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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dleser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
1 15. Appil.
Gießen, de
Ein dunkler Schatten.
Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)
Der Zug nach Wien ging ab und Graf Josika trug liebevoll Sorge für das ganz erschöpfte Mädchen. Während sie im festen
Schlafe ihm gegenüber ruhte, forschten seine Augen mit tief traurigem Ausdruck in den Zügen, die ihm die kurze Zeit ver— gegenwärtigten, während der er eigentlich nur gelebt.
Als Jella, wohl ausgeruht, mit frohem, leuchtenden Blick
ihrem Onkel in's Gesicht sah, fand sie ihn erschreckend bleich und leidend aussehend. wollen lieber die Reise unterbrechen.“
„Du bist krank,“ rief sie beängstigt,„wir
„Nicht doch, mein Kind,“ antwortete er mit seinem sanften, melancholischen Lächeln.„Ich fühle mich schon seit längerer Zeit nicht wohl und meine Reise geht eben nach Italien, wo ich den Winter zubringen werde.“
Sie sah ihn an, innige Theilnahme, Mitleid, ja Kummer sprachen sich in den weichen Kinderzügen aus.
„O, nicht das süße, liebe Angesicht so dem alten Manne
zugewandt, Jella Androchich! Das wird zur aufreibenden Qual
für die hinsterbende Lebenskraft. Wir sind in einigen Stunden in Wien, bis dahin werde ich Dir das Geleite geben; Deine Reise wird von da ohne Unterbrechung fortgesetzt werden können.“ Sie schwiegen Beide, er litt offenbar und sie konnte nichts für ihn sein, nichts. b Als er sie in Wien sicher in einem Coupe der Eisenbahn untergebracht hatte, reichte Graf Josika ihr noch einmal die schmale, krankhaft weiße Hand.„Lebe wohl, geliebtes Kind,
wirst Du des alten Freundes gedenken?“ Da drängte eine alte
Dame in's Coupé hinein, ein Diener füllte den Raum mit Reisegepäck; es wurde Jella jede Aussicht benommen, der Schaffner erschien in der Thür, der Zug setzte sich in Bewegung und aus den Augen war ihr der Mann mit dem herzgewinnen— den Gesichtsausdruck, der ihr einziger Trost und Anhaltspunkt gewesen. Sie kam sich plötzlich allein und verlassen vor und es überfiel sie Angst und Bangigkeit vor dem Empfang, der dem ungebetenen Gaste von dem Vater und seiner zweiten Frau bereitet werden würde. Es kam ein maßloses Staunen über sie, sie wußte sich nicht zu erklären, wie es gekommen war, daß der Fremde ihr beim ersten Anblick Vertrauen und Zuneigung eingeflößt. Die korpulente Dame ihr gegenüber machte un⸗ behilflich und schwer seufzend ihre Toilette für die Nacht, wickelte sich fest in die Reisedecke und schlief ein. Jella fiel ebenfalls in Schlaf und das wohlthuende Gefühl begleitete sie in den Traum, daß ein väterlicher Freund, der ihrem Herzen nahe stand, über sie wache und sie beschütze. Der ganze folgende Tag ver⸗ ging. Jella blieb mit der alten Dame allein, die freundlich
i und gutmüthig gegen sie war. Gegen Abend öffnete der Schaffner
einem jungen Herrn das Coupe. Stationen,“ entschuldigte er,„und der Herr raucht nicht.“ Die alte Dame nickte gutheißend dem jungen eleganten Herrn zu, und es währte nicht lange, da war sie mitten in einer Unter— haltung mit ihm, in die sie Jella ebenfalls zu ziehen suchte. Der Herr empfahl ihr ein gutes Gasthaus in der Stadt, in die er sich ebenfalls begab; Jella schwieg, denn L. war ja auch ihr Reiseziel. Er mochte sie für Mutter und Tochter halten, so wenig sie sich anch glichen, besonders war das auffallend schöne Mädchen der Mutter ganz unähnlich in der äußersten Zurück⸗ haltung ihm gegenüber. Vielleicht mochte seine offenbar zur Schau getragene Bewunderung sie verletzen, ihre Antworten blieben einsilbig. Nun öffnete der Schaffner das Coupé und rief„Station L.“ hinein.
„Die Damen erlauben, daß ich ihnen das Geleite bis zum Gasthof gebe?“ fragte der junge Herr und sprang hinaus. Die alte Dame nickte ihm wohlwollend zu, und Jella, nachdem sie ihrer Reisegefährtin glückliche Reise gewünscht, konnte es nicht vermeiden, dem hilfsbereiten Herrn beim Aussteigen die Hand zu reichen und leicht zu grüßen. Die schwerfällige Frau aber be⸗ wegte sich langsam aus dem Coupe und stützte fest ihre Rechte auf des jungen Herrn Schulter. Es ging dies nicht allzu schnell von Statten, und als sie endlich sicher auf den Füßen stand und sich der hilfreiche junge Mann nach Jella umsah, da war diese verschwunden.„Wo ist Ihr Fräulein Tochter?“ fragte er und schaute über die Menge. f
„Das Fräulein ist nicht meine Tochter,“ erklärte die Dame lachend;„wir reisten von Wien aus zusammen, und weil sie in der Nacht, als sie mich eingeschlafen glaubte, so herzbrechend weinte und sonst ein gutes, braves Wesen zu sein scheint, so hätte es mir Vergnügen gemacht, Näheres über sie zu erfahren; es ist mir dies aber nicht gelungen.“
„Ah, da ist der Hausbursche aus dem Adler,“ rief der junge Herr.„Louis, nehmen Sie das Gepäck dieser Dame und sorgen Sie für ein gutes Zimmer,— ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen, gnädige Frau,“ und damit war er im Gedränge verschwunden.
Die alte Frau lachte gutmüthig vor sich hin und sagte: „Kommen Sie, Louis.“
III. In einem allerliebsten Boudoir, das der Morgensonne kaum einen Einblick durch die dichten persischen Gardinen gestattete, befand sich in halbliegender Stellung in eleganter Morgentoilette
„Es sind nur noch ein paar
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