Ausgabe 
16.9.1888
 
Einzelbild herunterladen

K **

298

Genugthuung wahrnahm, wirklich mit zartfarbener Seide bekleidet waren. Dabei fiel es dem, der gesellschaftlichen Formen unge wohnten Kinde auf, daß Gisbert den schmalern Vordersitz einnahm; eilfertig schob sie die bauschigen blauen Seidengarnierungen ein wenig beiseite, und bemerkte lächelnd, neben ihr sei noch eine ganze Menge Platz. Der komische Mensch! Gewiß war er wieder so sehr in ihren Anblick versunken, daß er gar nicht verstanden, was sie gesagt, denn er schüttelte nur leise mit dem Kopfe, während seine Augen wie gebannt auf ihrem schönen Antlitze ruhten. Doch auch sie dachte nicht daran, ihre Aufforderung zu wieder⸗ holen; jetzt, wo der nächste Augenblick sie denen gegenüber stellen sollte, die in Zukunft ihre nächste Familie ausmachen sollten, klopfte ihr das Herz doch wieder bange und stürmisch. Es wäre ihr nicht möglich gewesen zu sprechen, ja, selbst das Denken fiel ihr schwer. Doch da hielt auch bereits die Equipage vor einem hohen, stattlichen Gebäude hier also sollte ihre künftige Heimath sein! Ein Bedienter öffnete den Schlag; Gisbert sprang heraus, half seiner Braut beim Aussteigen und geleitete sie dann die breite, teppichbelegte Treppe hinauf, welche aus der geräumigen, mit hohen Blattpflanzen und marmornen Göttergestalten ge schmückten Vorhalle zu dem ersten Stockwerke hinaufführte. Arme Käthe! Ihr ward immer beklommener zu Muthe. Auf eine Art Feenpalast war sie ja immer gefaßt gewesen, aber hier sah es ja ungefähr so aus, wie in dem Museumssaale, wohin ihr Vater sie einmal mitgenommen, und nun gar diese Treppe mit dem Geländer aus vergoldeter Bronze! Auf den obern Treppenstufen trat dem hinaufsteigenden Paare eine ältliche Frau entgegen, zier lich und sauber in feinem, schwarzen Wollkleide, eine weiße Blondenhaube auf dem schlicht gescheitelten Haare. Schon suchte Käthe sich von Gisbert's Arm los zu machen, um die vermeint liche Senatorin respektvoll zu begrüßen, als diese sich tief ver neigte, und Gisbert sie mit einem freundlichen:Ah, da sind Sie ja, Frau Felten, anredete.Wollen Sie Fräulein Steffens in ihr Zimmer führen, ihr eine Erfrischung besorgen und ihr die Jungfer meiner Schwester zuschicken! Mathis wird das Gepäck sogleich heraufbesorgen.

Heiße Röthe auf den Wangen wegen ihres Fehlgriffs, blickte Käthe befremdet zu dem jungen Manne auf.

Ich soll ich nicht ich dachte, Sie würden mich zuerst Ihrer Mutter vorstellen, Gisbert!

So in ich dachte, Sie würden sich erst Ihres Reisekleides entledigen und sich ein wenig erfrischen wollen, Fräulein Käthchen; in einer halben Stunde werde ich mir erlauben, Sie abzuholen.

Mit einem heißen Blick in das rosige Antlitz seiner Erwählten, überließ er diese einstweilen der Fürsorge der Frau Felten.

Ein leisesah der Ueberraschung entfuhr Käthe's Lippen, als sie nun in die ihr bestimmten Räume eintrat; einem sehr zierlich ausgestatteten kleinen Salon in grauer brochirter Seide und einem reizenden kleinen Schlafgemach in blauem Atlas und gestickten Tüllvorhängen, Alles so reich und doch so behaglich, vom besten Geschmacke zeugend. Beinah' erschreckt war Käthe mitten im ersten Zimmer stehen geblieben mechanisch nahm sie den Hut vom Kopfe und dabei fiel ihr Blick in einen bis zur Erde reichenden Spiegel, der ihre eigene Gestalt in ganzer Größe zurück strahlte, zugleich mit dem Bilde der alten Dame, welche sie vor hin für ihre Schwiegermutter in spe angesehen, und in deren Mienen sich der respektvollen Haltung ungeachtet ein Etwas aus drückte, das dem verlegenen Mädchen erst recht das Blut in die Wangen trieb.

Gestatten gnädiges Fräulein, daß ich einstweilen behülflich bin wenn das Fräulein eine Erfrischung zu sich genommen haben, werde ich sogleich die Jungfer hierher schicken; sagte Frau Felten jetzt, indem sie Käthe half, sich ihres Mäntelchens zu entledigen.

Die Jungfer? ach nein, wozu? meinte Käthe mit naivem Erstaunen.Ich bin gewohnt, mir mein Haar selbst zu ordnen, und will mir nur eben Gesicht und Hände waschen. Es ist un glaublich, wieviel Staub man auf solch' einer langen Fahrt mit bekommt! Und Hunger habe ich auch nicht; ich habe mir schon etwas Proviant von Hause mitgenommen nur ein Glas frischen Wassers möchte ich wohl haben.

