Ausgabe 
15.7.1888
 
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wie eine verzweifelte Mutter, die ihr verlorenes Kind sucht, dem Flüchtling nach, gefolgt von dem armen Referendar, der im Stillen das ihm verhaßte Vieh verwünschte.

Zampa, Zampa! jammerte die Tante im höchsten Sopran.

Zampa, Zampa! brüllte Ludwig im tiefsten Baß.

Aber so laut sie auch ihre Stimmen erhuben, so weit sie auch spähten und blickten, nirgends zeigte sich eine Spur von dem verlorenen Affenpintscher. Wie die unglückliche Lenore in Bür⸗ ger's Ballade ihren todten Wilhelm suchte, so irrte die Amts⸗ räthin auf der Eisbahn auf und nieder und erkundigte sich bei den Vorübergehenden, ob sie nicht ihren Zampa gesehen?

Keiner konnte oder wollte ihr Auskunft geben und nur die Kinder kicherten und schrieen hinter ihr:Zampa, Zampa! Empört über den Spott der ungezogenen Rangen, eilte sie immer weiter, bis sie die zurückkehrende Else und den Assessor traf, denen sie unter Thränen mit herzbrechenden Worten ihr furchtbar tragisches Geschick erzählte.

Beide erboten sich sogleich, mit ihr den verlorenen Affen pintscher zu suchen, aber alle ihre Bemühungen waren vergeb lich und auch die gemeinschaftlichen Nachforschungen blieben ohne Erfolg; weshalb Ludwig vorschlug, die unnütze Jagd nach dem Hunde aufzugeben und nach Hause zu gehen.

Ich werde nicht fortgehen, versetzte die Tante,bevor ich meinen armen Zampa gefunden habe.

Mein Gott! Wir können uns doch nicht wegen des dummen Hundes bis in die sinkende Nacht auf der Eisbahn herumtreiben.

Du bist ein Barbar, ein herzloser Egoist, fuhr die Tante mit vor Zorn funkelnden Augen auf ihn los.Wenn Du besser aufgepaßt hättest, wäre das Unglück mir nicht passirt.

Klüger als der unbesonnene Referendar, suchte der schlaue Assessor die aufgeregte Dame zu beruhigen, indem er ihr vor stellte, daß der kluge Zampa, geleitet von seinem glücklichen Instinkt, gewiß den Weg zu der Wohnung der Stadträthin ge funden haben und sie daselbst in aller Behaglichkeit erwarten würde.

Durch diese Hoffnung neu belebt, ließ sich die Tante endlich bewegen, die Eisbahn zu verlassen und den Rückweg anzutreten. Leider wurden ihre Erwartungen getäuscht, da der geliebte Affen pintscher trotz seines gerühmten Instinkts und seiner treuen An hänglichkeit nicht wiedergekommen war.

Von Neuem überließ sich die unglückliche Amtsräthin ihrem gerechten Schmerz, klagte und jammerte sie, untröstlich über ihren Verlust. Zur Abwechslung überhäufte sie den armen Referendar mit den heftigsten Vorwürfen und Beschuldigungen, als ob er ein todeswürdiges Verbrechen an ihr begangen hätte.

Thu' mir den einzigen Gefallen, bat die Stadträthin ihre bekümmerte Schwester,und rege Dich nicht auf; Du schadest nur Deiner uns Allen theuren Gesundheit. Ich bin fest über zeugt, daß der liebe Zampa sich wiederfinden wird. Wir wollen noch heute eine Anzeige in die Zeitungen schicken und einen Anschlag an die Säulen machen lassen. Wenn wir eine an gemessene Belohnung aussetzen, wird man Dir ihn schon zurück bringen.

Auf zwanzig Thaler soll es mir nicht ankommen, wenn ich ihn nur wiederfinde.

Um die Tante zu versöhnen, erklärte sich Ludwig trotz der späten Nacht bereit, den Auftrag zu besorgen, so daß die Anzeige in den verschiedenen Zeitungen zugleich mit dem Anschlag an dem nächsten Morgen erschien.

In Folge der ansehnlichen Belohnung meldeten sich früh verschiedene Leute, Männer, Frauen und Kinder, mit mehr oder minder ähnlichen Affenpintschern, unter denen sich jedoch zum Leidwesen der Amtsräthin und vor Allem der vermeintlichen Finder der geliebte Zampa sich nicht befand.

Auch einige Hundehändler waren gekommen, die als Ersatz für den Verlorenen zierliche Windspiele, komische Möpse, elegante Bologneser und graziöse King Charles ihr zum Verkauf an boten, aber mit ihren wohlgemeinten Anträgen abgewiesen wur den, da kein anderer Hund den Liebling ihres Herzens zu er setzen vermochte und Gnade vor ihren kritischen Augen fand.

