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zu den
Oberhessischen Muchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Bald sah sich Else mit ihrem Begleiter von dem wogenden Menschenstrom fortgezogen, von zahlreichen Bekannten an⸗ gesprochen und umringt, denen sie sich, um nicht aufzufallen, vorläufig anschlossen. Schnell bildete sich eine lange Kette, an deren Spitze der Assessor als ausgezeichneter Schlittschuhläufer mit seiner Dame trat.
Die in der That glänzende Gesellschaft, ein Verein der schönsten Mädchen und der elegantesten Männer, erregte sowohl durch ihre Geschicklichkeit wie durch ihre Toiletten ein allgemei⸗ nes Aufsehen. Unwillkürlich machte die Menge der im Fluge dahinschwebenden Reihe Platz und bewunderte die kühnen und anmuthigen Bewegungen, die graziösen Wendungen der jugend— lichen Gestalten.
Ganz besondere Bewunderung erregte Else mit dem Assessor, der ihre Hand so fest hielt, als ob er sie nie mehr lassen wollte. Obgleich er nur wenige gleichgiltige Worte mit ihr sprechen konnte, da sie beobachtet wurden, verkündigten ihr seine schmach— tenden Blicke, seine zärtlichen Mienen und vor Allem der Vor— zug, den er ihr vor den übrigen Damen gab, daß er sie an— betete und sie leidenschaftlich liebte.
Beglückt durch seine Neigung, geschmeichelt von der allgemei— nen Bewunderung, schwebte sie an seiner Seite, berauscht von
dem aufregenden Vergnügen, das er mit ihr zu theilen schien. Immer schneller, immer wilder und kühner schoß die glänzende Schlange über den glatten Spiegel mit solcher Eile hin, daß die letzten Glieder kaum noch zu folgen vermochten.
Hier und da erlahmten bereits die Hände, lockerte sich das feste Band; bald blieb ein Paar, bald ein zweites, ermüdet und athemlos zurück, ohne daß die rastlosen Führer darauf achteten. Gleich der wilden Jagd stürmten sie weiter und weiter, vorüber an den bereiften, wie Silber schimmernden Bäumen, an der kleinen Insel, die sie im raschen Lauf umkreisten, durch die ge— wölbte Brücke, dem Lauf des Stromes folgend, als ob sie bis an das Ende der Welt entfliehen wollten.
Ihre Wangen glühten, ihre Herzen pochten vor Aufregung und bachantischer Lust; von dem Taumel des rasenden Laufes hingerissen, achtete Else nicht darauf, daß die Kette immer klei⸗ ner wurde, daß Glied auf Glied sich ablöste und daß auch die letzten Paare zurückgeblieben waren, bis sie sich allein mit dem Assessor fand.
Hier, wo kein Lauscher ihnen nahte, kein Unberufener sie störte, wiederholte der sonst so korrekte junge Mann seine Ge⸗ ständnisse, schwur er ihr ewige Liebe und Treue, besiegelte er seine Betheuerungen mit einem feurigen Verlobungskusse, den Else als Bürgschaft künftigen Glückes ihm nicht verweigerte,
Gießen, den 15. Juli.
Die Erbschaft der Tante.
Novelle von Max Ring. (Fortsetzung.)
wenn sie sich auch aus Anstand ein wenig sträubte und ihm wegen seiner Kühnheit zu zürnen schien.
Leicht gelang es ihm jedoch, die Zürnende zu versöhnen, ihre Bedenken zu beschwichtigen, so daß sie ihm voll Vertrauen ihre Hand zum Bunde für das Leben reichte und von Neuem seinen Schwüren und Versicherungen leichtherzig Glauben schenkte.
„Noch heute,“ sagte der Assessor, um sie vollends zu be— ruhigen,„will ich mit meinen Eltern sprechen, und ich zweifle nicht daran, daß sie ihre Einwilligung zu unserer Verlobung geben werden.“
„Ich fürchte nur, daß Ihre Frau Mutter größere An⸗ sprüche macht.“ 5
„Oh! Deshalb können Sie ganz unbesorgt sein; sie hat mir noch nie einen Wunsch versagt.“
„Auch dürften vielleicht unsere Verhältnisse—“
„Die kümmern mich nicht und sind mir gleichgiltig.“
„Ich hoffe jedoch, daß Tante Bock, an der Sie eine Er— oberung gemacht haben, sich entschließen wird—“
„Das Alles wollen wir der Zukunft überlassen; ich verlange nichts als Ihre Liebe.“
Voll Bewunderung für die wahrhaft großartige Uneigen⸗ nützigkeit des Assessors, überließ sich Else ihren bräutlichen Ge— fühlen und den glänzenden Aussichten auf eine glückliche Zukunft an der Seite eines so liebenswürdigen und in jeder Beziehung ausgezeichneten Mannes, der ihr, wie sie glaubte, einen so zweifellosen Beweis seiner großmüthigen Neigung soeben ge— geben hatte.
Da aber unterdessen die Dämmerung eingetreten war und Else befürchtete, daß die Tante ihr eine so lange Abwesenheit übelnehmen könne, so ersuchte sie den Assessor, mit ihr zurück⸗ zukehren, so gern sie auch noch mit ihm allein geblieben wäre.
Während dieser Zeit ließ sich die Amtsräthin von dem ge— plagten Referendar im Stuhlschlitten herumfahren, wobei ihr der Anblick des sich ihr darbietenden Schauspiels ein so großes Ver⸗ gnügen gewährte, daß sie die Gegenwart ihrer Nichte nicht son— derlich vermißte.
Desto mehr achtete sie auf ihren geliebten Affenpintscher Zampa, den sie der Vorsicht wegen auf ihrem breiten Schooße hielt; aber der schlechte Hund langweilte sich und benutzte einen unbewachten Augenblick, um sich der Vormundschaft seiner Herrin durch einen kühnen Sprung zu entziehen und in dem Gewühl zu verschwinden.
„Um des Himmels Willen!“ rief sie entsetzt. fort, davongelaufen.“
Sobald der Stuhlschlitten auf ihr Geheiß anhielt, stürzte sie
„Zampa ist
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