Ausgabe 
16.9.1888
 
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heutigen war ihr nie geboten worden, und sie lauschte denn auch mit athemloser. Spannung Allem, was auf der Bühne vor sich ging. Die edle, rührende Gestalt der Schiller' schen Maria hatte bald ihr ganzes Herz gewonnen; ihre Augen schimmerten feucht in inniger Begeisterung, und sie hatte es nicht acht, daß sie selbst der Gegenstand vielfacher Aufmerksamkeit geworden. Dafür ge⸗ wahrten die neben ihr sitzenden Gastfreunde dies um so besser, und selbst Gisbert, der unter andern Umständen dieholde Natürlichkeit ihrer eindrucksfähigen Seele bezaubernd gefunden haben würde, fühlte sich hier, gegenüber so viel beobachtenden Augen, äußerst peinlich berührt. Es gelang ihm auch nicht, die starre Aufmerksamkeit des jungen Mädchens in etwas von der Bühne ab- und sich zuzuwenden, denn der leiseste Unterhaltungs versuch, den er zu diesem Zwecke in das Ohr der vor ihm Sitzen⸗ den zu flüstern trachtete, wurde mit beinahe unwilligem Kopf⸗ schütteln abgewiesen. Ein wenig verstimmt lehnte er sich in den Fauteuil zurück sonderbar, daß Käthe, die ihm doch sonst in allen Dingen so feinfühlig erschienen, ihn hier so gar nicht ver stehen wollte das liebe, unbesonnene Kind! Da endlich die große Pause! Gisbert athmete auf nun würde sich ja Gelegenheit finden, Käthe schonend auf ihr auffallendes Be nehmen aufmerksam zu machen!

Für's Erste sollte er indeß noch nicht dazu kommen, da als bald der junge von Kemper in die Loge trat, dem sich gleich darauf der Lieutenant von Minkwitz und noch ein paar andere Freunde des Hauses zugesellten. Adrian von Kemper, der einzige Sohn eines reichen Handelsherrn, und im übrigen Elisabeth's erklärter Bewerber, wandte sich nach erfolgter Vorstellung denn auch zumeist an die Dame seines Herzens, während der schlanke Dragonerlieutenant seine Aufmerksamkeiten zwischen Edith und der kleinen Fremden theilte, und es zwischendurch trefflich verstand, auch der Senatorin seine ehrfurchtsvolle Huldigung darzubringen.

Gnädiges Fräulein scheinen das Theater ganz besonders zu lieben? wandte er sich nach ein paar an die schöne Edith ge richteten Komplimenten über Toilette und Aussehen an das noch ganz in ihre Gedanken versunkene Käthchen.

O, es ist auch zu schön, zu herrlich! rief diese, aus ihren Träumereien auffahrend, im Tone aufrichtigster Ueberzeugung. So was Schönes habe ich noch nicht gesehen! Wie das Alles so wunderschön gesagt ist es durchschauerte mich ordentlich!

Das hatte ich freilich Gelegenheit zu bemerken, gab von Minkwitz lächelnd zurück.Sie lebten vorhin augenscheinlich in einer andern Welt, und Ihre Augen folgten wie gebannt Allem, was auf der Bühne vorging. Gnädiges Fräulein schwärmen wohl überhaupt sehr für unsere Klassiker?

Freundlich blickte Käthe zu dem langen Lieutenant auf. Nein, sagte sie arglos,die Herren da kenne ich gar nicht, und mich interessirt auch hauptsächlich nur die arme Maria Stuart, die ja wohl eine schottländische Königin gewesen sein soll.

Hm bedächtig nahm der Lieutenant sein Glas von den Augen und rieb eine Weile ausmerksam daran herum, wobei es ihm verrätherisch um die Mundwinkel zuckte.Hm, ganz recht, eine Königin von Schottland, und auch nicht ganz so ideal, wie unser guter Schiller sie uns vor Augen führt. Darf man fragen, ob Sie musikalisch find, mein gnädiges Fräulein.

I freilich, ein wenig. Papa hat mir vier Jahre lang Klavier stunden geben lassen, aber so recht vom Blatte zu spielen, das will doch immer nicht gehen.

Sie sollten die Gelegenheit nützen und hier noch Unterricht nehmen, Fräulein Käthe, mischte sich Gisbert mit glühenden Wangen in die Unterhaltung. Der Arme hatte wie auf Nadeln gesessen, und wäre am liebsten mitsammt seinem naiven Bräutchen in einer Versenkung verschwunden. Das war nun wieder ein mal ein Bonmot für den plauderlustigen Lieutenant!

O je, jetzt noch einmal Stunden nehmen wo denken Sie hin, Herr Volkmar? Papa würde mich schön auslachen, wenn ich ihm damit käme und und Heinrich erst!

Dessen Meinung doch hoffentlich nicht maßgebend sein dürfte, lautete die scharfe, wenn auch im Flüstertone gegebene Er widerung.

