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Sprache und Manieren der feinen Welt habe, kann man füglich nicht von ihr verlangen; ihre Ausdrucksweise klingt etwas vulgär, dagegen besitzt sie eine natürliche Anmuth, um die manche sorg⸗ fältig erzogene junge Dame sie beneiden dürfte.“
„Und eine reizende Art, sich zu kleiden,“ höhnte Edith wieder, unbeirrt durch der Mutter scharfe Bemerkung.„O, dies harte Blau, womit sie ihre Toilette so reichlich ausgestattet, es that einem ordentlich weh. Und erst diese unmöglichen Handschuhe! Hu, mir ist, als röche das ganze Zimmer nach Fleckenwasser!“
„Die Handschuhe waren freilich arg,“ lachte die inzwischen wieder zurückgekehrte Elisabeth,„nicht wahr, Mama, sie wird es mir nicht übel nehmen können, wenn ich sie bedeute, daß man hier dergleichen nicht trägt? Sie scheint doch ein recht gutes, be— scheidenes Mädchen, und Augen hat sie, oh, Augen und Haar, um das ich sie beneiden möchte!“
„Wenn Du Dir nicht bewußt wärest, in Bezug auf Augen und Haar auch selbst recht gut fortgekommen zu sein!“ neckte ihr Bruder, der sich jetzt auch eingefunden und die letzten Worte gehört hatte, mit strahlendem Gesicht.„Nicht wahr, sie ist schön, und ebenso gut und liebenswerth wie schön!“ setzte er mit flammen⸗ der Begeisterung hinzu.„O Mutter, Du bist doch die liebste, beste Mama auf der ganzen Welt, und ich bin gewiß, daß mein süßes Käthchen sich auch Dir in's Herz stehlen wird, und Du Dich mit meiner Wahl versöhnen wirst, wenn Du ihr lauteres, schönes Gemüth erst besser kennen wirst!“—
Die Arme um der Mutter Hals schlingend, küßte er ihr zärt⸗ lich Mund und Wange und sie strich ihm liebkosend die schweren Haarsträhne aus der jugendlich weißen Stirn. Eine andere Antwort auf seine hoffnungsselige Bemerkung erhielt er jedoch nicht.
5
Seit mehreren Tagen weilte Käthe in der Familie ihres Verlobten, ohne derselben irgend wie näher getreten zu sein. Zwar behandelte man sie mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit, ein innigeres Verhältniß aber wollte sich noch immer nicht anbahnen. Am ehesten war dies noch mit Elisabeth der Fall, welche in ihrer Herzensgüte mitunter Mitleid mit dem jungen Mädchen empfand, dessen schüchterne Annäherungsversuche an der eisigen Höflichkeit Edith's und der würdevollen Zurückhaltung der Senatorin gleich— mäßig abprallten. Elisabeth war denn auch die einzige, welche hin und wieder dem Herzensbedürfnisse Käthchens, von dem fernen Vaterhause und ihrem bisherigen Leben zu reden, mitleidig ent— gegenkam. Denn zu ihrer eigenen Verwunderung mußte sie es sich eingestehen, nie war ihr die Heimath in freundlicherm, lieb⸗ licherm Lichte erschienen als jetzt, wo doch die glanzvolle Wirklich— keit, welche sie umgab, selbst ihre kühnsten, ehemaligen Träume in den Schatten stellte. Und doch, woran lag es nur, daß jene Träume dennoch schöner gewesen? Gisberts Familie war doch stets gütig zu ihr, er selbst hing nach wie vor an ihren Blicken, und doch war da etwas, das sich wie ein kühler Schatten auf all' ihr freudiges Empfinden legte, etwas dem sie keinen Namen zu geben wußte, und das sie doch im tiefsten Innern bitter em— pfand. So gestern noch, als sie im Salon gewesen, als gerade eine alte Dame, die Baronin Wahlen, mit ihrer ebenfalls ält— lichen Tochter der Senatorin einen Besuch abgestattet. War es Zufall oder Absicht, daß man bei den Vorstellungen ihren Namen stets so flüchtig aussprach, daß der Besuchende sich denselben un— möglich zu merken vermochte? Jedenfalls hatte das ältere Fräu— lein, mit einem kritischen Blicke auf Käthe's blau und graue Seidenrobe und den allzu reichlich angewandten Goldschmuck ein weiteres Nachforschen für nöthig gehalten.
„Fräulein von Steffens; ah?“ machte sie mit halb zugekniffenen Aeuglein;„von den L.. er von Steffens, vermuthlich?“
Der musternde Blick im Verein mit dem affektirten Tone hatte Käthe's Blut in Wallung gebracht. Das Köpfchen zurück⸗ werfend, versetzte sie mit Nachdruck:„Nein, ich bin vom Rhein zu Haus und heiße nicht von Steffens, sondern Käthe Steffens kurzweg.
