Ausgabe 
18.3.1888
 
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erkorene Jungfrau, welche den TitelAugräfin erhielt, in einem Kranze, mit dem sie in der Kirche vom Pfarrer gekrönt wurde, und einer silbernen Denkmünze mit dem Wappen Blotzheims im Werthe von etwa fünf Livres. Der Augraf händigte ihr ferner zweihundert Livres in Geld aus und den beiden nächst ihr ge⸗ wählten Mädchen je fünfzig Livres. Der des Tugendpreises am würdigsten befundene Jüngling erhielt eine Denkmünze.

Nach den Erwartungen der Urheber hätte sich diese Stiftung, deren Satzungen ausgedehnte Freiheit der Wahl mit selbstsüchtige Bestrebungen nach Möglichkeit ausschließenden Bestimmungen verbanden, sowohl für den Einzelnen wie für die Gemeinde zu einer Quelle thatsächlicher sittlicher Hebung gestalten müssen. Doch im ewigen Werden aller Dinge bleibt die als That in's Leben getretene beste Erkenntniß sich selbst nicht lange ähnlich. Verhältnisse und Leidenschaften deuten und modeln beständig an

der Urabsicht des Gesetzes und wandeln oft genug eine voraus⸗

gesetzte wohlthätige Wirkung desselben in ihr Gegentheil. Be⸗ sonders bietet hierzu der enge Gesichtskreis einer ländlichen Ge⸗ meinde leicht Gelegenheit, denn hoher Sinn und Großherzigkeit brauchen zu ihrer vollkommensten Entwickelung einen weiten, mannichfaltige und lebhafte Wechselbeziehungen bietenden Schau platz des Daseinskampfes.

Auch in Blotzheim erwuchsen aus der ersten Begeisterung eines verständig angeregten Gemeinsinnes bald ehrgeizige Sonder⸗ bestrebungen, die mit der Wiederkehr der Preisvertheilung an Macht und Raum gewannen. Mehr und mehr wurden bei der selben Einzelvortheile in's Spiel gezogen und lange vor der Wahl schon durch Beeinflussung und Umtriebe zu fördern ge sucht, wobei zugleich die durch die Bestimmungen der Stiftung gebotene Rücksicht auf die Armuth der Bewerberinnen ziemlich außer Acht kam. 5

Wieder war nach dreijähriger Pause die Zeit gekommen, da man zur Wahl für den vielbegehrten Tugendpreis sich anschickte. Man durfte dem Ergebniß diesmal mit erhöhter Spannung ent gegensehen, denn zwei der einflußreichsten Familien des Dorfes, deren Häupter als Meinungsführer in den Angelegenheiten der

Gemeinde einander gegenüberstanden, konnten je eine Tochter

aufweisen, welche das erforderliche Alter erreicht hatte und auch im Uebrigen den allgemeinen Bedingungen entsprach, um bei der Wahl zur Augräfin in Betracht zu kommen. Daß eine der Beiden die Krone erhalten werde, galt bei der Stellung der Familien für zweifellos, und dieser Umstand theilte fast die gesammte Bürgerschaft in zwei Lager. Klatsch und Umtriebe einer aus⸗ gedehnten Basen- und Gevatterschaft, in der ohnehin allmählich die gehässigste Beurtheilung der persönlichen Familienverhältnisse aller in's Auge zu fassenden Preisbewerberinnen Erbitterung und Gährung genug zu erzeugen pflegten, fanden überreichen Stoff. Die Namen der beiden Mädchen waren bald die Losung aller weiblichen Wortgefechte am Brunnen oder auf dem Kirchgange geworden, welcher die Männer, deren Stimmen ja für die Wahl ungleich höhere Bedeutung hatten, im Wirthshause oft einen gewichtigeren Nachdruck gaben.

Mit dem Herannahen des Pfingstfestes hatten sich diese Zu stände, wie die allgemeine Spannung auf den Ausgang in fast bedenklicher Weise gesteigert. Das am Pfingstsonntag dem Her⸗ kommen gemäß in der Kirche verkündete Wahlergebniß sollte in dieser Richtung eine große Ueberraschung bringen. An letzter, ausschlaggebender Stelle hatte eine geschickte und kluge Hand ge waltet, welche im entscheidenden Augenblicke zwischen den von zwei Seiten ungestüm drängenden Einflüssen unerwartet einen schließlich Alle befriedigenden Mittelweg zu schaffen wußte. Nach diesem erhielten die beiden Nebenbuhlerinnen die zweiten Preise. Der Kranz der Augräfin aber wurde einem der ärmsten, gänzlich außerhalb jener Familienverbindungen stehenden Mädchen zuge sprochen, dessen allgemein anerkannte Tugend und Bescheidenheit

seinen Namen ohne jedes Zuthun neben den aus Sippschafts⸗

rücksichten genannten sozusagen zur Gewissensbeschwichtigung der weiblichen wie der männlichen Wähler auf die Liste gebracht hatten.

