Ausgabe 
16.12.1888
 
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Von tiefster Seelenqual so jäh zu neuem, seligen Glücke erweckt, lehnte Lisa gleichsam traumverloren in des Gatten Arm. Wie war er gut, o so gut mit ihr, und sie hatte noch nicht ein Wort gesagt, ihn sich zu versöhnen. , Heinrich, ich war ich hätte nicht stammelte sie nun er aber schloß ihr mit innigem Kusse den Mund. Nichts mehr davon, mein Herz, laß das vergeben und vergessen sein, wir waren eben alle Beide im Unrecht. Aber von nun an soll dergleichen nie wieder vorkommen gelt, Lisa, wir wollen des heutigen Abends eingedenk bleiben! Doch nun muß ich eben zu der armen Frau Janser hinüber und ein paar Leute holen, um den Armen dort fortzubringen nachher bin ich wieder bei Dir. Und morgen, nicht wahr, wenn die heutigen Schrecken ein wenig überwunden sind, hole ich zum Nachmittag Deine Eltern herüber, während Du die Bescheerung vorbereitest unser Bäumchen steht bereits fertig im Schuppen! O, Du Guter, Lieber! schluchzte Lisa an des Gatten Brust. Durch die stille Abendluft aber tönten die Weihnachtsglocken: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.

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Des Majors Geburtstag. 5 Novelle von H Richthofen. (Schluß)

Im Walde, auf dem Sedanplatz, waren großartige Vor⸗ kehrungen zum bevorstehenden Konzert getroffen. An den hoch⸗ stämmigen Eichen und Buchen, welche den umfangreichen Platz um⸗ lahmten, waren für die abendliche Illumination bunte Lampions beefestigt. Unter einem Zeltdach war das Büffet aufgestellt, für die Musik eine Tribüne errichtet, von Tischen und Bänken in weitem Bogen umgeben.

Nun schimmerten bereits helle Sommerkleider aus dem Grün hervor, und die ersten Ankömmlinge begannen unter den vielen Plätzen zu suchen und zu wählen. Noch schwebte aber eine fast leierliche Stille über dem Ganzen. Das Rollen einzelner Wagen klang gedämpft von dem weichen Wadlboden her, und erst all⸗

4 mählich ward ein lebhafteres Stimmengesumme bemerkbar. Die Tribüne hatte sich nun auch mit den Musikern gefüllt, und von dem Kirchthurm des nahe gelegenen Städtchens klang laut und vernehmlich die zum Beginn des Konzerts festgesetzte Stunde. Die Musik setzte mit einem gewaltigen Trommelwirbel und in den ttiefsten Tonlagen der Instrumente zumErwachen des Löwen

ein. Verschiedene Ausrufe:Wundervoll! Wie herrlich! und zun Schluß ein anhaltendes Beifallsklatschen belohnten die Musiker. 9 Dennoch war das Interesse bei vielen der Zuhörer nur ein ge⸗ f theiltes, denn noch fehlte dem Feste der eigenlliche, glänzende Mittelpunkt: Bürgermeisters mit ihrem Major waren noch nicht erschienen.

Georg Manstein hatte kaum hingehört auf die rauschenden Klänge. Seine Augen hingen wie gebannt auf den mit Guir⸗ landen umwundenen Fahnenstangen des Einganges. Dann glitt

cein eigenthümliches Leuchten über seine Züge, und um seinen Mund zuckte es halb ironisch, halb mitleidig: Die Erwarteten wurden sichtbar. Voran der Bürgermeister mit seiner Gattin, hinter ihnen der Major, die schöne Hedwig am Arm führend, zuletzt die Schaar der Kinder. Sie nahmen an einem für sie 0 reservirten Tische Platz. Hedwig hatte für ihre Bekannten, die sssich ihr freundlich grüßend näherten, nur ein stolzes Neigen des Kopfes, Georg's Gruß übersah sie gänzlich. Ihr Lächeln galt nur dem Major, und er wandte sich ihr ebenfalls ausschließlich zu.

Sie sah auch überraschend schön aus in ihrem einfachen, aber vornehmen Anzug. Und der Rembrandthut beschattete die weiße Stirn und die dunkeln Augen. Die Offiziere, welche verstreut ringsum an den Tischen gesessen, eilten zur Vorstellung herbei; aber Hedwig schien die vielen bewundernden Blicke, welche auf ihr ruhten, garnicht zu bemerken. Sie wollte nur Einem ge⸗ fallen; und sie glaubte wahrzunehmen, daß dieser Eine, seitdem die Offiziere sich genähert, gerade ihr gegenüber eine kühle Ruhe und Zurückhaltung zur Schau trug. Daß er sich innerlich mit ihr beschäftigte, sagten ihr seine Augen, aber das genügte ihr

nicht. Sie wollte hier öffentlich vor Allen zeigen, wie weit der intime Verkehr zwischen ihnen in den wenigen Tagen gediehen. Und so berührte sie mit ihren Fingerspitzen leicht seinen Arm und fragte leise:Wollen wir zusammen eine kleine Promenade machen?

