92.
„Freilich müßt Ihr das,“ antwortete der Alte schmunzelnd in der aus dieser Bitte klar hervorgehenden Gewißheit, daß seine Tochter bis zu solchem ungewöhnlichen Grade seiner strengen Zucht Ehre mache.„Reden soll's gleich, ob's Euch mögen möcht'!“
200 Gretle hatte draußen Alles vernommen; es brauchte nicht einmal zu lauschen, die Rede ging laut genug im Stübchen. Auf des Vaters Ruf stand es jetzt, rosig erglühend, vor dem längst Geliebten. Ach, dieser Traum war doch noch tausendmal schöner als der des heutigen Morgens!
„Gretle!“ sagte Joseph leise, und weiter nichts.
Sie wußte nicht, wie es kam, daß plötzlich seine Arme sie umschlangen, ihr Kopf an seiner Brust ruhte. Der Herzschlag da drinnen, dem der ihrige voll Seligkeit antwortete, sprach laut und verständlich, daß sie mit einer Liebe geliebt sei, die nicht nur für dieses Leben ausreichen werde.
„Gemach, gemach; so war's just nit gemeint!“ brummte der Vater, indem er das Mädchen den zögernd ablassenden Armen des jungen Mannes entzog.„Mög' unser Herrgott sein' Segen geben!“ setzte er aber doch mit feuchtem Auge wie unbewußt leise hinzu.
* *
„Möcht' doch wissen, wo heut' der Joseph bleibt,“ murmelte der Schloßverwalter vor sich hin, indem er unruhig durch die Bäume des Obstgartens vor den offenen Fenstern seines eben— erdigen Zimmers blickte. Dicht mit weißen oder rosenrothen Blüthen bedeckt, umsäumt von honigtrunkenen Bienen, schau— kelten sie ihre Zweige im Wehen der Frühlingsluft und sandten ganze Ladungen sonnenwarmen Duftes zum Kranken hinein. Er achtete dessen nicht. Trübe und matt lehnte er den Kopf in die Kissen des Lehnstuhls zurück, den er nun schon gar nicht mehr verlassen konnte. Pflichten und Freuden des Daseins lagen schattenhaft hinter ihm. Unruhig flackernd nährte sich die ver— löschende Lebensflamme nur noch von der Liebe zum einzigen Sohne, der ihm reichlich vergalt, was er auf ihn gewandt hatte.
Jetzt vernahm man eilige Schritte. Der Ersehnte trat ein. Willenskraft und lebensfreudige Zuversicht der hübschen männ— lichen züge und die kräftig ebenmäßige jugendfrische Gestalt desselben hatten etwas Verwandtes mit der in der üppigen Blüthenwonne den Fruchtansatz nicht vergessenden Natur draußen. Das welke Gesicht des Alten hellte sich auf, als Joseph seine abgezehrte Hand zärtlich und ehrerbietig ergriff.
„Seid nit bös, Vater,“ sagte dieser, sich neben ihm nieder— setzend,„wenn ich so spät fragen komm, wie's Euch heut'
Morgen geht.“
„Und was hast denn so Wichtig's geschafft am Feiertag?“ war die leis vorwurfsvolle Erwiderung, wobei doch Stolz und Liebe in dem auf dem Sohne ruhenden Auge glänzten.
„Der Schultheiß hat sich mit den Andern vor dem Amt noch im Pfarrhaus bereden wollen wegen dem Fest morgen. Er hat gestern z' Abend expreß hergeschickt, daß ich ja nit ausbleiben sollt! Gerad' sind wir auseinander gangen und z Mittag müssen wir nochmals zusammenkommen. Da bin ich schnell hergelaufen, um zu hören, wie's ausschaut mit Euch.“
„Könnt'st nur mehr bei mir sein, Joseph,“ sagte der alte Mann traurig. S ist mir gar letz“), wenn Du nit da bist. Und ich fühl's halt,'s nimmt ein End' mit mir, eher als Ihr Alle denkt!“
„Was redt Ihr auch so daher, Vater,“ entgegnete Joseph beruhigend.„Da schaut nur, wie's blüht und wächst draußen, s wird mit Euch wieder bergauf gehen, jetzt, wo's warm wird. Und so viel alleinig sollt? Ihr auch bald nimmer sein,“ setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.„Ich möcht' Euch schon gern Eins ins Haus bringen, das um Euch wär', wenn ich nit da sein kann. Da könntet Ihr miteins die beste Pfleg' finden Tag und Nacht und kurze Zeit haben alleweil, Ihr und ich auch.“
„Will wohl gar heißen, daß Du heirathen möcht'st?“ fragte der Kranke gespannt aufhorchend.„Hast mir doch nie gesprochen von einer Liebsten seither.“
Hätt's auch nit können, Vater, hab' ja keine gehabt, was
7*
man so meint damit. Habt Ihr mir nit immer gesagt, ich 0
sollt' keine lange Bekanntschaft anfangen, das brächt' nichts Gutes; wenn ich aber ein braves Maidle fänd', das mir an⸗
ständ', so sollt' ich nur herzhaft vor Euch treten und reden.