Schon hatte sie alle und jede Hoffnung aufgegeben, als ihr Frau Dietrich einen neuen Besucher anmeldete, dessen elegante Visitenkarte eine Freiherrnkrone und darunter den Namen von Schmielinski in römischer Schrift zeigte.

seine Gewohnheit still und ruhig dalag.

Herr von Schmielinski! sagte die Amtsräthin nachsinnend. Ich kenne keinen Herrn von Schmielinski.

Der Herr wünscht die gnädige Frau in einer besonderen Angelegenheit zu sprechen.

Gewiß wieder eine Bettelei. Wie sieht er denn aus?

Ganz anständig, recht fein und proper.

So laß ihn eintreten!

Im nächsten Augenblick stand vor der Amtsräthin ein statt⸗ licher, breitschultriger Mann von ungefähr vierzig Jahren in kurzem, mit einer Ordensrosette geschmückten Jaquet, tadellos sitzenden gestreisten Beinkleidern und glänzenden Lackstiefeln, mit scharfen, etwas verlebten Zügen, unruhig flackernden Augen, ge bogener Adlernase, glänzend schwarzer Frisur und in die Höhe gedrehtem Schnurrbart; eine zugleich vornehme und zweideutige

Erscheinung, wie man sie in gewissen Modebädern oder auf Rennplätzen nicht selten anzutreffen pflegt, halb Kavalier, halb Aventurier.

In seinen Händen trug er einen verdeckten Korb, den er auf den nächsten Stuhl setzte, nachdem er sich mit aristokratischem Anstand verneigt und die angenehm überraschte Dame mit aus⸗ gesuchter Höflichkeit begrüßt hatte.

Darf ich wissen, fragte die Amtsräthin freundlich,was mir die Ehre verschafft?

Habe ich doch das Vergnügen, erwiderte der fremde Herr mit leichter polnischer Betonung der Worte,zu sprechen mit der gnädigen Frau Amtsräthin von Bock!

Nur einfach Bock! versetzte diese erröthend.Mein Mann war nicht von Adel.

Die gnädige Frau sehen aus wie vom ältesten Adel; habe ich auch gekannt einen Herrn von Bock, einen russischen General,

der geheirathet hat eine von meinen Cousinen, eine geborene

Gräfin Czapski; doch das kann Sie nicht interessiren.

In der That! Aber wollen Sie mir nicht sagen Avec beaucoup de plaisir! Will ich Sie nicht aufhalten

und Ihnen nur ergebenst mittheilen, daß ich so glücklich gewesen

bin, gestern auf der Eisbahn zu finden Ihren Hund, den Sie 1

gesetzt haben in die Zeitung. Nicht möglich! Meinen Zampa? rief sie noch immer zweifelnd.. N Die gnädige Frau können sich selbst überzeugen; da ist er! Zugleich öffnete Herr von Schmielinski den vor ihm stehenden Korb, in dem der verlorene Zampa auf einem gestickten Kissen mit frischen Blumen bekränzt und mit einer neuen blauen Atlas⸗ schleife geschmückt, wie ein aufgeputztes Geburtstagskind, gegen

Bei diesem unerwarteten Anblick stieß die Amtsräthin einen lauten Freudenschrei aus und drückte den ebenfalls vor Freude bellenden Hund an ihren vollen Busen, während Herr von Schmie⸗ linski die ergreifende Szene eines solchen Wiedersehens mit ge rührten Blicken zu betrachten schien.

Verzeihen Sie, Herr von Schmielinski! sagte die Amts⸗ räthin, nachdem sich der Sturm ihres Entzückens gelegt hatte. Ich vergaß, Ihnen zu danken, aber die große Freude

Ihre Freude ist der schönste Dank, mein höchster Lohn.

Die schönen pathetischen Worte bestärkten nur noch die Dame in ihrem günstigen Vorurtheil für seine Noblesse und erinnerten sie zugleich an die ausgesetzte Belohnung für den glücklichen Finder, wodurch sie jedoch einigermaßen in Verlegenheit gerieth.

Ich weiß nicht, sagte sie zögernd,ob ich es wagen darf, Ihnen eine Belohnung anzubieten, die Ihnen von Rechtswegen gebührt. Vielleicht gestatten Sie mir

Unter keiner Bedingung! protestirte er feierlich.Sie würden mich nur beleidigen.

Das will ich nicht, aber ich möchte auch nicht Ihre Schuld⸗ nerin bleiben.

Wenn Sie durchaus nicht wollen, mir etwas schuldig sein, so werde ich nehmen das Geld und es geben an die Armen.

Dann erlauben Sie wohl, daß ich zu einem so edlen Zweck auch mein Scherflein beitrage und die Summe verdoppele.

Ohne seine Antwort abzuwarten, nahm die Amtsräthin vier Zehnthalerscheine, welche Herr von Schmielinski mit geheuchelter Gleichgiltigkeit in seine elegante Brieftasche von russischem Juchten⸗ leder legte.