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hältnisse diese unähnlichen Naturen zusammen geführt, denn Frau von Haldern war die verwittwete Schwester des Grafen Udo von Warren, eines der reichsten Magnaten des Landes, welcher sich vor wenigen Monaten mit der schönen, aber wenig bemittelten Baronesse von Maien verlobt hatte.
Das junge Mädchen wiegte sich nachlässig in einem Schaukel⸗ stuhl und bewegte langsam den entfalteten Fächer, während ihre Augen unter den halb geschlossenen Lidern gelangweilt in den vom Mondschein erhellten Garten hinaussahen.
Frau von Haldern hatte die Stickerei, an der sie beim Schein der Lampe gearbeitet, in den Schooß sinken lassen und einen
nachdenklichen Blick auf das Antlitz ihrer künftigen Schwägerin gerichtet.— Das Glück ihres Bruders war das Ziel ihres Strebens. Seit dem Tode ihres Gatten hatte sie nicht allein
den Haushalt des Grafen auf Schloß Warren geleitet, sondern alle Liebe, deren ihr reiches Herz fähig war, nur zwischen ihm und ihren kleinen Mädchen getheilt. Bei solcher Gesinnung er— füllte sie die Verlobung des Bruders mit banger Furcht, denn sie wußte, daß sie mit dem Tage seiner Verheirathung die Sorge um ihn ausschließlich seiner Gattin überlassen müsse, und sie be⸗ zweifelte, ob seine Wahl eine gute gewesen sei,— ob dieses ober⸗ flächliche Mädchen ihn je verstehen,— ihm stets genügen werde.
„Irma,“ unterbrach sie ihre Gedanken,„seid Ihr denn schon einig, wie lange Ihr Eure Hochzeitsreise ausdehnen wollt?— Zu Weihnachten kann ich Euch doch bestimmt in Warren er— warten?“
„Um Himmelswillen, Helene, wo denkst Du hin?“— ant⸗ wortete die Angeredete, indem sie das Gesicht unmuthig der Sprecherin zuwandte,„nein, wir bleiben entschieden den Winter über in Paris und kehren allenfalls zum Frühjahr, wenn es hier wieder einigermaßen erträglich geworden, auf einige Wochen nach Warren zurück;— ich habe schon genug schöne Zeit auf dem Lande vertrauert und mich schaudert's, wenn ich mir ausmale, wie öde und kalt es in Eurem großen Schloß im Winter sein muß.— Uebrigens hat Udo schon halb und halb versprochen, sich betreffs unserer Reise meinen Wünschen unterzuordnen.“
„Du bist eine kleine Zauberin, Irma, denn ich hätte nie ge⸗ glaubt, daß mein Bruder einen ganzen Winter von Hause fern bleiben könne. Du weißt, wie wenig ihn das Leben und Treiben der großen Stadt zu fesseln vermag, und da er Dich von ganzem Herzen liebt, so würde er gern auf jede fremde Gesellschaft ver— zichten.— Nun bin ich überzeugt, liebe Irma, daß auch Du nach einigen Wochen des Umherschweifens in der Fremde die Sehnsucht nach ruhigem, ungestörtem Zusammensein in der eigenen Häuslichkeit empfinden wirst, und will also die Hoffnung, Euch zu Weihnachten wiederzusehen, noch keineswegs aufgeben.“
Irma zuckte die Achseln.—„Da bin ich eben völlig anderer Ansicht,“ erwiderte sie.„Ich sehne mich nach Konzerten, Theater, Bällen oder ähnlichen Abwechslungen und finde, daß das tägliche Einerlei ermüdet und die Liebe abstumpft. Udo kann mir danken, daß ich ihn der Langenweile entreiße, und er wird auf die Triumphe, welche ich in der Gesellschaft zu feiern gedenke, stolz sein dürfen.“
Frau von Haldern schüttelte mißbilligend den Kopf, aber sie antwortete nicht, und das alte Schweigen herrschte wieder zwischen den beiden Damen, bis sich Helene erhob, um ihren Wagen zu bestellen, welcher sie nach Schloß Warren zurückführen sollte.
Statt des Dieners erschien der Freiherr, Irmas Vater.
„Sie wollen schon fort, meine Gnädigste?— Ah, Sie wissen noch nicht?“—
„Nein! Was denn, Herr Baron?— Es ist doch nichts Un— angenehmes vorgefallen?“—
„Nun, Sie brauchen nicht zu erschrecken,— es ist Feuer in der Nachbarschaft ausgebrochen,— aber nicht in der Richtung des Schlosses. Es könnte indessen in der Nähe Ihres Vorwerkes Wiesendors sein, und ich bitte Sie, noch so lange zu bleiben, bis wir durch meinen Boten, der bald zurückkehren wird, sicheren Aufschluß über die Brandstelle erhalten haben.“
Der alte Herr hatte die Damen nach der Westseite der Veranda
geführt, von wo sie den hellen Lichtschein am Horizont wahr⸗ nehmen konnten.
„Die armen Leute!“ sprach Helene mitleidig.