Und so ist's jetzt.“
„Nun, so red'.“
S 4 halt geringer Leut' Kind, Vater, aber ein bravs, schaffigs Mensch, wie kein zweites im Dorf. Die Augräfin ist's, s Klein-Gretle—“
„Wer, wer?“ fragte der Alte erschreckt auffahrend.
„Dem Weber Klein, unserm Nachbar, sein Aeltstes, Vater. Gestern z' Abend hab' ich gered't mit ihm und mit dem Maidle
und's steht jetzt nur bei Euch, Vater, und mein Glück ist gemacht!“
Der Kranke, welcher sich starr aufgerichtet hatte, sank wie gebrochen zurück. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn und mit äußerster Anstrengung schrie er:„Die, die— nimmer, nimmer!“
Erschrocken über des Vaters ungewöhnliche Heftigkeit, suchte der junge Mann den nach Athem Ringenden in seinen Armen aufzurichten.
„Heb' die Finger auf, Joseph, und schwör' bei allen Hei— ligen, daß Du nimmer an die denkst!“ keuchte dieser, indem er mit krampfhaftem Druck die Hand des Sohnes erfaßte.
„Red't jetzt nit mehr davon, Vater,“ begütigte dieser.„S kommen Euch vielleicht bessire Gedanken. Wir wollen d'rüber schlafen.“
„Schwör', Joseph,“ wiederholte der Alte eindringlich,„schwör', daß Du nit d'ran denkst, die zu heirathen, auch wann ich nimmer da bin!“
„Laßt's jetzt, Vater, heut' nit, wo's Euch so grausam packt hat. S wär' ja kein rechter Schwur; ich könnt' die Hand dazu nit lüpfen, die dem Maidle's Wort geben hat!“
In die am zweiten Pfingsttage im Dorfe noch andauernde
Erregung über den unerwarteten Ausgang der Wahl und die Vorbereitungen zum Feste der Augräfin-Krönung mischte sich am Abend die Neuigkeit, daß es mit dem alten Schloßverwalter plötzlich zu Ende gehe. Der Pfarrer habe ihm eilends den lieben
Herrgott gebracht und sei gar lange ganz allein bei ihm ge
blieben. haben?
Was mochte das wohl für eine besondere Bewandtniß Die eingehende Erwägung dieses Umstandes fand in
den vielbeschäftigten Köpfen der Blozheimer Gevatterinnen noch 5
77... TTTTT—T—T—T—....
ebenso gut Platz, wie die daran geknüpfte weitere Frage, wen der Joseph, der nun des Vaters Amt antreten werde, wohl ein-
mal werde heimführen mögen. Denn heirathen konnt' der jeden 4
Tag und anklopfen durft' er überall, und doch war noch Nie-
mand dahinter gekommen, auf wen er etwa ein Aug' gehabt hätte.
** *
Das Morgenroth des festlichen Tages fand das Gretle in
der Kammer, die es mit seinen drei Schwestern theilte, schon
wach. Wie hätte es, übervoll und halb närrisch vor Freude,
wie es war, auch lange schlafen können? Leise wollte es seinen
Platz auf dem Lager neben dem Stasele verlassen, um im Haus
noch Manches herzurichten, bevor es— das war ja das erste der heutigen Feier— zur Beicht' und Kommunion in die Kirche Verstand es sich doch ganz von selbst, daß es ohne die
ginge. Vergebung seiner Sünden und die Zustimmung des lieben Herr- gotts die Tugendkrone aus Menschenhand nicht empfangen könne. Bei der ersten Bewegung aber, die das Mädchen machte, um
aufzustehen, schlangen sich der Schwester Arme um seinen Hals. Nein, heute durfte das Gretle nichts anrühren in der Haus-
haltung; das würde ja nun doch bald des Staseles Sache ganz allein werden. zwei blonde Köpfchen, die auch eifrig versicherten, für's Gretle gern schaffen zu wollen.
Draußen aber hatten die beiden Buben schon die halbe Nacht
Aus dem andern Bett hoben sich gleichzeitig
geschafft, um noch vor dem Frühgebetläuten mit Maien und.
Kränzen das Haus zu schmücken, in das ihre eigene Schwester
heute noch— sie konnten's noch gar nicht recht glauben— als Augräfin einziehen solle. Die polternden Holzschuhe hatten sie bei Seite gestellt und schlichen auf den„Chaussettle“ im und
vor dem Hause umher, damit der Vater im Morgenschlaf nicht 15
4) Erst recht schlecht.


