Ausgabe 
15.4.1888
 
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Edithchen, mein Kind, ich dächte, kein Steuermann hätte es besser vermocht, das Schiff⸗ lein so sicher in den Hafen zu

lenken, wie ich es gethan habe,

sagte sie etwas unsicher. Dann aber erleichtert Athem schöp fend, fuhr sie fort:Ich konnte nicht anders, als den Rest unseres Vermögens ausspielen. Wir reisten, und nach unserer Lebensweise zu urtheilen, mußten wir reich sein. Freilich vergingen die Jahre, ohne daß das gewünschte Resultat einer brillanten Heirath sich einge stellt hätte; Edithchen, Du spieltest die Rolle des ver wöhnten Glückskindes recht gut, aber unsern Zweck hast Du nicht recht im Auge be⸗ halten.

Desto besser hast Du es gethan, Mama, fuhr die Toch⸗ ter auf.

Freilich, die Reise in's Engadin war gewissermaßen unsere Henkersmahlzeit, sagte die Baronin sehr ruhig und steckte die Fingerspitzen in die Taschen ihres Morgenrockes und blieb vor der jungen Frau stehen.Du saßest vor mir wie jetzt:Willst Du Dich gütigst heute für den Präsi⸗ denten entscheiden? fragte ich Dich. Du antwortetest mir ungeduldig:Laß mich

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in Frieden mit dem alten Prä-

sidenten; Graf Josika ist jung, er liebte mich schon vor zehn Jahren in Wien, er wird und muß seinen Antrag in diesen Tagen machen. Darauf ein lautes Gelächter von mei ner Seite das) leugne ich nichtGraf Josika ist ab⸗ gereist und hat wie ein rechter Abenteurer, der er ist, den Wirth um die Zeche geprellt. So, meine Tochter; bezahlen aber wollen wir unsere Zeche und werden noch einen Ueber⸗ schuß von etwa tausend Tha lern als ganzes Baarvermögen behalten. Da hast Du ge weint und getobt ich trat Dir nicht störend in den Weg und Abends warst Du die Braut unseres Präsidenten. Apropos, hast Du Dich ein mal bei der Kleinen erkundigt, ob und welche Verwandt⸗ schafts-Verbindung zwischen ihrem Onkel und dem Josika existirt, der so geheimnißvoll im Engadin auftauchte?

gadin den Präsidenten'gefragt; er hat weder seinen Schwager, noch den jungen Grafen Josika je gesehen; auch hat der Graf keine Kinder, wie Jella sagt,

Ich habe damals im En⸗

Cirkusbilder: Unterricht auf dem Globus.

entgegnete Frau Wellner in sichtbarer Bewegung.Du magst von ihm denken, wie Du willst, Mutter, ich spreche mit dem Dichter: Du bist mir doch mein Abend stern geblieben, Ich hab' genug geliebt, um schön zu träumen! Träume nur immer, mein Kind, das beeinträchtigt Nie⸗ manden, besonders wenn das Traumbild ein so verschwom menes ist, wie ja der Herr Graf als Charakter zu sein scheint, spottete die Baronin von Bes sow und verließ rasch, ohne eine Entgegnung abzuwarten, das Zimmer. (Fortsetzung folgt.)

Schloß Warren.

Novelle von Georg Harnisch. I.

Auf der weinumrankten Ve⸗ randa eines vornehmen freund lichen Landhauses saßen an einem warmen Spätsommer⸗ abend zwei Damen.

Irma von Maien, die jüngere, war ein Mädchen von eigenthümlicher, auffallen⸗ der Schönheit. Sie besaß ein zart geschnittenes Gesichtchen von bleicher und wachsartig durchsichtiger Hautfarbe. Ihre Augen erschienen sanft und dunkelblau, wenn sie träumend in die Ferne schweiften oder mit zärtlicher Hingebung auf⸗ blickten, doch wenn sie im Zorn funkelten, dann waren sie grau und von stechender Schärfe. Das Seltsamste an ihr aber war das aschblonde Haar, welches in hundert fast farb⸗ losen Wellen und Löckchen das zierliche Haupt umrahmte.

Die andere Dame war wesentlich älter, und reichliche Silberfäden durchzogen bereits ihren schlichten Scheitel. Ihre feinen, intelligenten Züge tru⸗ gen neben den Spuren ehe maliger Schönheit jenen schmerzlichen Ausdruck, welchen frühzeitiger Seelenkummer und anhaltende Lebenssorgen zu hinterlassen pflegen.

Die Damen schienen wenig herzliche Sympathie für ein⸗ ander zu empfinden. Ihre Unterhaltung stockte häufig und gewann nur zeitweise an Lebhaftigkeit, sobald das Beide interessirende Thema über Ir⸗ mas demnächstige Verheira⸗ thung berührt wurde. Wie häufig im Leben, so hatten auch hier die äußeren Ver⸗

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