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„Oh!“ sagte er bewegt.„Die gnädige Frau sind ein Engel und haben ein sehr gutes Herz. Werden die Armen für Sie beten zu dem lieben Gott, der Sie dafür segnen wird.“
Damit erhob sich Herr von Schmielinski und griff nach seinem feinen Seidenhut, um sich zu empfehlen, was aber die Amts⸗ räthin nicht zugeben wollte.
„Sie dürfen noch nicht gehen, bevor ich Sie meiner Familie vorgestellt habe, die sich gewiß sehr freuen wird, Sie kennen zu lernen.“
„Wird mir eine große Ehre sein.“
Auf den Ruf der Tante erschien alsbald die Stadträthin mit sämmtlichen Angehörigen, denen Herr von Schmielinski als der glückliche Finder des geliebten Zampa förmlich vorgestellt und der demgemäß von Allen auf das Freundlichste aufge⸗ nommen wurde.
Er selbst gefiel sich so gut in dem Kreise seiner neuen Be— kannten, daß er nicht nur länger blieb, sondern sogar auf die Bitte der Amtsräthin sich erweichen ließ, an dem Mittagessen der Familie theilzunehmen und zur Feier des glücklichen Ereig— nisses ein Glas Wein auf Zampa's Wohl zu leeren.
„Aber,“ entschuldigte sich die Stadträthin,„Sie müssen vor⸗ lieb nehmen, Herr von Schmielinski, mit unserer einfachen bürgerlichen Kost, da wir auf einen solchen Gast nicht einge— richtet waren.“
„Oh!“ versetzte er galant.„Meinetwegen bitt' ich keine Umstände zu machen. In Gesellschaft der Damen wird es mir schmecken wie Nektar und Ambrosia, besser als bei dem ersten Restaurant der Welt.“
Mit dem Anstand eines vollendeten Kavaliers reichte Herr von Schmielinski der Amtsräthin seinen Arm, die sich nicht wenig von seiner Aufmerksamkeit und seinen Komplimenten ge⸗ schmeichelt fühlte und von den feinen Manieren ihres Gastes ganz entzückt war.
Bei Tisch erst entfaltete er seine ganze bezaubernde Liebens— würdigkeit, eine wahrhaft bewundernswerthe Gabe der Unter— haltung, welche durch seine eigenthümlich gebrochene Sprache noch einen besonderen Reiz erhielt.
Mit großer Lebhaftigkeit erzählte Herr von Schmielinski von seinen großen Reisen, von seinem längeren Aufenthalte in Paris,
Ostende, Baden-Baden und Nizza, von dem Leben und Treiben
der großen Welt und von seinen vornehmen Bekanntschaften mit der hohen und höchsten Aristokratie aller Länder, wobei er in amüsanter Weise Wahrheit und Dichtung mit einander ab— wechseln ließ.
„Sie sind wirklich zu beneiden,“ sagte die Amtsräthin.„Das lass' ich mir gefallen, das heißt sein Leben genießen.“
„Alles recht schön!“ versetzte Herr von Schmielinski mit einem leichten Seufzer,„wenn nur nicht das Alter wäre.“
„Sie dürfen doch nicht vom Alter reden!“
„Bin ich vierzig alt und habe viel durchgemacht, für mein
Vaterland gefochten und geblutet in der polnischen Revolution
von 1863 unter Mieroslawski und Langiewicz und dabei ver— loren mein halbes Vermögen. Mußte ich fliehen nach Paris zu meinem alten Freunde und Landsmann, dem Grafen Walewski, der mich vorstellte dem Kaiser Napoleon in St. Cloud. War ich sehr beliebt bei dem Kaiser, lud er mich zu allen Jagden ein und wollte er mir geben eine Anstellung als Ober-Jägermeister, weil ich ein so guter Schütze war. Sollte ich auch heirathen eine Hofdame von der Kaiserin Eugenie, konnte sie aber nicht leiden und mußte darum Paris wieder verlassen auf kaiserlichen Befehl.“
„Höchst interessant!“ bemerkte die Amtsräthin.„Doch gestehen Sie mir, Sie waren gewiß schon damals in eine andere Dame verliebt.“
„Liebte ich nur mein armes Vaterland und meine gute Mutter. Schade, daß sie nicht mehr lebt, meine Mutter. War sie eine excellente Frau, schön wie die schöne Helena, keusch wie die Lukrezia und tugendhaft wie die Mutter der Gracchen; eine geborene Gräfin Blinski und verwandt mit dem Fürsten Radziwill. Hat sie auch gekannt den König von Preußen und mit ihm getanzt eine Polonaise auf dem Ständeball. Ist sie dann ge⸗ gangen nach Berlin und hat den König so lange gebeten, bis er ihr bewilligt hat eine Amnestie, daß ich wiederkommen durfte
