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wohl an, ihre Verzeihung zu erbitten, statt sich so hochmüthig fern zu halten.“
Der weißhaarige Bauer aber klopfte bedächtig seine Pfeife aus und schwieg— er hatte sich mit keinem Worte in den ehe— lichen Zwist der Tochter gemischt.
Nun fiel der erste Schnee. Wieder stand Lisa in der Dämme⸗ rung unter dem Thorwege und spähte die Straße hinauf, die unter der Schneedecke sich schier endlos zwischen ihr und ihren Lieben zu dehnen schien. Morgen war Christabend! Lisa's Herz krampfte sich zusammen. Christabend!— Wie die Erinnerung an vergangene Christabende da leuchtend vor ihr aufstieg: die freundliche Straße, in der sie gewohnt, wo aus jedem der kleinen Häuser heller Lichtschein auf das schneebedeckte Pflaster fiel. Und drinnen, in ihrer eigenen Wohnung, in ihrer sauberen, behaglich eingerichteten Stube der weißgedeckte Tisch, darauf sie stolz ge⸗ schäftig ihre kleinen Gaben ausbreitete, während süßer Kuchen— duft sich mit dem Aroma des eben zubereiteten Weihnachtspunsches mischte. Da— wohlbekannte Tritte auf dem Flur— ihr Mann stampft den Schnee von seinen hohen Stiefeln ab und trägt ihr die Tanne in's Haus, die er draußen im Holzschuppen in den Kübel gepflanzt und mit Lichtchen versehen hat— aus der Küche aber klingt helles Kinderlachen und frohe, erwartungsvolle Rufe— o, wie das Alles deutlich vor ihrem geistigen Auge steht, so greif— bar deutlich, daß sie plötzlich laut aufschluchzt, wie sie jetzt um sich blickt und nichts ihrem Auge begegnet, als die öde, öde, weiße Fläche! Wie war sie doch thöricht gewesen, um eines über— eilten Wortes willen sich von Allem loszusagen, was ihr das Leben lieb und werth gemacht! Er allein trug nicht die Schuld, auch sie war unverständig, heftig und empfindlich gewesen.— In Thränen ausbrechend, eilte sie in das Haus zurück und schloß sich in ihrem ehemaligen Mädchenstübchen ein.
Hell und strahlend stieg am nächsten Morgen die Sonne über der glitzernden Schneefläche empor. Heute war die Straße un— gewöhnlich belebt, denn aus dem Dorfe und von den Bauern— höfen zog heute mancher zur Stadt, um Waaren dort abzusetzen oder selbst Einkäufe zu machen. Auch der Landbote, der mit der Kiepe auf dem Rücken allwöchentlich einmal kam, etwaige Be— stellungen einzuholen, war heute schon frühe hinaufgewandert, und gegen den sinkenden Abend stand Lisas Mutter vor dem Thore und schaute nach ihm aus; sollte er doch zur Festesfeier noch feines Weizengebäck und Honigkuchen mitbringen. Außerdem hatte der„alte Schmitz“ auch immer Zeit, einen Schnaps zu trinken und dabei alle Neuigkeiten des Städtchens zu erzählen, und den Genuß dieses Plauderstündchens ließ sich Frau Fechel so bald nicht entgehen.
„Das ist'mal ein prächtiger Ehristabend,“ leitete sie denn auch die Unterhaltung ein, indem sie dem Boten verschiedene Packete abnahm.
„Freilich ja, ein schöner Abend“— weißes Christfest, grüne Ostern, so muß es sein. Aber für manchen giebt es heuer doch ein traurig Fest—— da unten, meine ich—“ dabei deutete er mit dem Kopfe nach dem Städtchen hin.
„Trauriges Fest— für wen denn?“ fragt Frau Fechel, deren Neugierde erwacht ist, indeß Lisa von unerklärlicher Unruhe getrieben näher tritt—„was hat es denn gegeben?“
„Ein schlagendes Wetter hat es gegeben,“ berichtet der Bote mit selbstzufriedener Wichtigkeit; ein schlagendes Wetter in der Fortunagrube. Zu Dutzenden holte man eben die Todten und Verwundeten herauf— das Jammergeschrei der Weiber und Kinder war schrecklich anzuhören.“
In der Fortunagrube! Das war ja die Grube, wo Lisas Mann als Steiger angestellt war. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesichte gewichen— heftig umklammerte sie den Arm des Unglücksboten.
„Ist Heinrich Dormann auch unter den— unter den—
Verunglückten?“ Der Bote erschrak.