Starres Staunen fesselte zunächst die in ganz anderer Rich⸗ tung erwartungsvolle Gemeinde bei der pfarrherrlichen Mitthei

lung, der höchste Ehrenpreis sei Gretle, dem Töchterlein des Meßners und Webers Isidor Klein, zuerkannt worden. Daran hatte wahrlich Niemand gedacht; aber einwenden ließ sich nichts. Entsprach doch vielmehr diese Entscheidung vollkommen den Be⸗ stimmungen der in der Erregung der vorangegangenen Wahl⸗ umtriebe im Gedächtniß ziemlich verdunkelten Satzungen der Stiftung. Nach und nach lösten sich die sehr gemischten, aber unter der Ueberraschung gewissermaßen gelähmten Empfindungen der Bürgerschaft in eine Art bittersüßer Befriedigung auf. Die Gegner hatten wenigstens ihr Ziel nicht erreicht, das stand Allem voran. Und daß dieses Ergebniß zugleich von einer unanfecht⸗ baren Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit Zeugniß gab, darauf glaubten sich nunmehr alle Wähler etwas zu Gute halten zu dürfen. Leises Murmeln der Billigung folgte der einige Minuten dauern⸗ den Stille. Ja, ja, das Klein-Gretle! Tugendhaft und fleißig war's, das gar tapfer mit der Noth kämpfte, dem Vater und den zahlreichen Geschwistern die verstorbene Mutter ersetzte, das vom frühesten Morgen bis in die Nacht hinein schaffte wie kein zweites Maidle im Dorfe und so wenig auf der Straße zu sehen war, daß man's anderswo schier würde vergessen haben. Nach⸗ reden konnt' man dem wahrlich nichts, und brav und ehrbar war der Vater und auch seine Mutter selig, von der man nie gehört hatte, es seietwan ebb's mit ihr gsi. Unter solchen Erwägungen wandten sich die freundlich erhellten Gesichter der Versammelten einander nickend zu, wobei es sich wohl auch traf, daß bisherige erbitterte Feinde einander zulächelten. l Das Gretle hatte wie immer auf seinem Platz unter den Jungfrauen andächtig gebetet und so bescheiden in sich geschmiegt gesessen, daß es nicht einmal bemerkte, wie aufmerksam schon

während des Gottesdienstes der Blick des Schloßverwalterssohnes,

welcher sich allein im herrschaftlichen Chore befand, den Sonnen⸗ strahl beobachtete, der auf dem seidenweichen Blondbaar des Mädchens glänzte. Am Schluß der Predigt horchte es wohl gleichfalls neugierig auf die Verkündigung des Wahlergebnisses. Daß es selbst auch nur unter den fünfzehn bevorzugten Jung⸗ frauen sein könne, kam ihm nicht in den Sinn; war es doch gar so armselig und freundlos. Als nun aber sein Name sogar an allererster Stelle laut und vernehmlich über die lauschenden Köpfe hinweg durch den Raum hallte, da hätten ibm vor Schreck fast die Sinne vergehen wollen. Aber nur einen Augenblick; denn im nächsten schoß ihm ein heißer Freudenstrom durch alle Adern und unwillkürlich flog ein verschämter, leuchtender Blick seiner blauen Kinderaugen nach dem Chore. Er senkte sich so⸗ gleich vor der Erwiderung, die er von dort fand und in blühendem Erröthen seines lieblichen Gesichts saß das Mädchen unbeweglich wie in einem seligen Traume. 8 Auf dem Heimwege, den es gern im Sprunge zurückgelegt hätte, um mit dem Vater und den Geschwistern jubeln zu können, mußte es indessen dem schwerfälligen Wohlwollen Stand halten, welches sich von allen Seiten über sie ergoß. Vor der Kirchthür wurde es von einem Gewoge von Weiberköpfen empfangen; Männer drängten sich händeschüttelnd heran undGretle! Gretle! rief es von allen Seiten. Als nun gar die beiden Neben⸗ buhlerinnen freundlich nahten, der alte Pfarrer sein bescheidenes Beichtkind noch mit einem herzlichen Segenswort aufsuchte, da war der jubelnde Taumel einer aus ursprünglich unreinem f Brennstoff aufflammenden gutherzig freudigen Begeisterung all. gemein. Niemand ließ sich's nehmen, das Mädchen in seine Wohnung zu geleiten, jeder strebte durch Berührung der Hand oder des Kleides ein näheres Anrecht auf den so unerwartet erkorenen Schützling einer ebenso plötzlich erwachten allgemeinen Gerechtigkeitsliebe kundzuthun und eine erstaunliche Menge bis dahin nie in Anregung gebrachter verwandtschaftlicher oder gevatterlicher Beziehungen zu den Meßnersleuten wurden laut. Halb geängstigt, halb betäubt unter der Last eines Wohl- wollens, das bisher außerhalb aller Möglichkeit gelegen hatte, sah sich das Gretle endlich allein mit den in gleicher Weise fast bestürzten Ihrigen. Aber nun machte sich der Jubel seiner Brust

frei. Mit dem halb jauchzenden, halb schluchzenden Ausruf:

Ach, wenn das d' Mutter selig erlebt hätt'! fiel es dem Vater um den Hals, dessen kuochige Arbeitshände mit einer Art vers wunderter Ehrfurcht das Haupt des Kindes umfaßten.