„Wenn sie gut versichert sind, läßt sich der Schaden schon ertragen!“ warf Irma ein.
Besitz ihm werthvoller dünkte, als sein eigenes Leben.
Ernst schüttelte der Freiherr das Haupt. „Mein liebes dessen Größe sich vorher nicht übersehen läßt. Jetzt nach der Ernte sind übrigens die Verluste fast immer erheblicher als die Entschädigungen, welche die Versicherungsgesellschaften zahlen.—
Doch hört, soeben fährt ein Wagen vor; es wird Udo sein, welchen
aus der Stadt zurückgekehrt ist.“
Kaum hatte er geendigt, als lebhafte, gewichtige Schritte nahten.
„Ah, da seid Ihr ja!“ erklang eine tiefe wohllautende Stimme, und eine hohe, vornehme Gestalt trat in den Rahmen der Garten- thür. Es war Graf Warren, welcher auf die entgegenkommende Gruppe zueilte, seine Braut auf die Stirn küßte und die Anderen freundlich begrüßte.„Es brennt in Wiesendorf, und ich muß sofort hinüber, um selbst nach dem Rechten zu sehn, denn nach der Größe des Feuerscheins ist die Ausdehnung des Brandes sehr bedeutend. Nicht wahr, liebe Irma,“ wendete er sich zu dem jungen Mädchen, ihre Hand an seine Lippen ziehend,„Du
wirst unter diesen Umständen heute meine eilige Flucht ent⸗ schuldigen?“— Und als er eine Falte des Unwillens auf ihrer
Stirn bemerkte, setzte er bittend hinzu:„Sei mir nicht böse, Schatz!— Sieh'— der Gutsherr gehört in Augenblicken der Noth an den Ort der Gefahr und an die Spitze seiner Unter⸗ gebenen. Helene wird Dir statt meiner noch ein halbes Stündchen Gesellschaft leisten.“
Seiner Schwester freundlich die Hand reichend, sprach er: „Dich Helene, bitte ich, sobald Du zu Hause eingetroffen, An⸗
weisung zu geben, daß für die Abgebrannten Obdach vorbereitet
werde.“
„Ich werde jedenfalls Deine Rückkehr erwarten,“ entgegnete Frau von Haldern,„bleib' nicht zu lange fort, lieber Udo, und versprich mir, Dich keinerlei Gefahren auszusetzen.“
Irma aber schlang die Arme um den Hals des Scheidenden und bat mit schmeichelnden Tönen:„Laß mich mit Helene ins Schloß fahren, hier hätte ich doch keine Ruhe und würde die ganze Nacht kein Auge schließen. Ich muß mich persönlich überzeugen, daß Dir kein Unheil zugestoßen ist.“
Der Graf beugte seine hohe Gestalt liebevoll zu dem jungen
Mädchen hernieder und sah ihr dankbar in die bittenden Augen. „So fahre mit, mein Lieb', wenn Papa es erlaubt, und mache
Dir keine unnöthigen Sorgen; in einer Stunde bin ich wieder
bei Euch.“ Ein Kuß, ein Händedruck— und schnellen Schrittes verließ er die Veranda. Noch einmal schaute er hinauf, zärtlich überflog sein Blick
die holde Gestalt seiner Braut, und das Bewußtsein ihrer Liebe
erfüllte seine Brust mit stiller Seligkeit. Ja, er war glücklich, und wenn er sich ausmalte, daß er binnen Kurzem das geliebte Mädchen sein Eigen nennen werde, dann schlug sein Herz höher, und in inniger Zärtlichkeit gelobte er sich, ihre Hingebung mit seinem ganzen Empfinden zu erwidern.
Der stolze, verschlossene Mann, der dieser Eigenschaften wegen wenig Liebe im Leben gefunden, war dankbar für jeden freund⸗ lichen Blick, jedes herzliche Wort seiner kleinen Braut, deren
II. Der Graf ließ die schaumbedeckten Rappen ausgreifen.
Hastig wechselten zur Seite des Weges die dunklen Schatten 1
der Bäume mit dem glühenden Schein des schauerlich erhellten Hintergrundes. Schwere Rauchwolken wälzten sich über den roth beleuchteten Himmel, und hinter den Wipfeln der hoch⸗ stämmigen Ulmen, welche das brennende Dorf noch dem Blick entzogen, schossen sprühende Funkengarben hervor und überstreuten das Land mit Asche und verkohlten Halmen und Aehren.
Endlich war die Unglücksstätte erreicht.— Der Graf lenkte.
in die Dorfstraße ein und brachte mit kräftiger Faust die auf⸗
geregten Rosse zum Stehen, denn vor seinen Blicken wogte ein prasselndes Flammenmeer, umtobt von dem Aufruhr einer ver⸗
zweifelnden Menschenmenge. Die Scheunen, die Ställe und das massive Wohnhaus des
Gutshofes brannten.— Um den Brunnen drängte sich, rathlos
Kind, eine Feuersbrunst ist immer ein Unglück,
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