„O, Frau Dormann— es thut mir leid— ich— wußte nicht, daß Sie hier seien——“
„Ist er darunter?“
„Gewiß nicht, daß ich wüßte. Aber ich habe nicht alle Namen gehört, liebe Frau Dormann—“
Lisa ließ ihn nicht ausreden; schon war sie in das Hans
ö geeilt, und als ihre Mutter,
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welche sich noch Einzelheiten der
Katastrophe berichten ließ, ihr dorthin nachfolgte, fand sie behaglichen Stube den alten Bauer allein am Feuer sitzen; daß sie diesen von dem Vorgefallenen verständigt, als Lis schon in Hut und Mantel die Treppe hinab kam. V blickte sie von einem zum andern. 8
„Du hast es dem Vater schon gesagt, Mutter,— ich gehe nun heim—— ich muß gehen— und—“ Thränen stickten ihre Stimme.
„Aber, Lisa, ich sehe nicht ein, weshalb Du jetzt gehen solltest,“ redete die Mutter ihr entgegen,„wenn dem Heinrich etwas ge— schehen wäre, hätte Schmitz doch auch davon gehört. wollen wir draußen noch eine Weile acht haben; es ko gewiß noch Leute vorüber, die Genaueres wissen werden. dann ein Unglück geschehen, so ist noch immer Zeit hinzu — jetzt aber bleibst Du wo Du gut bist und niemand rau Dir ist.“—
Da aber legte sich der alte Bauer in's Mittel. 2
„Du lässest das Kind gehen, Frau,“ befahl er mit einer sonst an ihm ungewohnten Bestimmtheit.„Sie thut recht und bin froh, daß sie endlich einsieht, was ihre Pflicht ist. Und nun eile, Lisa, und Gott lenke alles zum Besten!“ schloß er in sei schlichten Frömmigkeit. Lisa küßte ihn weinend auf die Stirn, reichte der unzufrieden blickenden Mutter die Hand, trat dann den Heimweg an, so schnell ihre Füße sie zu trag vermochten. Nie war ihr der Weg zur Stadt so lang erschienen als heute, wo ihre Gedanken ängstlich ihren Schritten voraus⸗ eilten. Was würde ihrer daheim warten? Und als endlich das Städtchen erreicht war, wollte ihr fast der Herzschlag stocken;— — wie sonst wohl fiel hie und da heller Lichtschein auf die Straße, doch die Gruppen, welche allenthalben umherstanden, trugen kei heiter festliches Gepräge; leises Weinen, lautes Schluchzen an Lisas Ohr. Eilig schritt sie weiter; zu fragen wagte sie — ihr bangte zu entsetzlich vor der Antwort, welche ihr we könnte.
Und da war ihre eigene Wohnung! Weit offen stand Hausthüre; in der seitwärts liegenden Küche flackerte das H feuer hell auf, und bei dem züngelnden Scheine erkannte ihre beiden Kleinen, wie sie Hand in Hand in die Herdecke schmiegt, aus erschreckten Kinderaugen scheu und angstvoll eine am Boden hingestreckte Männergestalt starrten. Lisa w hinein, und die armen Kleinen, die langentbehrte Mutter erkenn stürzten ihr entgegen und umklammerten ihre Kniee. Aber kindliche Jubel war gedämpft; das beklemmend Unheimliche starren Gestalt am Boden wirkte auch auf das Kindergem
„Vater hat noch gar nicht mit uns gesprochen, seit die Mo ihn gebracht haben, Mutter,“ flüsterte das Mädchen ängstlie
Vor Lisas Augen legte sich eine blutige Wolke— kei Wortes mächtig starrte sie in das von Rauch und Staub schwärzte Gesicht des todten Mannes, dann brachen ihr die und sie sank neben der Leiche zusammen. In ihrem Hirne h nur der eine Gedanke Platz, daß Gott sie gestraft habe für Thorheit. Es war gekommen, wie sie es den endlos langen hinauf immer gefürchtet zwischen Hoffen und Bangen. war von ihr gegangen und kein Liebeswort vermochte mehr, zurückzurufen. Nichts in der Welt konnte es ungeschehen m daß sie im Streite von ihm geschieden, daß er in Zorn und G ihrer gedacht. Nun war's vorbei für immer, immer!
„Lisa, mein Herz!“ sagte da eine Stimme hinter ihr. Männerarme umfaßten die ohnmächtig Schwankende, V und richteten sie auf. a
Unversehrt, mit ernsten und doch glückstrahlenden 2 stand ihr Gatte vor ihr, und hilflos weinend schlang Arme um seinen Hals. f
„O, Heinrich, Heinrich!“ f f
„Ich wäre schon heute gekommen Dich zu holen,“ sagte ihr in die Augen blickend.„Ohne Dich wäre es ja doch „Christabend“ gewesen für mich und die Kleinen. das Unglück geschah, mußte ich zur Stelle bleiben und! 5 soviel zu helfen war. Und einen mitleidigen Blick auf den Todten werfend, fuhr er gedämpften Tones fort:„Du glaubtest we ich sei's— nicht doch, es ist der arme Janser von hier n an. Die Träger haben ihn nur in's falsche Haus getre ich kam eben deswegen.“
—
Dein