und die Güter übernehmen, die ich geerbt habe von meinem seligen Vater an der Grenze von Polen.“
„Das freut mich von ganzem Herzen.“
„Hab' ich leider noch immer großen Verdruß und vielen Kummer wegen meiner Güter, weil diese schlecht bewirthschaftet und ruinirt worden sind, während ich in der Fremde war. Will ich sie darum verkaufen oder eine Hypothek aufnehmen, weshalb ich mit hiesiger Bank in Unterhandlung stehe.“
Alle diese Mittheilungen, welche keiner der Anwesenden zu bezweifeln wagte, trugen nur noch dazu bei, die Theilnahme und die günstige Meinung der Amtsräthin für den liebenswürdigen Mann zu erhöhen, der durch seinen adeligen Namen, elegantes Aeußere und vornehme Bekanntschaften ihr so sehr imponirte, daß er ihr für solche Vorzüge nur zu sehr empfängliches Herz im Fluge eroberte. Auch die übrige Familie ließ sich von dem einschmeichelnden Wesen und den gesellschaftlichen Gaben ihres Gastes um so leichter bestechen, als das Urtheil und das Be— nehmen der Tante für sie in jeder Beziehung maßgebend war und sie außerdem zu sehr mit sich und ihren eigenen Angelegen— heiten beschäftigt waren, um auf die kleinen Blößen und Schwächen des Fremden zu achten, der ihnen durchaus harmlos und unge— fährlich erschien.
Als sich Herr von Schmielinski endlich nach mehrstündigem Verweilen verabschiedete, forderte ihn die Amtsräthin dringend auf, seinen Besuch so bald als möglich zu wiederholen, was er auch zu thun versprach.
„Mit großem Vergnügen! Werde ich kommen, wenn Sie erlauben, Sie zu sehen, weil Sie mich erinnern an meine gute verstorbene Mutter, wie sie noch war eine schöne, junge Frau.“
Mit diesem galanten und wohl berechneten Kompliment empfahl sich der liebenswürdige Gast von der entzückten Amts⸗ räthin und ihren Angehörigen und auch von dem lieben Zampa, der mit seinem Schwanze ihm freundlich zuwedelte und die all— gemeine Bewunderung für seinen Finder zu theilen schien.
(Fortsetzung folgt.)
In der Heimath. Novelle von Hermann Birkenfeld.
„Morphium!“ seufzte der achtzehnjährige Lehrling in der Elephantenapotheke zu Kirchberg und fuhr ein paar Mal mit den unbehülflich langen Fingern durch seinen dunkelwallenden Haarbusch.„Wenn Sie es nur immer vorsichtig anwenden, Sophiechen! Mit solchen Medikamenten ist nicht zu spaßen.“
„Der Doktor Zange wird doch wissen, was er unserer Frau verschreibt, also geben Sie nur her, Herr Schruller,“ entgegnete Sophiechen, keineswegs sehr freundlich ob der Zweifel des Pharma— zeuten an ihrer Anstelligkeit.
„Doktor Zange! Das ist eine Pferdenatur. elfenhafte—“ 5
Alexander Schruller führte den Vergleich nicht aus. Wozu auch? Das Bauernmädel da würde ihn doch nicht verstehen. Er begnügte sich mit einem schmerzlichen Emporwerfen seines elegischen Augenpaares, begleitet von einem neuen Seufzer.
„Ich wollte, Sophiechen, ich selbst wäre draußen in Südlohn und dürfte darüber wachen, daß keine rohe Natur leichtsinniger⸗ weise die Dosis zu stark bemißt für die zarte Pflanze, die es dort zu hüten giebt.“
Sophiechen sah den jungen Herrn aus ihren blau- grauen Augen ziemlich verwundert an.
„Was Sie da sagen, verstehe ich nicht. Unsere Frau hat doch, so lange ich da bin und unser Fräulein, immer noch ihre Pflege.“
„Ach ja, ach ja, Sophiechen,“ jammerte Alexander.„Aber—“
Wie ganz anders wollte ich sie pflegen, diese stille, sanfte Dulderin, wie wollte ich sie hüten, ich—— Alexander dachte das alles nur, er hatte eben eine leidlich lebhafte Phantasie, obgleich auch er, wie Sophiechen, auf Südhorner Feld groß ge⸗ worden war. Sie litt! Mit wahrhaft tragischer Geste etikettirte er das Fläschchen und krönte es mit dem obligaten Häubchen von blauem Glanzpapier. Ein rascher, fester Tritt über die
Aber Ihre


