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eine junge Frau. Die Spitze des Füßchens bewegte sich unge⸗ duldig aus dem langen, crémefarbenen Kleide, das mit hoch⸗ rothen Schleifen vorn herunter garnirt war, und unter dem gekräuselten Haar, auf dem das elegante Häubchen in créme und hochroth gar vortheilhaft saß, zog sich die Stirne in finstere Falten und beeinträchtigte sehr den Reiz des pikanten Gesichtes. Die Seiten der Broschüre wurden ungeduldig umgeschlagen, das elfenbeinerne Falzbein hämmerte erregt auf dem Bouleschranke zu ihrer Seite, und das Gesicht wurde nicht freundlicher, als eine alte Dame durch die Portiere schaute und freundlich rief: „Wohl geschlafen, meine liebe Edith?“
„Du bist's, Mama?“ fragte Frau Präsident Wellner in keinem sehr ermuthigenden Tone.„Ich habe sehr schlecht ge— schlafen und versuchte eben das Versäumte nachzuholen.“
„Gut, gut, dann werde ich nicht länger stören; erlaube mir nur, daß ich die Gardine schließe, die Sonne scheint so grell herein,“ und die alte Baronin von Bessow durchflog im langen Morgenkleide von zweifelhafter Frische das Boudoir.
„Ich bitte Dich, Mama, laß doch die Gardine, wie sie ist, es wird ja dunkel hier, wie in einer Gruft!“ rief die Präsi⸗ dentin unmuthig.
„So, dann lassen wir den Vorhang; ich gehe schon, mein Engel. Hat sich das Kroatenmädchen heute noch nicht gezeigt? Du kannst es mir glauben, daß ich die ganze Nacht kein Auge geschlossen habe; aber auch solch ein plötzlicher Ueberfall! Ich konnte Dich gestern Abend nicht mehr sprechen, Du hattest Dich so eilig zurückgezogen, als die Gäste gegangen waren; aber die ganze Nacht habe ich gedacht:„Wie wird es meiner armen Edith zu Muthe sein?“ Als ich den Präsidenten so verstört wieder am Tische erscheinen sah und hinausgegangen war, nach der Ursache zu schauen, da stand das Mädchen so sicher, ja drohend im Vorzimmer, daß ich sie nicht eben sehr freundlich fragte:„Was wollen Sie hier?“ Du hättest die Augen sehen sollen, Edithchen, als sie mir antwortete:„Ich bin hier zu Hause, Madame.“
Die Stirne der schönen Frau auf dem Divan verfinsterte sich sichtbar.„Allerdings eine sonderbare Frage der Tochter gegen— über, die in's elterliche Haus zurückkehrt,“ sagte sie, und ihr seines Gesicht röthete sich zusehends.
„Der Präsident hätte Dir reinen Wein einschenken müssen,“ fuhr die alte Dame eifrig fort.„Ja wohl, da war wohl eine Tochter, weit, weit fort im fernen Kroatien. Großvater und Tante stritten sich um das Mädchen und ließen es nicht fort; sie wollten es behalten und eines Tages verheirathen,— da sind wir nun schön hineingefallen, arme Edith, Du hast eine erwachsene Stieftochter zur Seite, die nicht übel Lust zu haben scheint, hier Posto zu fassen“
Die junge Frau richtete sich lebhaft auf.„Wenn wir Freunde bleiben wollen, Mama, so muß ich mir hier jede Einmischung verbitten,“ rief sie und verbarg schnell ihre Gereiztheit.„Die Tochter meines Mannes soll geachtet und geehrt sein. Der Prä— sident wollte es, daß ich anwesend war, als sie gestern Abend, nachdem sie stundenlang auf uns gewartet, ihrem Vater den Grund der unerwarteten Rückkehr erklärte. Seine Tochter hat mir gefallen in ihrer einfachen Offenheit, und ich will mit ihr auf gutem Fuße stehen, um jeden Preis.“
„Nun, nun, wie Du willst, Edithchen, Du bist eine sehr vernünftige Frau, das sehe ich,“ sagte die Baronin von Bessow und packte die Schleppe ihres Morgenkleides auf, die immer neue Lust zeigte, sich an der abgerissenen Garnierung irgendwo festzuhaken.„Mich geht es ja auch nichts an, zudem finde ich Fräulein Jella Wellner recht distinguirt in ihrer eigenartigen Schönheit.
„Sie ist auffallend schön, und ich werde mich bemühen, mir in ihr eine Freundin zu gewinnen,“ sagte die junge Frau mit Nachdruck. 0
Frau von Bessow wußte im Augenblicke nicht, trotz ihrem Talent des leichten Anpassens, wie sie das Gespräch zu ihrer Tochter Zufriedenheit wenden sollte. Sie zog vor, sie der Ruhe zu überlassen und in ihrem Zimmer den Kopf zu schütteln über die neuen unangenehmen Pflichten ihrer Tochter, die Edith selbst als„unmöglich“ bezeichnet, als sie geglaubt, dem Loos der Stiefmutter für immer entgangen zu sein.
