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jogleich mittheilen—, daß meine oberflächliche Frage, ob sie schön sei, sie hierher zu einer Art Exposition zwingt.“
Das Erscheinen Jella's überhob sie einer Antwort. Die junge Frau sah offen in Rolfs' Gesicht und sah erstaunt ein plötzliches tiefes Erröthen bis in das krause dunkelblonde Haar hinein. Das junge Mädchen trat mit einer Schüchternheit, die lebhaft an eine Pensionärin erinnerte, zu der jungen Frau und legte die schmale Rechte scheu in die ausgestreckten Hände ihrer Stiefmutter.„Herr Assessor von Rolfs, ein Freund unsers Hauses,“ erklärte sie oberflächlich. Jella erhob die Augen und erröthete nun auch ihrerseits ein wenig.„Wir sind gestern Abend eine Strecke weit zusammen gereist,“ sagte sie einfach.
Auf den fragenden Blick der Präsidentin erwiderte Rolfs fest: „Ich habe auch nicht eine Ahnung davon gehabt, wer das gnä— dige Fräulein sein konnte, sonst hätte ich mich ihr wenigstens vorstellen und sie nach Hause begleiten können.“
„Ich wußte den Weg und die alte Dame war gewiß dank— bar für Ihre Liebenswürdigkeit,“ sagte sie sehr ernst. Aber um die rosigen Mundwinkel spielte es wie Spott; so meinte er, und seufzend dachte er daran, wie er nun mit den Beiden fertig werden würde, da ja die Eine, das„enfant terrible“, ihn schon in beständigem Athem erhielt.
„Wie befindest Du Dich denn, Jella, nach der ermüdenden Reise?“ fragte die Präsidentin und hielt noch immer des Mäd— chens Rechte in ihren Händen.„Ich brauche Dir nicht zu sagen: mache es Dir hier so bequem, wie Du kannst, das versteht sich ja von selbst. Das Verhältniß von Mutter und Tochter wird vielleicht schwer zwischen uns herzustellen sein; Freundinnen aber, recht innige Freundinnen können wir werden, Jella; ver— sprechen wir uns gegenseitig das Unsere hierzu zu thun, willst Du?“
Jella sah mit großen erstaunten Augen die Frau ihres Vaters an. Das hübsche pikante Gesicht zeigte eigentlich weder sichtbare Bewegung, noch sonst ein ausgesprochenes Gefühl. „Ich will es versuchen,“ antwortete sie verlegen.
„Du hast mir viel zu erzählen, setze Dich zu mir und sprich mir von Deinen Verwandten und von Wien, wenn Du es kennen gelernt hast. O, das goldene Wien! Da habe ich vor zwölf Jahren einen kurzen seligen Jugendtraum geträumt, und dann war es vorbei für immer!“ Sie sah einen Augenblick lang sinnend vor sich hin.„So träumt man nur einmal, Jella, und nicht wieder,“ sagte sie schnell.„Doch ich erzähle dem Blinden von glühender Farbenpracht,— Kind, Du ver⸗ stehst mich nicht, das drücken Deine ruhigen fragenden Augen klar genug aus.“
Assessor von Rolfs war in peinlicher Verlegenheit, das un— gläubige feingeschnittene Gesichtchen der Stieftochter sagte genug— sam, daß sie nicht erwartet habe, die Stiefmutter so zu finden. Jella hätte ihr im Salon begegnen müssen, wo die Frau Prä— sidentin ihre glänzenden Eigenschaften ganz entfaltete. Da war sie die Dame der großen Welt; fein diplomatisch, verbindlich, Meisterin in der Salonkonversation, dabei die graziöseste, elegan— teste Erscheinung; in ihrem Boudoir aber, bei einigen Bevor⸗ zugten war sie das leichtlebige Wiener Kind, das sich für allen Zwang schadlos hielt.
Rolfs sah, daß die junge Frau nicht beabsichtigte, sich so⸗ bald von ihrer Stieftochter zu trennen, und verabschiedete sich.
„Werden Sie um sechs Uhr zu unserer musikalischen Probe kommen?“ rief sie ihm zu. Er verneigte sich bejahend und ging.
