Gießen
IV.
In einem Damenkoupee erster Klasse des in der Richtung nach H. abdampfenden Zuges saß Käthe Steffens und weinte herz⸗ brechend in ihr Schnupftüchlein hinein. Ihr war auch gar zu traurig zu Muthe. Nicht nur, daß sie zum ersten Male das Vater⸗ haus verlassen, um so ganz allein in die Welt hineinzufahren, nein, es war auch noch so viel hinzugekommen, um ihr zum Ab— schiede das Herz recht schwer zu machen. Einmal war ihr Vater, der bis dahin jede aufkeimende Rührung unter polternden Worten zu verbergen gewußt, in den letzten Tagen doch von sichtbarer Niedergeschlagenheit gewesen. Als es heute Morgen ernstlich an das Abschiednehmen ging, hatte er sich wiederholt die feuchten Augen gerieben und dann behauptet, die Sonne blende ihn. Immer wieder hatte er sie an sein Herz gedrückt, mit einer Zärt⸗ lichkeit, die er sonst nie so zur Schau getragen; seinen Augapfel, sein Alles auf der Welt hatte er sie genannt, und sich überhaupt so aufgeregt gezeigt, daß Käthe, von seiner Liebe gerührt, sich nur um so schwerer loszureißen vermocht.— Wie mochte er jetzt sich einsam fühlen in dem verödeten Hause, wo ihn Alles an die abwesende Tochter gemahnte!— Ach, nie hätte Käthe gedacht, daß es etwas so Schweres sei um das Abschiednehmen!
Aber das war es nicht allein, was ihr das Herz bedrückte. Heinrich Ortenbach, der sich mehrere Tage über nicht hatte blicken lassen, war schon am frühen Morgen erschienen, um ihr ein Lebe— wohl zu sagen.
Auch mit ihm war eine Veränderung vorgegangen, und doch
hätte Käthe nicht zu sagen vermocht, worin dieselbe bestanden. Sein von der Sonne gebräuntes, bärtiges Gesicht zeigte nicht so bald einen Wechsel der Farbe, und doch hatte Heinrich entschieden bleich, ja elend ausgesehen. Er war freundlich und herzlich ge— wesen wie immer, aber es hatte doch etwas Fremdes in seinem Wesen gelegen, etwas, das ihr weh that und das sie nicht zu fassen vermochte. Im letzten Momente erst, als er ihr noch einmal die Hand gereicht, war der alte, warme Herzenston wieder zum Vorschein gekommen. „ HBehüt' Dich Gott, Käthe,“ hatte er tiefbewegt gesagt,„mögest Du alle Hoffnungen erfüllt sehen, welche Du an diese Reise knüpfest. Vergiß aber auch nicht, daß Du hier noch Freunde hast, treue ergebene Freunde, auf die Du immer zählen darfst, gleich⸗ viel wann und unter welchen Umständen. Leb' wohl, und möge Gott Deine Wege lenken!“ a
Noch immer lag ihr der Ton im Ohre, mit welchem Heinrich diese Worte gesprochen, wie bewegt und wie voll treuer Sorge
zu den
Oberhessischen Muchrichten.
5 d e u 16. Septe mb er. f
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Sanft wie die Tauben.
Erzählung von Leonore Werth. (Fortsetzung.)
Fuhr sie denn nicht dem Glücke entgegen, harrte ihrer nicht eine stolze, glänzende Zukunft?
O gewiß, es war nur dies ungewohnte Alleinsein, dieser erste selbständige Schritt in's Leben hinein, der ihr das Herz so schwer und so beklommen machte. Einmal unter dem Dache des Verlobten, in der neuen Heimath, würde sich das schon schnell verlieren! Und ein wenig zuversichtlicher hob sie den zierlichen Kopf, den ein neuer grauer Sammethut mit dunkelblauer Feder schmückte. O, Käthe hatte„Styl“ in ihre Toilette gebracht, man sollte ihr nicht nachsagen, daß sie sich nicht zu kleiden verstände! Das blau garnierte, graue Seidenkleid war von der Schneiderin aufgearbeitet worden—„ganz wie ein neues“, behauptete Käthchen. Dazu das elegante, spitzenbesetzte Mäntelchen, das sie in dem ersten Modemagazin B... s gekauft, der bereits erwähnte Sammethut mit blauer Feder—„weil es ja doch schon auf den Winter ging“— nun, an solchem Anzuge war doch schwerlich etwas auszusetzen! Nur hatte sie sich nicht entschließen können, ein Paar von den schönen, neuen Handschuhen zu opfern, und ein Paar dunkelbraune, einknöpfige Glacés übergestreift, welche die Spuren längern Gebrauches trugen und außerdem einen unangenehmen Benzingeruch verbreiteten, weil sie gestern erst wieder frisch ge— waschen worden. Doch dieser Duft würde zweifelsohne verflogen sein, ehe man H. erreicht— ah, eine lange, lange Fahrt in dem einsamen Koupee. Nebenan in der zweiten Klasse wurde lustig geplaudert, und zuweilen vernahm unsere junge Reisende ein helles Lachen und ein paar abgerissene Worte. Dann lauschte sie wohl mit vorgestrecktem Köpfchen, ob sie nichts von der dort geführten Unterhaltung aufzufangen vermöchte; das lenkte ihre Gedanken denn ab, bis sie allmählich in das dem jugendlichen Alter eigene, wache Träumen versank, das Phantasie und Wirklichkeit mit ein— ander verwebt, und Zukunftsbilder vor die Seele zaubert, vor deren rosigen Schimmer auch die schönste Wirklichkeit in düsteres Grau zerfließen muß.
Es war bereits späte Nachmittagsstunde, als der Schnellzug, der Käthe der Heimath entführt, unter die gedeckte Halle des H. Bahnhofes einfuhr. Klopfenden Herzens spähte das junge Mädchen zum offenen Fenster hinaus, und ihr erster Blick fiel denn auch auf Gisbert, der mit völlig verklärtem Gefichte auf ihr Koupee zueilte.
Ah, es war doch sehr nett, wie er ihr mit vollendeter Eleganz die Hand zum Aussteigen bot, ihr dann den Arm reichte, und den Gepäckschein, den sie ängstlich hastig dem kleinen Geldbeutel⸗ chen entnommen, ohne ein Wort dem Diener reichte, der zuwartend hinter seinem Herrn gestanden. Ein paar Minuten später ruhte Käthe in den weichen Wagenkissen, welche, wie sie mit stiller
hatte das geklungen. Aber weshalb denn sorgte er sich um sie?
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