Ein wenig erstaunt, jedenfalls aber höchlichst amüsirt, be obachtete Herr von Minkwitz die kleine Szene, und die Gedanken, welche ihm in Betreff der reizenden Naiven und ihrer Beziehungen

zu den gesellschaftlich so hochstehenden Volkmar's kamen, waren von dem wahren Sachverhalt nicht weit entfernt.

Zu Gisbert's großer Befriedigung wurde jetzt das Zeichen zum Wiederbeginn der Vorstellung gegeben; die beiden Herren empfahlen sich, der Lieutenant nicht, ohne einen Blick lächelnden Einverständnisses mit der spöttisch dreinblickenden Edith ausgetauscht zu haben. l

Doch für die Volkmar's schienen die Fatalitäten heute kein Ende nehmen zu sollen. Was konnte das arme Käthchen dafür, daß sie bei fremdem Leide, selbst wenn es nur gemaltes Leid war, gar so schnell in Thränen innigen Mitgefühls zerschmolz?

Bis zu der ergreifenden Abschiedsszene war es verhaͤltniß⸗ mäßig gut gegangen. Käthe hatte zwar ihr Tüchlein immer häu⸗ figer an die nassen Augen gebracht, doch war es ihr immer noch gelungen, sich leidlich ruhig zu verhalten nun aber, bei dem herzbewegenden Abschiede, den Maria von ihren Getreuen nimmt, bei dem Schluchzen und Weinen, das von der Bühne herübertönt, hält auch die Spannung ihrer Gefühle nicht mehr aus. Ein lautes Schluchzen, das gemachte Weinen auf der Szene über⸗ tönend, lenkte abermals alle Blicke auf die heute Abend so zwei⸗ sach interessante Loge, wo Käthe, alle Rücksichten vergessend, ihr Gesicht in das thränennasse Taschentuch vergräbt. Gleichzeitig aber fühlt sie sich mit sanfter Gewalt von ihrem Sitze aufgezogen; es ist die Senatorin, welche mit einem kühl höflichen:Ihnen ist nicht wohl, Fräulein Steffens, wir wollen nach Hause sie ohne Weiteres der Logenthüre zuführt. Beschämt, verwirrt, un⸗ glücklich ließ Käthe sich von dem verstimmt blickenden Gisbert den Mantel umhängen, worauf dieser seiner Mutter den Arm bot, um sie zum Wagen zu führen, wohin ihnen Käthe mit den stumm neben ihr herschreitenden Schwestern folgte.

(Fortsetzung folgt.)

Zwei Konzerte. Geschichtliche Humoreske von H. von Remagen. (Schluß.)

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Seit jenem Abend verließ den armen Kontrabassisten der Lebensmuth und der Friede; wie ein Alp lag die finstere Ahnung

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auf ihm, daß ihm ein düsteres Geschick bevorstehe. Seine Kol⸗ legen und auch der Kapellmeister betrachteten ihn mit mitleidigen würde; war auch seine Schuldlosigkeit zur Evidenz erwiesen, so 1 haftete das Odium des fatalen Vorfalles doch trotz alledem zum auch gewisse menschliche Schwächen hatte. Zu diesen gehörte sein überaus gutes Gedächtniß für Ereignisse oder Personen, welche 1

überzeugt war, fiel es ihm schwer, eine gewisse Gereiztheit gegen 1 sie zu unterdrücken. Diese Sorge verbitterte dem Bassisten das grollte. Sonst wurden die Künstler wenigstens einmal w lich in corpore nach Sanssouci befohlen; jetzt waren schon vier wurde die Stimmung in dem Künstlerkreise, immer unwilliger die Blicke, die den Kontrabassisten trafen; immer tiefer beugte mordgedanken tauchten in ihm auf, und wenn er seine und seine Baßgeige nicht gehabt hätte, wenn die zwölf kleinen Leben ein feuchtromantisches Ende gemacht hätte.

Da fuhr in diese schwüle gedrückte Stimmung wie ein heller

Blicken, sie waren alle überzeugt, daß sich bei nächster Gelegenheit großen Theil an seiner Person. Man wußte, daß der alte ihm jemals Verdruß bereitet hatten; er vergaß derartiges niemals, Leben, und sie wurde immer drückender, denn es war nur zu Wochen vergangen, ohne daß die erwartete und ersehnte 1 der Kummer sein graues Haupt, immer schuldiger fühlte er Heidemänner nicht gewesen wären, wenn das Wasser der Spree N lufterinigender Blitz plötzlich der königliche Befehl, die gesamme

ein Gewitter über die Perrücke des armen Heidemann entladen trotz seiner herrlichen menschlichen und Regententugenden d und selbst wenn er von der völligen Unschuld der Betreffenden klar, daß der König der ganzen Kapelle wegen jenes Vorfalles forderung an den Kapellmeister ergangen wäre. Immer mürrischer ö trotz seiner Unschuld. Gräßliche Ideen erwachten in ihm,

weniger schmutzig gewesen wäre, wer weiß, ob er nicht seinem Kapelle solle sich zur gewöhnlichen Zeit in Sanssouci einfinden! N