Als Gisbert nach einer halben Stunde anklopfte, um Käthe seiner Mutter zuzuführen, fand er sie bereits seiner harrend, und

sie sah in ihrer Erregung so reizend aus, daß er es gar nicht acht hatte, daß ihre Hände noch immer in den verwaschenen, braunen Reisehandschuhen steckten, an denen zum Ueberfluß noch ein paar Nähte geplatzt waren; im Gegentheil beugte er seinen Mund auf das auf seinem Arme ruhende, schlecht behandschuhte Händchen hinab, wie sie zusammen den breiten Korridor entlang gingen.

Wie schön Du bist, mein Lieb! flüsterte er mit er Leidenschaft und den unbewachten Augenblick nützend, um das traulicheDu zu gebrauchen;wer könnte solchem Zauber wider⸗ tehen! g f Die Flügelthüre öffnete und schloß sich wieder; am Arme ihres Verlobten machte Käthe etliche Schritte in das Zimmer hinein, und auf die hohe, gebietende Frauengestalt zu, welche sich nun langsam erhob und dem Paare entgegentrat.

Es ist recht liebenswürdig von Ihnen, daß Sie meiner Ein⸗ ladung, welche mein Sohn Ihnen übermittelt hat, so bald nach⸗

gekommen sind, Fräulein Steffens, redete die lebenskluge Fran 1

das auf eine andere Art des Empfanges vorbereitete Mädchen an, bevor Gisbert noch Zeit gehabt, die Vorstellung seinen Ab⸗ sichten entsprechend, einzuleiten.Seien Sie uns herzlich will⸗ kommen, liebes Kind, fuhr sie dann, nachdem Sie ihrem Gaste somit seine einstweilige Stellung angewiesen, in gütigem Tone fort;ich hoffe, daß Sie eine angenehme Fahrt gehabt haben. Worauf Sie, Käthen's Hand ergreifend, diese ihren Töchtern zu⸗ führte.Meine beiden Töchter, Edith und Elisabeth, welche sich gewiß bemühen werden, Ihnen den Aufenthalt in meinem Hause angenehm zu machen. Höflich kühle Verneigung von Seiten der beiden jungen Damen, verlegener Knicks des verwirrten jungen Mädchens.

Es war wohl das erste Mal, daß Sie eine längere Fahrt allein unternommen? bemerkte die Senatorin weiter, da weder Käthe noch eine der Schwestern etwas sagte.

Ja das heißt es war überhaupt die erste, größere Reise, die ich gemacht, stammelte Käthe.

Und hat es Ihnen wohlgefallen, das Reisen?

Gefallen je nun, eigentlich gar nicht, es ist so lang⸗ weilig und so staubig, brachte der junge Gast wieder hervor.

Es war aber doch ein ungewöhnlich schöner, warmer Tag, mischte sich Gisbert in die spärlich fließende Unterhaltung; 9 früh muß die Fahrt wirklich eine herrliche gewesen sein, weni die Strecke am Rheine entlang. Bei so durchsichtig klarem Wetter ist das immer ein hoher Genuß.

Na ja, für den Fremden mag es wohl etwas Besonderes sein, aber wer den Rhein so alle Tage sieht, macht sich zuletzt nicht viel mehr daraus! lachte Käthchen, allmählich kühner werdend.

Wo dürfen Sie Ihr poetisches Schönheitsgefühl so sehr ver⸗ leugnen! scherzte Gisbert;das sagen Sie wohl nur, um mich zum Widerspruche zu reizen.

Ich, was denken Sie, ich sage immer nur, wie's von mir auch wirklich gemeint ist! versicherte Käthe unbefangen. i

Eine herrliche Eigenschaft, der man nur leider in unsern Kreisen nicht immer huldigen darf, bemerkte Edith mit spöttischem Auflachen.

Was, man dürfte nicht sagen, was man denkt! fuhr Käthe mit ehrlicher Entrüstung auf,aber wenn man das nicht thut, ist man doch unwahr, und unwahr sein ist eine Sünde!

Und Sie vermöchten keine Unwahrheit zu sprechen, Fräulein Käthchen, davon bin ich überzeugt, kam ihr die freundliche Elisabeth zu Hilfe,aber mir scheint, Sie sind doch etwas er⸗ müdet, und es würde Ihnen wohl thun, wenn Sie vor dem noch ein wenig ruhten, nicht wahr, Mama, Du erlaubst doch?

Und froh, der peinlichen Situation ein Ende zu 1 5 5 leitete sie nach einigem Hin- und Herreden des Bruders Verlobte nach deren Zimmer zurück, und dieser selbst schloß sich ihnen an.

Je nun, na ja, ach wo! spottete Edith hinter ihnen drein. Ich muß gestehen, das fängt vielversprechend an! Das sind wohl die Redensarten, mit welchen das Fräulein hinter m tische abwechselnd die Höflichkeiten der akademischen Jugend* die Zudringlichkeiten naturwüchsiger Bauerntölpel abgewiesen!

Nicht diesen Ton, Edith, verwies die Mutter das herd auflachende Mädchen.Ich, im Gegentheil, gestehe, daß ich mir die kleine Dorsschöne noch weit schlimmer vorg Daß sie