Als die Baronin gegangen war, drückte Frau Wellner das Taschentuch vor die Augen und weinte. Herr Assessor von Rolfs,“ meldete der Bediente und die junge Frau hatte kaum Zeit, die Spuren der Thränen zu verwischen und zu thun, als sei sie eifrig mit Lesen beschäftigt, als der Assessor eintrat. Sie streckte ihm die Hand vom Divan entgegen:„Sie haben uns lange Ihre Rückkehr erwarten lassen, Baron,“ sagte sie und bedeutete ihm, sich zu setzen.
„Freilich, was nützte mir die Verlängerung des Urlaubs, um den meine Mutter so dringend gebeten?“ antwortete den junge Mann. a
„Je mehr man Jurist ist, desto mehr sieht man ein, daß meinem Bruder nicht zu helfen ist Er soll das Gut nach dem Wunsche des verstorbenen Vaters übernehmen; die Schulden aber, die darauf lasten, sind so bedeutend, daß es mir nicht klar ist, wie er sich behaupten will.“ 5
„Nichts einfacher, als das,“ fiel die junge Frau ein,„eine reiche Heirath.“ b
„Er ist mit einer jungen Dame verlobt, die reich an Ahnen ist, im Uebrigen aber keinen Pfennig hat,“ antwortete er ver⸗ drießlich.
„Schweifen wir denn von diesem Thema ab, Baron; das Leben setzt sich ja aus unlösbaren Problemen zusammen und das verdirbt uns die Laune. Der Zufall löst sie alle, oder auch nicht; wir aber sind nur die Automaten in der Komödie,“ sagte sie mit umdüsterter Stimme. 5
„Was fehlt Ihnen, gnädige Frau?“ fragte Rolfs und sah sie forschend an..
„Die Tochter des Präsidenten gekommen,“ antwortete sie kurz.
„Das ist Ihnen unangenehm?“ fragte er verständnißvoll.
„Unangenehm, unangenehm,“ fiel sie ein und hob ungeduldig die Schultern,„was drückt denn noch dies verbrauchte Wort aus? Ich habe den Boden unter den Füßen verloren, Baron; ich werde keiner der Nummern aus dem Programm der Stief mutter gerecht werden können. Sie wissen, wie sehr ich den Zwang hasse, ich kann der Tochter des Präsidenten gegenüber nicht die Rolle spielen, die Hans Sachs im Paradiese dem Gott Vater Adam und Eva gegenüber zugetheilt hat.“„
Der Assessor lachte laut auf.*
„Sie denken an meine dreißig Jahre, Baron,“ sagte sie kurz; „nun ja, sie könnten mich schon berechtigen, meiner Stieftochter als Tugendspiegel vorzuschweben,“ meinte sie ernsthaft,„aber mir fehlen alle Anlagen, gleichmäßig, lehrreich und erbauend auf meine Umgebung einzuwirken. Ach, Baron, wie schlecht hat mich meine Mutter erzogen; ich finde nur im zwanglosen Sichgehenlassen das Leben erträglich!“
„Als ob dies nicht das Beste und Schönste und zugleich auch das Vernünftigste wäre!“ rief er fröhlich und betrachtete die junge Frau mit einem bewundernden Blick.
„Des Präsidenten Tochter aber scheint mir ein ernstes, ruhiges Mädchen zu sein, ihre stillen, großen Augen haben etwas von der kontemplativen Ruhe der Orientalen. Imponiren muß ich ihr doch, das muß die Frau ihres Vaters überhaupt; sehen Sie, Baron, hier liegt das unlösbare Problem,“ sagte sie mit nach⸗ denkender Miene.
„Nun spielen Sie Komödie mir gegenüber, meine Gnädige!“ rief er lachend.„Sie wissen recht gut, wie Sie es anzustellen haben, um zu imponiren, das weiß Ihre Umgebung und die Gesellschaft. Ist Fräulein Wellner ein schöͤnes Mädchen?“
„Ja, Herr Assessor, sie ist schön,“ entgegnete sie spottend. „Die Frage brannte Ihnen auf den Lippen; Gott sei Dank, daß Sie sie endlich anbringen konnten! Auch der Vernünstigste von Euch Männern bringt sie eiligst, wie ein angelernter Papagei, hervor.„Ist sie schön?“ Das ist Alles, was Euch bei einer Frau interessirt und von der höchsten Bedeutung erscheint; sie hat auf der Welt nichts zu sein, wie nur schön.“ Sie zog heftig an der Schelle und sagte dem eintretenden Bedienten:„Ich lasse das gnädige Fräulein freundlich bitten, mir einen kleinen Be⸗ such abzustatten.“ 8
„Was thun Sie, Frau Präsident?“ fragte Rolfs erschrocken, „wird Fräulein Wellner nicht von vorn herein ein Vorurtheil 70 gegen mich hegen, wenn sie erfährt— und Sie werden es ihr 1
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ist ganz plötzlich zurück


