein trat dem Ankömmling mit wenig einladendem Gesicht entgegen. 5

Wie komm' ich zu der Ehr', daß der junge Herr Verwalter mich heimsucht? fragte er, nachdem ein Blick die Kinder zum Verlassen des Zimmers aufgefordert hatte.

Ihr habt Recht, wenn Ihr verwundert drein schaut, daß ich Euch z' Nacht noch Unruh mach', Meister, antwortete der junge Mann, indem er dem Meßner jetzt mit offener Miene und freimüthigem Wesen die Hand bot, die dieser jedoch nicht ergriff. Hätt' Euer Haus nit den ganzen Tag so voll Menschen ge steckt, so wär ich gern eher gekommen. Ich hätt' in einer Sach' mit Euch zu reden, die mir sehr anliegt, fügte er mit einem beredten Blick auf Gretle hinzu, welches gerade die Stube ver ließ, nachdem es mit niedergeschlagenen Augen die Katze vom alten Lehnstuhl gescheucht und denselben schweigend dem Gaste näher geschoben hatte.Und daß ich's kurz mach, Meister, fuhr derselbe fort,denn langes Reden ist nit mein Sach', wollt' Ihr mir d' Jungfer Gretle zur Eh' geben?

Ein noch finsterer Schatten flog über das Gesicht des Alten.

Ich denk', wenn wir auch geringe Leut' sind, wär ich und

mein Kind zu Spott und Spaß doch zu gut, Musje Joseph,

versetzte er hart.

Ihr kennt' mich doch lang genug, entgegnete dieser, ohne sich abschrecken zu lassen,um zu wissen, daß mir so was nim⸗ mer einkommen möcht'! Nit seit heut' hab' ich's Gretle gern. Schon seit ich wieder daheim bin von der Wanderschaft folgen ihm meine Augen, mein Herz und mein Sinn. Ja, ja, Meister, wie streng Ihr auch Euren Schatz hütet und versperrt haltet, ich kenn' das Maidle so gut wie mich selbst und möcht' nimmer eine Andere heimführen wollen!

So hat's etwa Bekanntschaft mit Euch hinter mei'm Rücken? rief der Meßner zornig auffahrend.

Was Ihr damit meint, gewiß nit, betheuerte Joseph. Gesehen haben wir uns, wie man sich halt sieht als Nach⸗ barsleut'!; gesprochen kaum. Erst seit heut' Morgen glaub ich zu wissen, daß's Gretle mich auch mag. Und da komm' ich zuerst zu Euch, Meister, und sag' Euch, was ich noch Niemand gesagt hab', auch dem Madle nit. Glaubt Ihr jetzt, daß ich's ehrlich mein'?

Der Blick des Alten hatte sich an dem offenen, treuherzigen Wesen des stattlichen jungen Mannes erhellt. Er legte seine Hand in dessen ihm von Neuem dargereichte Rechte und lud denselben jetzt zum Sitzen ein, indem er sich gleichfalls auf einen Stuhl niederließ.

Ja, ja, brav ist das schon von Euch, Musje Joseph, begann er dann langsam und nachdenklich.

Und ein Auskommen hätt ich wohl auch für eine Familie, fiel ihm dieser in die Rede.Das Amt vom Vater, das ich jetzt im zweiten Jahr' verseh', seit er die Schwächen hat, ist mir ganz sicher, und er selber

Euer Vater, ja, das ist's. Der wird nit sehen wollen, daß Ihr ihm ein Maidle in's Haus bringt, wie's Gretle.

Redet nit so, Meister! Der Vater wird nit nein sagen, wo's mein Glück gilt!

Der Meßner schüttelte den Kopf.Glaub' nit, sagte er. Ein Mann, wie er, will für den einzigen Sohn schon was Besseres. Ich verdenk's ihm auch nit; möcht's wohl auch so machen an seiner Statt. 5

Laßt das mein Sorg sein, Meister, versetzte der junge Mann zuversichtlich.Da müßt' ich Vater nit kennen! Aber

zuerst wollt' ich mit Euch reden, und jetzt gar, wo's Gretle

Augräfin worden ist und vielleicht ein Anderer anklopfen möcht'. Und wie haltet Ihr's jetzt mit mir?

Redet mit Eurem Vater, Joseph. Ich wüßt' kein' Besseren für's Gretle, als Euch.

Aber dem Maidle seine Meinung müßt' ich doch wissen

vorher, meinte Joseph heiter.

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