„Welchen Platz wirst Du ausfüllen, Jella?“ fragte sie leb⸗ haft.„Geigst Du, spielst Du Klavier oder singst Du?“ s
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.„Doch ja,“ sagte sie, „wer entginge denn heut zu Tage dem Schicksal, Klavier zu spielen?“ 5
„Gut, gut, wir werden Dich gerade brauchen können, Rolfs singt lieber, ebenso ich. Sage, warst Du recht wüthend, als
Dir Dein Vater von seiner zweiten Heirath schrieb?“ fragte sie
und sah Jella neckisch in die Augen.„Warum erröthest Du denn? sage es doch frei heraus, ich nehme es Dir wahrhaftig nicht übel.“ 8 f Siu setzte sich die Unterhaltung fort, bis der Bediente kam, das Mittagessen anzukündigen. 5
Jella erkannte ihr stilles Elternhaus nicht wieder. Ihr
Vater schien um zwanzig Jahre jünger geworden, selbst sein ziemlich gebleichtes Haar spielte wieder in einem dunklern Braun, er war ein galanter Ehemann, der sich noch recht gut neben seiner Frau ausnahm. Nur Jella vermißte Alles in ihm, die Umwandlung betrübte sie tief, der Ton, den er ihr gegenüber angenommen, sein Bestreben, ihr gegenüber den galanten Vater zu spielen, verletzte sie. Der Ausdruck, den die Kammerfrau der Gräfin Josika über ihn gebraucht,„der glatte Mann“, kam ihr wieder und wieder, und sie fragte sich mit Schmerz, wie es nur möglich gewesen, daß sie in ihrer Be— geisterung, den Vater ganz und ungetheilt zu besitzen, ein ganz an⸗ deres Bild von ihm mit sich in die Wildniß genommen hatte. Er war doch wohl noch derselbe, nur mit dem Bestreben jetzt, sich seiner jungen Frau anzupassen. Und wie sie mit ihm umging! Sie war liebenswürdig, ja zärtlich gegen ihn, dann wieder lau— nisch und abstoßend; aber nie verlor„der glatte Mann“ das Gleichgewicht, er war immer der gefällige, liebenswürdige Gatte. Auch die Schwiegermutter, die seit seiner Verheirathung sich in seinem Hause niedergelassen, wurde mit derselben galanten Rück— sicht behandelt. Die Frau Präsidentin war unumschränkte Herrin, nur eins mußte sie klug vermeiden: sie durfte nie und nimmer merken lassen, daß sie ihn für einen alten Mann hielt. Diese Klippe, an der ihr eheliches Glück unwiederbringlich gescheitert wäre, wußte sie selbst in ihrer tollsten Laune zu vermeiden.
Wie glänzend und vornehm ging es nun im ehemals so stillen elterlichen Hause zu! Gesellschaften, Spaziergänge und musikalische Abende füllten die Zeit aus, und wenn auch der Präsident nur Abends frei war, so war doch keine Spur von Ermüdung an ihm zu bemerken, wenn er seiner Frau galant den Arm bot, sie in eine Soirée zu führen. Jella konnte sich kaum in den raschen Wechsel von der äußersten Einsamkeit in das unruhigste Leben finden. Es kam ihr Alles so neu, so er⸗ staunlich vor. Als sie in den ersten Tagen in den Salon treten wollte, blieb sie verblüfft an der Thür stehen: Assessor Rolfs saß am Klavier und begleitete den Gesang, griff auch thätig dabei ein, und um ihn standen und sangen wie Besessene die Baronin von Bessow und der Präsident mit seiner Frau. Der Präsident hielt mit beiden Händen das Notenheft hoch empor, als wolle er mit ihm entschweben, und Frau von Bessow's Mienenspiel war von beängstigender Lebhaftigkeit. 5
„Nicht so laut, Mama,“ rief die Präsidentin,„Dein Mezzo⸗ Sopran ist gar zu durchdringend.“
„Italienische Schule erhält die Stimme frisch,“ lächelte diese geschmeichelt dem Präsidenten zu.
Unangenehm berührt zog sich Jella zurück,— was war nur aus ihrem Vater geworden.
Die unermüdliche Stiefmutter plante eine Soirbe, in welcher Jella der Gesellschaft vorgestellt werden sollte.
„Ich habe mit Mama berathen und wir sind bei elfenbein— farbenem Atlas geblieben mit elfenbeinfarbenem Krepp, die Robe mit Tuffen von rothen Nelken garnirt. Deinem jugend⸗ lichen Alter ist diese Toilette nicht ganz angemessen, aber sie ist ganz Deiner eigenartigen Schönheit angepaßt, Jella, was meinst Du dazu?“
Sie meinte garnichts dazu, es war ihr Alles recht, sie war zufrieden, daß die junge Stiefmutter sie den ganzen Tag in Anspruch nahm, die Schreckbilder von Voridori verfolgten sie, sobald sie allein war. Die Baronin von Bessow war sehr lie⸗ benswürdig gegen sie geworden, sie nahm Jella mit sich in ihre Zimmer und machte sie mit dem bunten Chaos bekannt, das Gegenstände aus aller Herren Ländern enthielt, die sie mit ihrer Tochter bereist. Jella wurde mit langen Erzählungen gelang weilt, wo jede getrocknete Pflanze gepflückt worden war, welche Gräfin oder Fürstin ihrer intimen Bekanntschaft dabei gewesen und was sie dazu gesagt. Die alte Dame erinnerte sie an die Gräfin Josika, nur war sie von einer fieberhaften Lebhaftigkeit und besaß unverwüstliche Nerven; sonst gerade so wenig System und Nachdenken in ihrem Dasein, wie jene; derselbe Mangel an Tiefe und etwas Greifbarem, der Jella's Herz der Schwester ihrer Mutter so wenig geneigt machte.
Es mochte eine Woche nach Jella's Flucht sein, da ließ der Präsident sie in sein Zimmer entbieten. Es war ein pompöses Arbeitszimmer, dessen ein Minister sich nicht hätte zu schämen
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