„Ah, ich bitte zu entschuldigen— also vom Rheine?— Das hätte ich mir eigentlich gleich denken können,“ lächelte die Andere verschmitzt.„Gewiß ein wissensdurstiges Professorentöchterlein, das den gelehrten Herrn Papa auf die Ferienreise hat begleiten
dürfen. O, ich finde es ein so sehr beneidenswerthes Loos, als das Kind eines Gelehrten zur Welt zu kommen!“ flötete das ält— liche Fräulein weiter, während es mit verzückten Augen voll zu Gisbert aufblickte. Käthe's Wangen glühten, und schon wollte sie mit gewohntem Freimuth gegen die Professorentochter Protest einlegen, und sich offen zu dem Papa Gastwirth bekennen, als ein heftiger Hustenanfall der Senatorin das Gespräch plötzlich abbrach.
„O, Mama, Du wirst Dich doch nicht erkältet haben!“ rief Edith, mit einer ihr sonst fremden Besorgniß auf die Mutter zueilend.
„Soll ich Dir Deine Pastillen holen, Mama?“—„Gewiß sind wir gestern Abend zu lange im Freien geblieben, Mama!“ — schwirrte es in besorgten Tönen durcheinander
Käthe jedoch, so unbefangen sie bis dahin gewesen, hatte mit schnell gereiftem Verständniß den kleinen Kunstgriff wohl durch— schaut; unwillkürlich richtete ihr Blick sich auf Gisbert, doch dieser hielt die Augen beharrlich gesenkt und studirte angelegentlich das Teppichmuster. Gisbert, derselbe Gisbert, der bei seiner Werbung ihre eignen Bedenken in den Wind geschlagen und so schöne Worte von Adel der Seele, Gleichberechtigung aller Stände ge— redet, auch er schämte sich ihrer Herkunft, hier vor dieser alten, steifnackigen Dame und ihrer häßlichen affektirten Tochter. So waren jene Versicherungen wohl nur hochtönende Worte gewesen und seine Ueberzeugung hielt schon der ersten Probe nicht Stich! Nicht daß Käthe sich Alles dies mit klaren Worten vor die Seele geführt; dazu war sie noch nicht reif; wohl aber empfand sie den Widerspruch, der in den Betheurungen ihres Verlobten und seiner jetzigen Handlungsweise lag, und ihr Stolz fühlte sich empfindlich verletzt. Die Augen auf die kleine Perlenstickerei in ihren Händen gerichtet, saß sie noch eben wortkarg da, als die beiden Besucherinnen den Salon bereits längst verlassen hatten.
Der nächste Abend fand die ganze Familie Volkmar in ihrer Loge im Theater. Es war dies der erste Theaterabend der beginnenden Saison, und dieselbe wurde mit„Maria Stuart“ eröffnet. Zwischen den beiden, mit vollendetem Geschmacke ge— kleideten Schwestern saß das Wirthstöchterlein vom Rheine, das heute in Bezug auf Toilette gleichfalls ein Uebriges gethan zu haben glaubte. Sie hatte zu Ehren des Tages ihr„Bestes“, ihr Blauseidenes mit weißen Spitzen angelegt, und wenn sie auch noch so sehr von dem eleganten Schwesterpaare abstach, so ließ sich doch nicht leugnen, daß sie ganz allerliebst aussah. Es war darum auch nicht zu verwundern, daß sich alsbald verschiedene Operngucker nach der Volkmar'schen Loge emporrichteten, wo drei so jugentlich schöne Gestalten einander den Rang streitig zu machen suchten. Die schönen, stolzen Töchter der Senatorin war man gewohnt an dieser Stelle zu sehen— wer aber war dies liebliche Heckenröschen zwischen den majestätischen Lilien?
„Wohl ein reizendes Kousiuchen vom Lande!“ meinte ein junger Referendar in der gegenüberliegenden Loge.„Was dieser Volkmar Glück hat!“
„Hm, ich entsinne mich nicht, daß je von einer solchen Kousine die Rede gewesen,“ bemerkte ein junger Dragoneroffizier, die Spitzen seines röthlich blonden Schnurrbartes in die Höhe drehend;„vor— gestern war die Familie auf einer Spazierfahrt begriffen, als ich Besuch dort machen wollte— werde doch sehen, ob ich morgen nicht besseres Glück habe.“
„Sollten Sie denn keine Einladung zu morgen haben, Mink— witz?“ fragte ein hübscher, fein aussehender Mann, der mit den beiden andern Herren die gleiche Loge inne hatte, morgen ist ja solennes Dejeuner bei Volkmar's. Ich erhielt die Einladungs— karte, als ich eben im Begriffe war hierher zu kommen.“
„So werde ich die meine wohl später finden, ich bin vom Kasino aus direkt hierher gegangen,“ gab der andere nachlässig zurück.„Aber so sehen Sie doch diese Augen der Kleinen! Wenn das keine Seelenspiegel sind, wie es in Romanen zu heißen pflegt! Jede Regung spiegelt sich darin wieder.“ Lieutenant von Mink⸗ witz hatte nicht zu viel gesagt. Es war das erste Mal, daß Käthe sich in einem größern Theater befand. Was sie bisher gesehen, beschränkte sich auf etliche Lustspiele und burleske Schwänke auf den sehr primitiven Bühnen kleiner Wandertruppen, wo die nicht kritisch veranlagten Zuschauer für ihr Eintrittsgeld auch ordentlich was zu lachen fanden. Ein Genuß gleich dem
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