Ein etwas verlegenes Lächeln glitt um seine Lippen, und

er strich langsam, wie in Ueberlegung, mit der schlanken Hand

über seinen Bart.Es würde auffallen, mein gnädiges Fräulein, murmelte er.

In ihren Augen blitzte es auf. rede der Menschen?

Ein wenig, gab er mit einigem Zögern zu.

Dann haben Sie Verpflichtungen, die Ihnen näher stehen als meine Wünsche, sagte sie gereizt.

Er seufzte vernehmlich auf. Zugleich aber erhob er sich und bot ihr seinen Arm.Dem Fraulein ist's hier so bedrückt, sagte er, wie zur Eutschuldigung, zu den jüngeren Kameraden gewandt, von denen einige, einer Aufforderung des Bürger⸗ meisters folgend, am Tische sitzen geblieben waren.Ich führe Sie dort in den Schatten, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie's erlauben.

Sie gingen dahin, zwei hohe Gestalten, welchen die Menge unwillkürlich Platz machte. Aller Augen folgten ihnen.

Dem Bürgermeister entging diese Bewegung nicht.Was dem Mädel nur einfällt! rief er aus.Es ist hier eben so kühl wie dort. Und überhaupt ist jeder Mensch froh, wenn es in solchem Sommer mal einen heißen Tag giebt! Er wußte nicht recht, ob er sich geärgert oder geschmeichelt fühlen sollte über das Aufsehen, das seine Tochter, am Arm des Majors wie eine Königin dahinschreitend, erregte. Die Bürgermeisterin blickte zu Georg hinüber.

In dem Zwielicht, das unter den Bäumen herrschte, sah sein Antlitz fast farblos aus. Es war, als ob er ausspringen und dem Paare nacheilen wollte, als dasselbe sich im Dunkel des Waldes allmählich verlor. Doch blieb er ruhig sitzen, mit dem

So, fürchten Sie das Ge

Entschluß, in Geduld die Entwickelung der Dinge abzuwarten.

Das war jedoch leichter beschlossen, als ausgeführt.

Eine Viertelstunde verstrich, ohne daß die schöne Hedwig mit ihrem stattlichen Begleiter wieder auf dem Schauplatz erschienen wäre.

Siedend heiß stieg das Blut dem Wartenden zu Kopf; und als die Musik einen der elektrisirenden Strauß schen Walzer zu spielen anfing, hielt es ihn nicht länger an seinem Platz. Ohne sich länger zu besinnen, folgte er der Richtung, welche das Paar genommen und verschwand im Dickicht. Es kam ihm vor, als wäre er, ein passionirter Jäger, einem edlen Wilde auf der Spur; so unaufhaltsam irrten seine Augen nach allen Seiten; eine wilde Aufregung hatte sich seiner bemachtigt, und dennoch suchte er vorsichtig den Waldesgrund ab, seine Schritte und Be⸗ wegungen zur Unhörbarkeit dämpfend. Endlich glaubte er den Schimmer eines hellen Kleides zu bemerken und dann mit einem Mal entfärbte sich sein Gesicht, und die Augen nahmen einen drohenden Ausdruck an. Seine Hände ballten sich. War's möglich?

War es wirklich Hedwig, seine angebetete Hedwig, welcher der Major knieend seine Huldigung darzubringen wagte? hier in tiefster Waldeinsamkeit? Sie hatte den Kopf ein wenig zur Seite gewandt, aber Georg glaubte ihr holdes Erröthen und den siegesgewissen Strahl ihrer Augen deutlich wahrzunehmen. Weigerte sie dem Major die Blume, welche sie in der Hand hielt, und welche Georg vorher an ihrem Kleide befestigt gesehen? Oder verlangte er etwas Anderes etwas, welches das Bündniß zwischen ihnen besiegeln sollte?Hedwig!

Ein fast verzweifelter Ruf war es, welcher laut und scharf durch den Wald schallte; das Echo brachte ihn vervielfältigt zu⸗ rück. Und das Mädchen stand da wie erstarrt. Doch nur einen Augenblick. Dann, nach einer Entschuldigung gegen den Major, schritt sie langsam und majestätisch auf Georg zu. Wie eine zürnende Göttin stand sie vor ihm, der mit flammenden Augen ihr entgegensah.Warum schleichen Sie mir nach? fragte sie kurz und kalt und doch verwirrt den Blick senkend.

Weil ich's nicht ertragen konnte, Sie Ihrem Verderben zu⸗ eilen zu sehen. Hedwig, ich bitte, ich beschwöre Sie: Hören Sie mich an! Der Major

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